Jahrgang 
2 (1879)
Seite
488
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488 Concordia.

nun weiter in's Gebet nehmen, unterbrach Herbert das Ge⸗ ſpräch der beiden Damen und winkte den kleinen Burſchen, welcher vorhin eine ſo liebenswürdige Ausſage gegen diealte Hexe gemacht, aus der Reihe der Kinder wieder hervor.

Sage'mal, kleiner Pfiffikus, haſt Du denn die alte Frau, die da drinnen wohnt, ſchon geſehen?

Ja, ich habe ſie ſchon geſehen, ſie ſieht gräulich aus, erklärte der Junge, der in ſeiner Funktion als Vorredner ſich ungemein wichtig vorkam.Eine dicke, ſchwarze Pudelmütze hat ſie immer auf dem Kopf und ihre Augen ſind ganz roth und eine ſolche lange Naſe hat ſie.

Ja und einen Buckel und einen Pferdefuß und ellenlange Krallen an den Händen! ſchrieen die Anderen.

Ruhig! Ihr ſollt ruhig ſein! brüllte der Redner und eigte ſeinen Gefährten die Fäuſte.Ich will ſprechen! lbends inhr er dann fortmacht ſie immer einen H5 öllenlärm. Sie hat nämlich zwölf Katzen, die, wie ſie, am

Tage ſchlafen und Nachts wachen. Da traut ſich Keiner auch nur von Weitem vorbeizugehen, ein ſolches Springen und Kreiſchen und Balgen iſt da drinnen. Da zanken ſich nämlich die Katzen um's Futter. Wenn es dunkel wird, nimmt ſie eine große Laterne und geht mit den zwölf Katzen, die ſie alle an eine Schnur bindet, überall hier herum ſuchen.

Meiſtentheils drüben am Fluß. Dabei jammert und weint ſie:Ach, mein armes Kind, wo iſt mein armes Kind! ſagen, vor vielen Jahren hät

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Sie

e ſich ihre Tochter in den Fluß

ie ſchrecklich! ſagte Epa.Wenn auch Vieles davon iſt, ein Körnchen Wahrheit mag doch daran ſein. Habt Ihr denn noch niemals Jemanden in das Haus hineingehe n ſehen? fragte Herbert weiter.

Nein, niemals! antwortete der Junge.

O doch! rief ein kleines Mädchen.Ich habe ſchon öfter einen Herrn hineingehen und wieder herauskommen ſehen. Einen blaſſen, feinen Herrn mit grauen Haaren. Das wird wohl der Doktor geweſen ſein; die Hexe iſt vielleicht manch⸗ mal krank.

So, meinſt Du? lachte Herbert. ſie ſich dann michi ielii kuriren kann.

Ja, ſie hat vielleicht keinen Spiegel. Was? hie el,

9 Au ja⸗

Mich wundert, daß

Lenn eine Hexe krank iſt und ſie will wieder ummuch ſie blos einen Spiegel zu nehmen und dreina Varauf zu ſpucken. Aber wenn ſie halt keinen

geſund

Kind, Dein Glaube iſt groß! lachte Herbert und ſah beiden Damen an, welche Dir davon!

eine laute Lache aufſchlugen.

Das iſt mir denn doch zu viel, rief Eva und lenkte ihr Pferd um; ebenſo Freda.

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Herbert hatte nicht ſobald die Abſicht der Damen, ſich entfernen zu wollen, bemerkt, als er auch ſchon an Eva's Seite war.

Haben Sie Luſt, von der Bewohnerin des Spukhauſes Einlaß zu begehren? fragte er ſie. war ihre Antwort.Laſſen wir die Alte. Sie mag ſich unbeachtet am wohlſten fühlen. Ich gönne ihr die ſelbſtgewählte Einſamkeit.

Mir taucht eine dunkle Erinnerung auf, bemerkte Freda

111 177 Nein!

ſinnend,daß ich in früheſter Kindheit dies Haus einmal betreten habe. Wie war es doch ja, jetzt weiß ich es. Eine Malerin wohnte darin und von ihr ließ meine ver⸗ ſorhene Mutter auf einer feinen Porzellanplatte mich abmalen.

