Jahrgang 
2 (1879)
Seite
489
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Concordia.

das koſtbarſte Kleinod der Welt! Alles Alles könnte ich

opfern, um in ſeiner Nähe, an ſeiner Seite zu leben. Mein

Herzblut tropfenweiſe! wollte ich für ihn verſpritzen, wenn er es forderte. Eitles Hoffen, noch an das Erwachen ſeiner Neigung zu glauben! Nun er in ihren Banden, iſt jedes Ringen danach vergebens! Wäre mir's vergönnt ge⸗ weſen, mein Geſchick mit dem ſeinen verflechten zu dürfen, ſein Weib zu werden o himmliſcher Gedanke! ich hätte ſanft und gut und fromm werden können. Nun aber der letzte Hoffnungsfunke in mir erloſchen, will ich der böſe Dämon ſein, deſſen Stimme in mir nach Rache ſchreit! Noch iſt ſie nicht reif dafür, aber gedulde Dich, mein Herz, ſie wird es werden! Und ich werde ſchon etwas erſinnen, das ſie dem Himmel ihres Glücks entreißt und in den tiefſten Abgrund der Verzweiflung ſchleudert. Büßen ſoll ſie die Qualen, die ſie mir bereitet; abrechnen will ich mit ihr um jeden Blick, um jedes Lächeln, mit dem ſie ſein Herz umſtrickt und das meine grenzenlos zermartert!

Freda legte nun die Toilette für die Abendtafel an und begab ſich in den Speiſeſaal, wo die Mitglieder der Familie ſich zur Mahlzeit vereinigten.

Eine ungleich freundlichere Szene ſpielte ſich zu derſelben Zeit im Hauſe Frau von St. Etienne's ab.

Als Eva, noch im Reitkoſtüm, in's Zimmer trat, wurde ſie von einer am Fenſter ſitzenden, alten Dame liebevoll begrüßt.

Da biſt Du, Kind! Mairöslein, auf dem der Thau glänzt. mir und erzähle. Wo wart Ihr denn?

Eva ließ ſich zu den Füßen der alten Dame nieder. O, überall, Mama! Zuerſt ritten wir nach Weißburg bis zur Kloſterruine und dann beim Stadtpark vorbei, in die Nähe des Fluſſes, den Weg an der Ebene hin, wo wir noch Spaß mit einigen Kindern, die Purzelbäume ſchoſſen, hatten, und dann ſo zurück. Sie beſchrieb einen großen Bogen durch die Luft.

So weit ſeid Ihr geweſen! Aber weißt Du, mein Evchen, daß ich Dich eigentlich nicht gern in Freda von Seidenau's Geſellſchaft ſehe? Mit ihrem verbitterten, galligen Gemüth paßt ſie ganz und gar nicht zu meinem friſchen, fröhlichen Kinde. Sie iſt noch gar nicht ſo alt, nein warte Fünf⸗ bis Sechsundzwanzig kann ſie zählen, aber ſie macht einen viel,

viel älteren Eindruck. Schon als Kind hatte ſie etwas Fin⸗ ſteres, Störriſches an ſich, und ſo wie ich ſie wiedergefunden, ſind dieſe wenig liebenswerthen Eigenthümlichkeiten ihr ver⸗ blieben. Du weißt, daß ich, ehe ich meinen verſtorbenen Gatten heiratete und demſelben nach Frankreich folgte, mit meinen Eltern in dieſer Stadt gelebt; hier verfloſſen, in Glück und Frohſinn, meine Jugendjahre, deshalb wird mir der Ort immer theuer bleiben. Wir kamen häufig mit Seide⸗ nau's zuſammen. Damals lebte Freda's Mutter noch, auch eine eigenthümliche Frau. Ich glaube, in ihrem Herzen war ſie tief unglücklich, da ihr Mann ſie nicht liebte, nicht einmal leiden mochte. Durch die auffällige Vernachläſſigung von Seiten des Barons mag ſie viel gelitten haben, die arme Seele! Ihre Erſcheinung, ihr ganzes Weſen war jedoch un⸗ ſympathiſch, daß man die Abneigung des Barons wohl begreifen konnte. 4

Aber warum heiratete er ſie denn? fragte Eva erſtaunt.

