Jahrgang 
2 (1879)
Seite
493
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fallen!

Schweigend ſtreckte er ſeine Hand nach dem Papier aus. Um weiter mit ihr zu ſtreiten, dazu war er zu verzweifelt.

Da ich bei ihr noch die Stelle eines Vormundes ver⸗ grete, fing er mit gebrochener Stimme an,und da wir in ſo naher Zeit für immer vereinigt werden ſollten, halte ich *s nicht für einen Vertrauensbruch, wenn ich vor Euch Allen dieſen Brief leſe; er trägt möglicherweiſe dazu bei, die Räthſel zu löſen.

Wie ein Held, der offenen Auges das Beil anblickt, das auf ihn niederfallen will, glättete er behutſam das zerknitterte Blatt Papier und brachte es dem Lichte näher; vor ſeinen Augen hing ein Nebel, der ihn hinderte, die Zeilen ſo raſch zu entziffern, wie er es ſonſt wohl gekonnt, doch er raffte ſich gewaltſam zuſammen, um den Inhalt zu erfahren. In athem⸗ loſem Schweigen warteten Alle auf Auflklärung, doch dieſe kam nicht; zwei, dreimal las Ulih Ford den Brief durch, be⸗ trachtete ſich aufmerkſam die Unterſchrift, auch die Adreſſe und die Poſtmarke, dann rief er plötzlich, wie aus einem ſchweren Traume erwachend, aus:

Großer Gott! Kann das möglich ſein?

Was denn? Was iſt mit ihr? Theile es uns doch mit! erſcholl es von allen Seiten; doch im erſten Augenblick ſchien er noch alle Gewalt über ſich verloren zu haben.

Mein armes Kind! Mein armer Liebling! rief er dann aus.Haltet mich nicht zurück, ich muß ſofort hin zu ihr!

Wo iſt ſie denn? Wohin willſt Du?

Hin nach dem verrufenſten Quartiere Rockbury's, hin nach den dumpfen Höhlen, wo die grauſamſten Fieber hauſen! Gott im Himmel! Wie leicht kann ſie denen zum Opfer Ich muß hin, ihr zu Hilfe, ſo ſchnell die Pferde laufen können!

Ich verſtehe Dich nicht, Ford, warf Sir Lionel ein; Du ſagſt, Petronel iſt in dem Quartiere, das Du uns ſchilderſt. Wie iſt ſie denn dahin gekommen, der junge Moore kann ſie doch nicht dahin gebracht haben?

Moore! O nein! Seiner wird in dieſem Briefe mit keiner Silbe gedacht!(Selbſt in dem Augenblick der höchſten Angſt konnte er doch nicht widerſtehen, ſeiner Schweſter einen Blick des Vorwurfs zuzuwerfen, vor dem ſie zurückbebte.) Nein, Sir Lionel, ſie iſt dahingegangen auf das Verlangen Jemandes, der einmal ſchon viel Elend und Trübſal über uns gebracht! Dieſer Brief iſt von ihrem Vater von David Fleming!

Noch bevor ſich die Umſtehenden von ihrem Staunen er⸗ holen konnten, in das ſie ſeine Worte verſetzt, war er auf und davon.

14. Kapitel Betronel's Tagebuch.

Herr Moore und ich waren auf unſerer Fahrt nach Rock⸗ bury auffallend ſchweigſam, die wenigen Worte, die wir wechſelten, betrafen Felicite und die Chancen für die Ein⸗ willigung ſeiner Eltern. Meine Gedanken weilten faſt un⸗ ausgeſetzt bei der mir bevorſtehenden Zuſammenkunft mit dem Vetter Ulih, und mit Augſt und Sorge dachte ich daran, wie er wohl meine Wünſche und Pläne, die ihm doch ſonderbar vorkomnen mußten, aufnehmen würde; die meines Reiſe⸗ gefährten waren, wenngleich ganz anderer, ſo doch ähnlicher

Concordia.

