472 Concordia.
„Ich ſah, daß Petronel mit der Poſt einen Brief von Herrn Moore erhielt— doch ich muß von vorn anfangen. Während ſeines ganzen Aufenthalts in Frampton war er ſtets und ſtändig ihr unzertrennlicher Begleiter, und Jedermann merkte es ihr deutlich an, wie ſie danach ſtrebte, mit iym allein zu ſein. Oftmals überraſchte ich das Paar im Garten und im Salon; eines Tages, als wir mit der Tante im Ge⸗ wächshauſe waren, verſuchte er, ihr einen Brief von ſich ſelbſt in die Hände zu ſpielen, bei der Gelegenheit fiel er herunter, und ich nahm ihn auf.“
„Marcia, es iſt eine ſchwere Schuld, deren Du Petronel zeiheſt; biſt Du Deiner Sache auch gewiß, und kannſt Du Deine Anklage begründen?“
„O gewiß, ſie nahm mir ja den Brief aus der Hand.“
„Woher weißt Du denn, daß er von Herrn Moore kam?“
„Er war von derſelben Hand wie heute Morgen.“
„Wer bürgt Dir denn dafür, daß ihr Londoner Korre⸗ ſpondent der Vetter von Lord Otho iſt?“
„Ihre Verwirrung beim Empfang. Sie weigerte ſich hart⸗ näckig, uns Aufklärung zu geben; kaum war eine Stunde ver⸗ gangen, ſo trat plötzlich Herr Moore ſelbſt ein, unerwartet von Allen, nur nicht von ihr, die auf ſeine Rückkehr vorbereitet war. Und— kannſt Du es Dir denken, Ulih?— kaum zehn Minuten ſpäter ſtanden die Beiden vom Frühſtückstiſch auf, und ich mußte es erleben, daß ſie mit frecher Stirn vor meinen Augen im Garten ſpazieren gingen!“
„O nein, nein, Marcia! Du mußt Dich irren!“ rief Doktor Ford in größter Seelenpein aus.
„Irren?“ ſagte ſie höhniſch,„wie wäre das möglich, ich war ja in der Stube, ich ſage Dir, Ulih, wenn Jemand ſich irrt, ſo biſt Du es, Du biſt blind in Allem, was das Mäd⸗ chen angeht; während Du Dein Geld mit vollen Händen nach rechts und links ſchleuderſt, wo es gilt, ihre Zimmer aus⸗ zuſtatten, und während Du Dir einbildeſt, daß ihr Herz offen vor Dir liegt, treibt ſie ihre Liebelei mit dieſem jungen Fant vor Deiner Naſe. Warum erzählte ſie uns nie davon, daß ſie ihn ſchon in Antwerpen kennen gelernt, wozu die Ge⸗ heimnißthuerei und Verlegenheit beim erſten Mittagseſſen in Frampton? Verlaß Dich darauf, dieſes Alles iſt nur eine Fortſetzung eines intimen Verkehrs, der im Auslande an⸗ gefangen. Ihr Benehmen iſt empörend!“
Doktor Ford ließ ſich auf einen Stuhl nieder und wandte ſein Geſicht zur Seite. Alle ſeine dringenden Geſchäfte ſchien er vergeſſen zu haben, doch kein Fremder hätte es ihm anſehen können, wie tief ihn die Mittheilungen, denen er lauſchte, er⸗ ſchütterten und aufregten.
„Marcia, biſt Du denn Deiner Sache auch ganz ſicher, daß der Brief, den Petronel bekam, von Herrn Moore war?“
„Ganz gewiß! So ſicher wie ich hier ſitze.“
„Auch daß er nicht der erſte war, den er ihr ſchickte?“
„Habe ich Dir nicht geſagt, daß ich den anderen ſelbſt in der Hand gehabt? Ihr Benehmen iſt aber faſt noch ärger, als ihre Korreſpondenz! Fand ich ſie doch eines Nachmittags allein im Salon, einem Raume, den ſonſt faſt Niemand be⸗ tritt, und wohin auch ich nur durch Zufall kam!“
„Könnte Petronel nicht auch vielleicht durch Zufall dahin⸗ gekommen ſein?“
O, ohne Zweifel! und er auch! Doch dann war es nicht
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nöthig, daß die Beiden ſo lange und ſo eifrig in der Fenſter⸗ niſche plauderten.“
Doktor Ford ſeufzte tief auf, erhob ſich und ſuchte ſich zwiſchen ſeinen Papieren Beſchäftigung.