Wie friſch Du ausſiehſt! Wie ein Komm', ſetze Dich zu

Kind, dafür giebt es oft Gründe, die ſich einem näheren Verſtändniß entziehen. Man munkelte ſo etwas von zerrütteten Vermögensverhältniſſen. Als ich Freda von Seidenau beim Beginn des Sommers in der Schweiz wiederſah, wo, wie Dir ja bekannt, ein Zufall ſie, ſowie ihren Vetter Herbert uns entgegenführte, glaubte ich im erſten Augenblick, ihre Mutter ſei aus dem Grabe erſtanden. Zug um Zug daſſelbe eckige, unſchöne, finſtere Geſicht. Auch das Weſen der Verſtorbenen, ihr Charakter, hat ſich auf ſie vererbt, und das mag wohl der Grund dazu ſein, daß der Baron ſeiner Tochter dieſelbe Ab⸗ neigung widmet, die ſchon der Mutter ſo viel Kummer und Thränen gekoſtet.

Ich weiß es, ſagte Eva.Die arme Freda! Bei einer Bergpartie in der Schweiz machte ſie mir einmal Andeutungen darüber, daß ihr Vater, überhaupt Niemand ſie liebe.

Nur ihre Mutter hat ſie ſehr geliebt, entgegnete Frau von St. Etienne.Das war aber nicht echte, wahre Mutter⸗ liebe, die ein Segen jedem Kind, ſondern jene ſinnloſe Affen⸗ liebe, welche zum Fluche werden kann. Lange hat Freda dieſelbe allerdings nicht genoſſen, denn nach Zurücklegung ihres ſiebenten Lebensjahres ſtarb ihre Mutter. Schon vorher hatte der Baron den Staatsdienſt quittirt, da er plötzlich von einer förmlichen Reiſewuth, die ihn an alle Enden der Welt trieb, gepackt wurde. Fräulein Bunzel, welche, wie Dir bekannt, noch heut' im Seidenau'ſchen Hauſe weilt, nahm nun mit Einwillung des Barons, der weder Blick noch Wort für ſeine Tochter hatte, die Erziehung des Kindes vollſtändig in ihre Hand, jedoch ohne daß es ihr gelungen wäre, den ſchon allzu ſehr eingeniſteten Trotz und Eigenwillen Freda's zu brechen. Daß das halsſtarrige Weſen der Baroneſſe ihr wenig Freunde erwarb, war wohl nicht zum Verwundern, und ſo folgte Eines aus dem Anderen. Niemand liebte ſie, weil ſie ſich ſtets finſter und verſchloſſen zeigte, und ſie liebte Niemanden, weil Keiner freundlich zu ihr war. Wie immer in ſolchen Fällen, mag wohl auf beiden Seiten gleichviel Schuld gelegen haben.

O, wie glücklich bin ich dagegen! rief Eva aus und bedeckte die Hand der alten Dame, deren mildes, gütiges Antlitz ſich zärtlich über ſie neigte, mit Küſſen inniger Dank⸗ barkeit.Denn ich weiß ja, Du liebſt mich, Du biſt ſo freundlich und gut zu mir, daß ich dieſe Liebe und Güte niemals vergelten kann. Du beſte, beſte der Mütter, hab Dank!

Sprich doch nicht ſo thörichtes Zeug, mein Liebling, wehrte Frau von St. Etienne dem jungen Mädchen, das ſie mit Liebkoſungen beſtürmte,Du lohnſt mir ja reichlich alle Liebe; Du biſt ja mein liebes, braves Kind, das mich ebenſo innig wiederliebt ſie küßte Eva auf die Stirnbiſt ein hellleuchtender Stern dem Lebensabend der alten Frau, die ohne Dich recht, recht einſam ſein würde.

Eva legte den blonden Kopf auf den Schoß ihrer Mutter und ſtreichelte deren Hände.

Nach einer Weile fragte ſie:Nicht wahr, Mama, wir bleiben doch noch recht lange hier?

Nun einige Wochen gewiß noch. Aber warum fragſt Du? O, ich meine nur

Ich will Dir's nur geſtehen, fuhr Frau von St. Etienne nachdenklich fort,ich gehe mit dem Gedanken um, mein

Leben hier in dieſer Stadt, wo ich geboren und an die liebe 692

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