Dieſe Platte kam auf ein Tiſchchen, das zum Geſchenk für meinen Vater beſtimmt war. Aber ſonderbar! Ich habe das Tiſchchen ſpäter niemals wiedergeſehen. Weiß Gott, wo⸗ hin es gekommen iſt.

Wie alt warſt Du damals, Freda? fragte Herbert.

Vielleicht fünf Jahre, erwiderte ſie.

Dann bewundere ich Dein gutes Gedächtniß!

Damit war das Geſpräch über dieſen Punkt beendet.

Die Drei ritten nun, da es Zeit zur Heimkehr geworden, den Weg auf der Ebene, den ſie gekommen, zurück. Wenig wurde geſprochen; denn die Liebe iſt ſtumm und der Haß iſt es auch bis die Zeit zur Rache gekommen!

Vor einem großen Prachtgebäude in der Stadt nahm Eva, die hier wohnte, Abſchied, während Freda von Herbert noch bis zu ihrer Wohnung begleitet wurde. Hier verließ ſie dieſer, um in ſein Junggeſellenquartier, das er als Kavallerieoffizier bewohnte, zurückzukehren.

Freda hatte dem Reitknecht das Pferd übergeben und ſchritt über die breite Marmortreppe ihren Zimmern zu. Jede Hilfeleiſtung beim Wechſel der Toilette lehnte ſie ab; ſie wollte allein ſein. Denn ihr Herz war übervoll zum Zer⸗ ſpringen voll von Haß und Neid und quälender Eiferſucht.

Sie trat vor den Spiegel, riß den Hut vom Kopfe und ſchleuderte ihn in eine Ecke des Zimmers. Ihr Geſicht nahm einen böſen, zornigen Ausdruck an.

Schändlich! rief ſie aus und athmete tief auf, als wolle ſie mit dem einen Wort eine Bergeslaſt von ihrem Herzen wälzen,ſchändlich, mich ſo zu mißbrauchen! O über mich gutmüthige Thörin, die ſich richtig als Deckmantel für dieſe abgekartete Zuſammenkunft benutzen läßt! Mich fordert er zu einem Spazierritt auf, und als ich freudig darein gewilligt und überſchwenglichen Glückes voll an ſeiner Seite reite, hält er plötzlich vor dem Hauſe Frau von St. Etienne's und bittet mich, einen Augenblick zu warten, er wolle Eva abholen. Glaubt er, mit meinen vierundzwanzig Jahren ſei ich alt genug, um die Ehrendame zu ſpielen? O, es iſt zum Naſendwerden! Dieſe mondſcheinkranke, blonde Lorelei mit den ſchmachtenden Augen und dem Sirenenlächeln hat's ihm angethan. Alles iſt Koketterie und Berechnung an ihr! Ich kenne ſie, dieſe Blondinen mit den Taubenaugen und dem Schlangenherzen! Mit kalter Berechnung werfen ſie ihr Netz und triumphiren, wenn am Köder wohleinſtudirter Zurück⸗ haltung das auserſehene Opfer ſich feſtgebiſſen hat!

Freda's Augen ſprühten Blitze. Ihre Stirn zog ſich in böſe, drohende Falten; das wilde Ausſtrömen des leidenſchaft⸗ lichen Schmerzes trieb ihr das Blut zum Herzen und machte die wachsfarbenen Wangen noch um einen Schatten gelber.

Eine Weile ſaß ſie brütend da; dann ſprang ſie auf und ging heftig im Zimmer auf und nieder.

Sie darf ihn nicht beſitzen! rief ſie aus.Kann ihr oberflächliches Empfinden wohl einen Vergleich aushalten mit der Gluth der Leidenſchaft, die mich beſeelt? Ohne eine Ahnung zu haben von dem köſtlichen Gewinn, der im Beſitze ſeiner Liebe liegt, nimmt ſie leichtfertig an, was ihr voll und ernſt geboten wird. Mir aber erſcheint Herbert's Liebe als

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