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Concordia. 3 491
kleiner dadurch, daß Regine Haller noch lebt?
„Meinen Sie denn, Verblendeter, Ihre Schuld würde Können Sie ermeſſen, welche Leiden ſie vielleicht hat durchkämpfen müſſen — wie ſie, krank und elend, ihren und ihres Kindes Hunger nicht zu ſtillen vermochte und dem Mitleid, der Gnade Fremder überlaſſen blieb? Meines Erachtens müßte der Ge⸗ danke ihres Todes Ihr Gewiſſen weniger belaſten, als das Bewußtſein, achtzehn lange Jahre voll Qual und Elend ver⸗ ſchuldet zu haben. Für mich wäre das Letztere entſchieden nieder⸗ ſchmetternder. Wie aber, wenn Regine vielleicht geſtorben, ihr Kind in ruchloſe Hände gekommen und zum Verbrecher, zur käuflichen Dirne geworden?— Was dann?“
„Hören Sie auf, Nolding!“ flehte der Baron mit ge⸗ brochener Stimme.„Sie kennen die Beſtimmungen in meinem Teſtament, die dieſen Punkt berühren. Es wäre ſchrecklich, wenn dies Entſetzlichſte auch noch über mich hereinbrechen ſollte! Nein, nein, es kann— es wird nicht ſein!— Sie wiſſen nicht, Nolding, wie Ihre Worte mein Herz durchwühlen, wiſſen nicht, wie unermüdlich mit ſcharfem Zahn der Wurm der Reue an mir nagt! Ich habe ſie gehüßt, die ſchwere Schuld meines Lebens— all' die langen Jahre, die ich elend und voll Verzweiflung durchlebte; ich wünſche Ihnen nicht, nur den hundertſten Theil von dem je empfinden zu müſſen, was ich empfand!“
„Schwächling, der Sie waren!“ ſagte Nolding mitleidslos. „Sie hätten ſich freimachen müſſen, um jenes Mädchen zu heiraten.— Und nicht nur die eine Schuld haben Sie auf ſich geladen; auch in Ihrer verſtorbenen Gattin wird Ihnen eine Anklägerin. Sie wurden von ihr abgöttiſch geliebt und hätten dieſe Liebe wenigſtens dulden und dankbar dafür ſein müſſen, ſtatt ihr mit Haß zu lohnen. Denn darüber hat ſie ſich zu Tode gegrämt.“
„Nein, Nolding, das muß ich zurückweiſen,“ erklärte der Baron entſchieden.„Zu Tode getanzt hat ſie ſich! Mag ſein, daß die Verzweiflung über meine Kälte ſie getrieben, Erſatz dafür im hohlen Glanz des Geſellſchaftslebens zu ſuchen. Nur um ſo widerwärtiger wurde ſie mir dadurch. Fragen Sie ſich ſelbſt, Nolding, könnten Sie auch nur einen Funken
Achtung empfinden für eine Frau, die im Rauſche des Ver⸗ gnügens ihren Schmerz zu übertäuben ſucht, den ſie doch viel würdiger in aufopfernder, reiner, hingebender Liebe zu ihrem Kinde trüge? Hier war ihr Platz fortan und nicht im Ball⸗ ſaal! Hier nur gab es Heilung für ihre Wunden, Troſt für ein verſchmähtes Herz! Wer weiß, ob eine ſolche edle Re⸗ ſignation mich nicht doch noch zu ihr gezogen hätte; mindeſtens wohl wäre meine Abneigung geſchwunden. Aber ſie be⸗ ſchäftigte ſich nur dann mit Freda, wenn es das Arrangement einer neuen Toilette für dieſelbe— oder gar das Einpauken eines albernen Gedichtes galt. Sie hatte keine Idee von der hohen Aufgabe der Kindererziehung.— Ich liebte ſie nicht, nein! denn welches Herz ließe ſich wohl je zur Liebe zwingen? Sie wußte es auch vor unſerer Verheiratung, daß ich ſie nie⸗ mals lieben würde, ja, daß ihre bloße Nähe mir ſchon un⸗ angenehm. Weshalb ich ſie heiraten mußte— auch darüber war ſie im Klaren. Wer trägt da wohl größere moraliſche Schuld?