490 Concordia.
Erinnerungen mich knüpfen, auch zu beſchließen. Ein gutes Stück von der übrigen Welt hat mein Evchen, trotz ihrer Jugend, ſchon kennen gelernt; der kleine Vogel iſt ja ſchon ſo weit mit mir herumgeflogen, wie manch' Einer in ſeinem Leben nicht. Nach Paris zieht es mich nicht zurüick, dort habe ich mich niemals heimiſch fühlen können. Was meinſt Du nun, wen wir den Winter über immer hier blieben und im Sommer von hier aus Erholungsreiſen in anſere liebe Schweiz oder ſonſt wohin machten?“
„Herrlich, Mama, ach ja, das wollen wir! Nicht nach Paris zurück, hier lebt ſich's viel beſſer. Hier iſt es ſo wun⸗ derhübſch, noch nirgends hat es mir ſo gut gefallen, und ich möchte nie wieder fort. Du gute, gute Mama, das iſt ein prachtvoller Plan!“
Die Schleppe des Reitkleides über den Arm nehmend, tanzte Eva vor Vergnügen in der Stube herum. Ihr Freuden⸗ ausbruch war ein ſo lebhafter, daß Frau von St. Etienne ſie überraſcht und mit einem forſchenden Blicke anſah.
„Du biſt ja ganz außer Dir, Kind! Was kann Dich wohl veranlaſſen, den Aufenthaltsort in dieſer Stadt ſo be⸗ ſonders zu wünſchen?“
„Mich? O, Mama— nichts— nein— wirklich— nichts Beſonderes—“
Aber ihre ehrlichen, großen, grauen Augen ſprachen das Gegentheil. Sie hielten den forſchenden Blick Frau von Etienne's nicht aus, ſondern ſenkten ſich verwirrt zu Boden, von deſſen kunſtvoll gearbeitetem Parquet ſie eine dringende Einladung zum Bleiben erhielten. Endlich erhoben ſie ſich wieder und trafen das lächelnde Antlitz der Mutter.
„Kleiner Schelm Du,“ ſag „komm' einmal zu mir!“
Mit einem Satz war Eva wieder auf dem Tabouret zu Füßen ihrer Mutter, ſteckte den Kopf in die Falten des bauſchigen Seidenkleides derſelben und ſtammelte erglühend:
„Frage doch nicht, liebe, gute Mama!— Frage mich doch nicht!“
Frau von St. Etienne hob das Goldköpfchen ihrer Tochter empor.
„Nein, nein— mein Herzblatt muß beichten; mir ahnt ſchon etwas. Nicht wahr, Du liebſt ihn?— Ich meine— Herbert von Seidenau?“
Nun war's vorbei mit allem Leugnen.
„Ja, tauſendmal Ja, Mama, ich liebe ihn!“
„Sohr?“
„Grenzenlos!“
„Und er liebt Dich wieder?“
„Das— das weiß ich nicht— aber ich glaube es faſt.“
„Nun höre, Evchen, ich glaube es auch,“ fagte Frau von St. Etienne und lächelte zufrieden vor ſich hin.„Und mir wäre ein Schwiegerſohn wie Herbert ſchon recht; ich mag ihn gern leiden. Er iſt ein braver, guter Menſch und wird mein Evchen gewiß glücklich machen. Freda's Vater, ſein früherer Vormund, iſt ihm außerordentlich zugethan, was bei einem ſo ſonderbaren alten Mann ſchon etwas ſagen will. Wie ich
dieſe, ſcherzhaf
drohend,
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gehört, will Herbert, nachdem er noch einige Jahre dem Kaiſer gedient, die Bewirthſchaftung ſeiner Güter übernehmen. Seine Verhältniſſe ſollen geregelte, ſogar außerordentlich günſtige ſein; ſo könnte ich ihm mein Eychen mit ruhigem Herzen an⸗ vertrauen.“
„Ob er reich oder arm iſt, Mama, das gilt mir gleich, Mir gilt nur Eins— ſeine Liebel!“
„Natürlich, mein Herzchen! Das, was Du beſitzeſt, würde wohl vollkommen für ein ſtandesgemäßes Auftreten ausreichen, auch wenn Herbert blutarm wäre. Aber Du darfſt es dem Mutterherzen nicht verargen, wenn es nach allen Seiten für das innere und äußere Glück ſeines Lieblings beſorgt iſt.— Geh' nun in Dein Zimmer, kleide Dich um und komme dann in den kleinen Salon, wo wir zu Abend ſpeiſen wollen.“
11. Kapitel. Das entdeckte Geheimniß.
Am Fenſter, über ein Buch gebeugt, ſaß ein alter Mann.
Spärliches, graues Haar fiel auf die eingeſunkenen Schlä⸗ fen, die Züge des in ſeinen Jugendjahren gewiß ſchön ge⸗ weſenen Antlitzes waren welk und ſchlaff und gramdurchfurcht. So zuſammengeſunken ſaß er da, daß man meinen konnte, ihm mangele die Kraft der Muskeln, ſich emporzuvichten, und ſchweres, körperliches Leiden feſſele ihn ſchon jahrelang an den Lehnſtuhl. Wie er jetzt das Buch ſinken läßt, die Rechte ſinnend an die Stirn erhebt und den matten, glanzloſen Blick ſtarr auf die Erde heftet, hätte man glauben können, einen jener Betlagenswerthen vor ſich zu haben, die vollſtändig gegen alle Eindrücke von außen abgeſtumpft ſind.
Ein Klopfen an die Thür ſchreckte den Träumer auf.
„Herr Juſtizrath Nolding läßt fragen, ob der Herr Baron zu ſprechen ſind—“ meldete der eintretende Diener. 5
„Gewiß, gewiß! Laß ihn eintreten.“
Ein hoher, kräftiger Mann, in ſeiner Erſcheinung den gradeſten Gegenſatz zu derjenigen des Barons bietend, betrat das Zimmer.
„Willkommen, lieber Juſtizrath!“ begrüßte ihn der Baron. „Wie freue ich mich, daß Sie endlich wieder hier ſind! Haben Sie trgend etwas eutdeckt?“
Eine leiſe Spannung bei dieſer Frage gab dem verfallenen Geſicht etwas mehr Leben und Färbung.
„Nicht das Geringſte,“ erwiderte der Juſtizrath.„Wieder einmal ein Phantom, das uns geäfft hat. Jener junge Menſch, von dem Sie glaubten, daß es Ihr Sohn ſein könne, hat er⸗ wieſenermaßen noch beide leibliche Eltern. Der Geburtsname der Frau iſt ein uns durchaus nichts angehender.“
„Alſo wieder nichts!“ ſtöhnte der Baron und ſiel wieder zuſammen.„O Gott, und ich hatte diesmal ſo eine Ahnung—“
„Die haben Sie eigentlich immer,“ bemerkte der Juſtiz⸗ rath.„Bei jeder Spur, die auftaucht und ſich ſchließlich als falſch erweiſt. Geben Sie die Hoffnung auf, Seidenau. Sie werden immer elender durch dieſe Spannung. Jenes Mädchen hat ſich damals entſchieden in den Fluß geſtürzt, wenn man auch nicht ihre Leiche gefunden hat.“
„Ich kann es nicht glauben, Nolding,“ ſprach der Baron dumpf;„ich würde niich ja noch tauſendmal ſchuldiger fühlen, wenn ich mir ſagen müßte, daß ich ſie Durch meine Träume würde das Wort Mörder! klingen— — nein, ich kann dieſen Gedanken nicht ertragen. Mit dieſe Ueberzeugung hätte ich ſchon längſt meinem Leben ein En
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