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Art. Die direkte Straße in Nockbury, die nach dem Bahnhofe führte, ging noch vor dem Hauſe des Vetters Ulih rechts ab. Als wir an dem Punkte anlangten, ließ ich halten und ſtieg aus. Der Zweck meiner Expedition war ſo dringlich und meine Ungeduld, nach Rockbury zu kommen, ſo groß geweſen, daß ich anfänglich gar nicht daran dachte, daß man über meinen Verkehr mit Herrn Moore geſprochen hatte und daß man unſer téte-à-téte im Wagen auffällig finden könnte. Nach einiger Zeit fiel mir dieſes ein, und ich hielt es doch nicht für gerathen, vor den Augen der Couſine Marcia ab⸗ zuſteigen. Herr Moore niderſetzte ſich dem entſchieden, daß ich noch etwa hundert Schritte auf dem Straßenpflaſter gehen follte; auch der Kutſcher bemerkte, es ſei kein Umweg, wenn er vor unſerem Hauſe vorüberführe, ich ſprach jedoch meinen Wunſch, abzuſteigen, ſo beſtimmt aus, daß Herr Moore halten ließ und dann mit der Hand winkend weiterfuhr, während ich auf unſer Haus zuging.

Je näher ich der Thür kam, deſto nervöſer und ängſtlicher wurde ich. Es war gegen drei Uhr; Vetter Ulih war wahr⸗ ſcheinlich nicht zu Hauſe, dahingegen ſeine Schweſter, und ich ſah es kommen, daß dieſe mich erbarmungslos ausfragen und abkanzeln würde. Doch ich hatte keine Wahl mehr. So ſammelte ich denn mit dem feſten Vorſatz, mich tapfer durch⸗ zuſchlagen, all' meinen Muth und ſchritt auf die Hausthür zu. Dort ſtieß ich auf Jane, die ich früher ſchon oft genannt, die anfänglich Hausmädchen und ſpäter Jungfer bei uns war; ſo wie ich ſie erblickte, fragte ich ſie:

Nun, Jane, wie ſieht es hier aus, iſt der Herr Doktor zu Hauſe?

O, Miß Fleming, wer hätte wohl erwartet, Sie hier zu ſehen! Nein, der Herr iſt aus, und wenn ich ihn recht ver⸗ ſtanden, wie er mit Wheeler ſprach, ſo bleibt er den ganzen Tag fort und kommt erſt ſpät in der Nacht zurück.

Dieſe Antwort konſternirte mich vollſtändig; ich hätte allerdings darauf vorbereitet ſein müſſen, es war ja nichts Außergewöhnliches.

Wo iſt denn Wheeler?

Er iſt aus, er ging fort, um irgend einen Freund zu beſuchen; die Köchin ging auch aus, ſie ſagte mir beim Weg⸗ gehen, ſie hätte heute für Niemanden zu kochen, wenn Nach⸗ frage nach dem Herrn käme, ſo ſollte zu Herrn Auſtin geſchickt werden.

Aber Miß Ford iſt doch hier, ſie kam ja hente Morgen von Frampton herein?

Davon weiß ich nichts, hier im Hauſe iſt ſie nicht; doch nun Sie ihren Namen nennen, fällt mir ein, daß ich Wheeler ſagen hörte, Miß Ford ſei gegen ein Uhr einen Augenblick hier im Hauſe geweſen jetzt iſt Niemand hier. Beabſichtigen Sie vielleicht mit ihr bei uns zuſammenzutreffen, ſo treten Sie gefälligſt herein, vielleicht kommt ſie noch.

O nein, das geht nicht! antwortete ich raſch; ich fürchtete ſchon, ſie würde meine Aufregung bemerken.Du wollteſt wohl auch gerade ausgehen?

Ja, Miß! Augenblicklich iſt in beiden Häuſern für mich nicht viel zu thun, darum erlaubte mir Wheeler, zu meinen Eltern zu gehen; doch wenn ich Ihnen in irgend einer Art dienlich ſein kann, ſo ſtehe ich ganz zu Ihrem Befehl.

Nein, Jane, ich bedarf Deiner nicht, laß Dich nicht ab⸗

halten, zu Deinen Eltern zu gehen, ich wollte eben hin, und