— Und dann— hatte ich nicht ſpäter die redliche Abſicht, mich von ihr zu trennen und eine Heirat mit Regine einzugehen, die mich zum glücklichſten Menſchen gemacht hätte? Durfte ich aber wohl je ein Wort von Trennung über die Lippen bringen, shne daß ſie erklärte, ſie würde nie darauf eingehen, ſich eher ein Meſſer in's Herz ſtoßen, als von mir gehen? Sie kannten das exzentriſche Weſen Editha's, das in Momenten der Aufregung ſie zu Allem fähig machte.— Immer wieder drang ich auf Trennung und immer wieder ſtieß ich auf hartnäckigen Widerſtand, bis endlich das Schreck⸗ liche geſchah, das mein Leben zur Höllenqual werden ließ. Ein Schwächling! Ja— ich war es, und doch vielleicht nicht in dem Grade, als Sie glauben. Endlich hätte ich die Trennung dennoch durchgeſetzt und eine Vereinigung mit Re⸗ gine herbeigeführt— glauben Sie mir— wenn an jenem Tage, wo ſie durch den unglückſeligſten Zufall entdecken mußte, daß ich nicht Rolf Donau, ſondern der Gatte der Baronin von Seidenau und Freda's Vater ſei— wenn Regine an jenem Tage nicht ſelbſt mit vorwitziger Hand in unſer Beider Geſchick eingegriffen hätte.“ (Fortſetzung folgt.)
Betronel.
Roman aus dem Engliſchen von Florence Marryat. (Fortſetzung).
Ein Nachmittag mit ihrer theuren Mathilda that Miß Ford inſoweit gut, daß ſie, als ſie gegen fünf Uhr Abſchied von ihr nahm, um nach Framplon zurückzukehren, ganz davon durchdrungen war, ſie ſei eine Martyrin vom reinſten Waſſer; und Jedermann weiß, daß es immer tröſtlicher iſt, ſelbſt zu leiden, als Anderen Leiden zu verurſachen.
Was nun ihren Bruder anbetraf, ſo hatte dieſer einen Stoß von ihr erhalten, der ihn ſo erſchütterte, daß er alle ſeine Kraft zuſammennehmen mußte, um ſich durch die Ar⸗ beit, die noch vor ihm lag, durchzuſchlagen. Durch nichts in der Welt hätte ſeine Schweſter ihn betrüben können, als durch dieſe Beſchuldigung, er war nur zu ſtolz, um ſie es fühlen und ſehen zu laſſen. Als er allein war und Alles Überdachte, verdammte er ſich ſelbſt, daß er überhaupt einen Verdacht hatte aufkommen laſſen, gleichwohl vermochte er
nicht, alle Schatten aus ſeiner Seele zu bannen, und immer wieder tauchten die angeregten Zweifel und Befürchtungen in ihm auf und machten ihn tief unglücklich. In ſeinem Schmerz fielen ihm feine eigenen Skrupel, der Hohn ſeiner Schweſter und die Warnungen ſeiner Freunde wieder ein, er dachte daran, wie ſich Petronel's Liebe zu ihm von Anfang an ſtets nur zart, nie leidenſchaftlich geoffenbart, ſo harmlos und kindlich, und in ſo ganz anderer Art, wie er es von Anderen gehört und geſehen. 8
Seine Schweſter ſagte in ihrer Anklage, ſie hätte immer nach Gelegenheiten gehaſcht, Herrn Moore heimlich zu ſehen und zu ſprechen; hatte ſie bei ihm wohl je ein Gleiches ge⸗ than? Wenn er ſich dann das Bild des jungen Mannes vergegenwärtigte, wobei ihn ſtets ein Schauder überlief, mußte er ſich eingeſtehen, daß dieſer


