goncordia.
das neue Haus beſehen,“ und mit freundlichem Lachen Jane entlaſſend, ging ich anſcheinend ganz unbefangen über die Straße und trat in das neue Haus, in dem wir in Zukunft wohnen ſollten. Hier waren Arbeiter aller Art geräuſchvoll beſchäftigt; ſie legten Fußdecken, ſetzten Möbel und hingen Bilder auf, und dergleichen. Da jedoch Alle oben bei der Arbeit, ſo ſchritt ich unbemerkt über den Flur in die Stube, in der mein Liebling wohnen ſollte(ſo nannte ich ihn in meinem Herzen, ihm gegenüber war ich zu ſcheu, um ihn anders, wie„Vetter Ulih“ anzureden). Ich zog mir einen
Stuhl hervor, ſetzte mich darauf und legte rathlos meinen
Kopf in beide Hände.
Da war ich nun in Rockbury und wußte in aller Welt Gottes nicht, was ich beginnen ſollte! Meine Abſicht war es geweſen, mir ſeine Einwilligung oder zum Wenigſten ſeine Anſicht zu meinem Vorhaben einzuholen; nun war er aus und kehrte wahrſcheinlich erſt nach mehreren Stunden zurück, ich wußte nur zu gut aus eigener Erfahrung, daß er gewöhn⸗ lich noch länger ausblieb, als er urſprünslich erwartet.
Unmöglich konnte ich doch die ganze Nacht in Rockbury bleiben, meine Großeltern würden ja vor Angſt vergehen, wenn ich gar nicht heimkehrte! Und hätte ich es auch gethan und des Vetters Rückkunft erwartet, wie leicht konnte meine Reiſe nutzlos werden; im Briefe ſtand, wenn ich meinen Vater noch lebend ſehen wollte, ſollte ich ſofort zu ihm kommen, und mehr als ſechs Stunden waren ſchon verſtrichen, ſeit ich den Brief erhalten! Wehe mir, wenn ich in der thörichten Hoffnung auf eine Erlaubniß, die mir ſchließlich noch verſagt werden konnte, länger zögerte und dann zu ſpät kam! Den Nachmittag hatte ich noch vor mir, in einer Stunde vielleicht konnte ich Alles abmachen;— ſollte ich es wagen?
Während ich noch überlegte, griff ich aufgeregt in meine Taſche, um den Brief nochmals durchzuleſen. Ich dachte darüher nach, in wie kurzer Zeit ich wohl das angegebene
Lokal erreichen könnte. Doch war meine Taſche leer!— ich mußte den Brief meines Vaters durch ein Verſehen mit aus der Taſche gezogen und verloren haben, oder er mußte in Frampton vergeſſen ſein! Dieſes brachte mich zur Entſcheidung. Ich fürchtete, ihn durch meine unverzeihliche Sorgloſigkeit in Gefahr gebracht zu haben. Die einzige Möglichkeit für mich, dieſes wieder gut zu machen, war, wenn ich ſofort zu ihm eilte, ihm das verlangte Rendezvous bewilligte und dann ſo ſchnell als möglich wieder nach Rockbury fuhr, um die ver⸗ derblichen Folgen, die das Auffinden des Briefes mit ſich bringen konnte, abzuwenden. Urſprünglich hatte ich den Wunſch und Willen gehabt, offen und ehrlich bei meinem Handeln zu ſein, doch das Schickſal wollte es nicht, und ſo blieb mir nichts übrig, als einfach meine Pflicht zu thun.— Naͤch⸗ dem ich dieſen Entſchluß gefaßt, ſtand ich ſchwankend auf und ging wie betäubt über die Treppe zum Hauſe hinaus auf die Straße. Ganz in der Nähe war eine Halteſtelle für Droſch⸗ ken; ich winkte mir eine heran, und erwartete auf dem Trottoir ihr Kommen.—
„Wohin wünſchen Sie?“ fragte der Kutſcher, während er mir den Schlag öffnete.
Die mir angegebene Adreſſe ſtand wie mit Feuer ein⸗ gebrannt in meinem Gedächtniß, und ich erwiderte ohne Zaudern:
„Nach dem Gaſthof„Zum goldenen Engel“ in der unteren Schifferſtraße.“.