„Jetzt fehlt mir die Zeit,“ ſagte er nach einer Weile— offenbar beſtrebte er ſich, es ſeiner Schweſter zu verbergen, wie ſehr ihn ihre Anklagen verwundet hatten—„dem Allen weiter nachzuforſchen, ich habe Geſchäfte, die ich nicht auf⸗ ſchieben kann; wenn es mir irgend möglich iſt, komme ich heute Abend noch hinaus nach Frampton, dann will ich ſelbſt mit Petronel ſprechen.“
„Mit Petronel ſprechen?“ rief ſeine Schweſter aus;„iſt das der Weg, den Du einzuſchlagen denkſt? Ich muß geſtehen, Du biſt ſehr ruhig und gefaßt bei dieſer Angelegenheit.“
„Wie kann ich anders ſein, bevor ich mich davon über⸗ zeugt habe, daß Deine Angaben wahr ſind? Nimm es mir nicht übel, Marcia, doch wenn ich die feindliche Geſinnung berückſichtige, die Du ſtets gegen Petronel gezeigt, und dabei bedenke, welche Stellung ſie zu mir einnimmt, ſo muß ich erſt ganz ſichere Beweiſe in Händen haben, bevor ich gegen ſie auftrete.“ 3
„Ich habe es mir wohl gedacht,“ erwiderte Miß Ford, in Thränen ausbrechend,„Alles, was ich ſage, gilt nichts, und den Worten jenes Kindes wird mehr Werth beigelegt, als den meinigen; es war allerdings nicht anders zu erwarten!“
Dann trat eine Pauſe ein, während der man nur das Schluchzen von Miß Ford hörte; empört aber durch ihres Bruders ſcheinbare Gleichgiltigkeit, fing dieſe zornerfüllt wieder an:
„Das will ich Dir aber doch ſagen, Ulih, obſchon Du jetzt keine Warnungen hören willſt— Du wirſt die alte Geſchichte noch einmal erleben; einmal ſchon biſt Du ſchmählich ge⸗ täuſcht, und Petronel wird es ebenſo machen, wie ihre Mutter, ſie—“
Plötzlich, als ſie eifrig redete und geſtikulirte, wandte er ſich um und ſah ſie an; unter dem Eindruck ſeines Blickes ſenkte ſich ihr Auge und ſie verſtummte.
„Marcia, ich dachte, ich hätte Dir ſchon einmal geſagt, daß dieſe Angelegenheit zwiſchen uns nicht wieder berührt werden ſollte,“ ſagte er mit ſo feſter Stimme, daß ihr jede Neigung, ſeinen Wünſchen zuwider zu handeln, verging. „Was Petronel iſt, kann ich ohne fremdes Zuthun in Er⸗ fahrung bringen, dazu bedarf ich Deiner Beihilfe nicht; was ſie mir geweſen iſt und, ſo Gott will, noch iſt, kann ich Dir mit Worten nicht beſchreiben. Sollte ich mich in ihr getäuſcht haben, ſo erwarte nie von mir, daß ich den Mund, der mir die Wahrheit enthüllte, ſegne; ich nehme an, daß Du glaubſt, recht zu thun, und muß nur auf Deinen guten Willen, nicht auf die That ſehen. Doch nun genug davon, was weiter ge⸗ ſchehen muß, kann ich allein beſorgen.“
Damit legte er ſeine Papiere zuſammen, ergriff ſeinen Hur und rüſtete ſich zum Fortgehen.
„Wheeler ſagt mir, Du wärſt im neuen Hauſe geweſen?“ fragte Ulih ſeine Schweſter.
„Ja, ich ſah dort zwei oder drei Zimmer an,“ ſagte ſie mürriſch.
„Rückſichtlich der Möbel habe ich noch Einiges mit Dir zu beſprechen, das könnten wir jetzt gleich abmachen. Ich weiß, daß einige davon Dir beſonders lieb ſind, wie zum
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