Vollſtändig unbekannt mit dem Stadtviertel, wohin ich wünſchte, und nicht wiſſend, ob der„Engel“ ein Gaſthof erſter Klaſſe oder nur ein gewöhnliches Wirthshaus war, merkte ich doch dem Manne an, was er davon hielt, als ich ihm mein Ziel nannte. 1 3
„Bitte, Miß,“ ſagte er, als ob er überzeugt davon war, ſich verhört zu haben,„wohin ſagten Sie?“
„Nach dem„Goldenen Engel“ in der unteren Schiffer⸗ ſtraße!“ erwiderte ich etwas ärgerlich;„fahren Sie, ſo raſch es geht!“
Der Kutſcher blickte erſtaunt auf. Offenbar ſah er mir an, daß ich in guten Verhältniſſen lebte, und bemerkte dann, indem er ſich beim Schließen der Thür länger als nöthig zu thun machte, verdroſſen:
„Dort giebt es jetzt viel Krankheit!“
„Ja, das weiß ich,“ antwortete ich haſtig, den Wink be⸗ nutzend,„es iſt auch ein Kranker, den ich dort beſuchen will; bitte, bringen Sie mich möglichſt raſch dahin.“ Als er ein⸗ ſah, daß ich entſchloſſen war, beſtieg er ſeinen Bock, und bald war ich auf dem Wege zu meinem unglücklichen Vater.
Trotz meiner Aufregung in der Ausſicht auf unſer Wieder⸗ ſehen entging mir der auffallende Schmuz und die Unſauberkeit in den Straßen nicht, als wir die beſſere Gegend von Rockbury hinter uns hatten. Ich war wiederum im Begriff, in das Stadtviertel zu kommen, das ich einſtmals als Kind ohne Erlaubniß betreten, bei Gelegenheit der erſten unvergeßlichen Promenade bald nach meiner Ankunft in Rockbury. Damials ſchlenderte ich arglos durch die verrufenen Straßen und ſtand bei Allem, was mir neu war, ſtill; diesmal wandte ich mich voll Abſcheu von den Geſichtern, die zum Vorſchein kamen, als wir vorbeifuhren, und verſchloß mein Ohr gegen die Ge⸗ ſänge und Begrüßungen, die ich hörte. Mehr als einmal kam mir das Gefühl, es wäre unmöglich für mich, weiter zu fahren; hätte ich nicht des beſtimmt ausgeſprochenen Befehls meines Vaters gedacht, ſo hätte ich den Kutſcher gebeten, um⸗ zukehren. Dieſer ſchien inſtinktmäßig meine Gedanken zu er⸗ rathen; einmal hielt er an, beugte ſich zu mir in den Wagen und fragte mich ernſthaft:
„Sind Sie Ihrer Sache auch gewiß, Miß? Habe ich Sie auch nicht falſch verſtanden?“.
„O, nein!“ antwortete ich— dabei traten mir vor Angſt und Unſicherheit die Thränen in die Augen—„aber ſagen Sie mir, iſt die Straße, wohin wir fahren, denn ſo verrufen?“
„Für Sie paßt ſie nicht,“ erwiderte er unſicher,„doch ſie iſt immerhin noch beſſer als dieſe hier.“
„Bitte, dann fahren Sie nur zu!“ ſagte ich entſchieden, ich ſah ein, es ging nicht anders. Nach kurzer Zeit bogen wir in eine Straße nahe am Hafen, worin es etwas anſtändiger ausſah, und hielten vor einem Hauſe, das, wie ich ſpäter hörte, der allgemeine Verſammlungsort der Schiffer war. Mein freundlicher Kutſcher präſentirte es mir als den„Goldenen
„Warten Sie meine Rückkehr ab!“ flüſterte ich ängſtlich beim Ausſteigen, dann trat ich über die Schwelle und erröthete nicht wenig, als ich zum erſten Mal in meinem Leben allein in eine öffentliche Schänke trat.—
Drinnen traf ich eine große ſtarke Frau hinter dem Schänk⸗


