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4 Concordia. 241
Marcia folgte der Dienerin mit ſtummem Mißfallen. Sie ging mit ihr die breite, ſchöne Treppe hinauf undadurch die hohen hellen Räume, die ohne Rückſicht auf Koſten mit njedem erdenklichen Luxus und mit dem feinſten Geſchmacke aus⸗ gerüſtet waren, ſie dachte gar nicht anders, als daß ihr Bruder völlig den Verſtand verloren haben müßte, indem er einem wilden, eitlen Schulkinde zu Liebe einen ſolchen Palaſt ſo prachtvoll ausrüſtete. Wohin ſich ihr Auge auch wandte, überall fiel es auf einen beſondeven Luxusgegenſtand; feine Sammet⸗Tapeten mit den ſchönſten Portièren und⸗Vorhängen, koſtbare Teppiche, die genau zu den Ueberzügen der kunſtvoll geſchnitzten Möbel paßten, und hohe venetianiſche Spiegel in allen Zimmern! In ärgerlichem Staunen ſtarrte Miß Ford Alles an. Als nun aber gar Whichcote ſie aufforderte, mit ihr nach dem Gewächshauſe, das neben dem Wohnzimmer angebracht war, zu gehen, riß der Faden ihrer Geduld, und zur größten Verwunderung Whichcote’s lief ſie, ohne ein Wort zu ſagen, die Treppe hinunter und aus dem Haus hinaus, als ob ihr etwas Beleidigendes paſſirt wäre. In Wahrheit war es aber nur die Eiferſucht, die in ihr tobte, und die es ihr unerträglich machte, noch länger Alles anzuſehen. Das Leben in dieſer Umgebung ſchien ihr nicht zu verachten zu ſein, doch bitter und empörend war der Gedanke, daß die Einrichtungen nicht für ſie, ſondern nur für das Kind, das ſie auch mit dem beſten Willen nicht lieben konnte, gemacht wurden; manches Jahr hindurch war ſie ihrem Bruder eine treue Schweſter und Haushälterin geweſen, doch hatte er wohl je daran gedacht, ihr Schlafzimmer mit blauſeidenen Vorhängen, mit Roſenholzmöbeln und mit chineſiſchem Porzellan zu ſchmücken? Oder war es ihm je eingefallen, daß es ihr eine Freude ſein könnte, neben ihrer Wohnſtube ein Gewächshaus zu haben? Ihr Schickſal erinnerte ſie an den älteren Sohn in der Parabel, und gleich ihm rief ſie aus: „Alle dieſe Jahre habe ich Dir tren gedient, und Du gabſt mir nie ein Kalb!“ Voll Gift und Galle trat ſie wieder in ihre alte Wohnung. Sie war noch ebenſo ärgerlich wie zuvor, doch ihre Stimmung war weicher, das Weinen kam ihr nahe, und wahrſcheinlich wäre es zu Thränen gekommen, wenn ſie nicht durch eine unbedeutende Kleinigkeit anderen Sinnes geworden wäre. Als ſie nämlich in das Berathungszimmer ihres Bru⸗ ders trat(der einzige Raum, in dem noch einige Wohnlich⸗ keit zu finden war), ſah ſie mitten auf dem Tiſch in einem Glaſe Waſſer eine Roſe, die Petronel am Abend vorher dem Geliebten in's Knopfloch geſteckt hatte. Dieſe harmloſe Blume brachte Miß Marcia's Zorn wieder in neue Bahnen, und all' ihre Wuth und ihr Mißtrauen regte ſich gegen Petronel von Neuem. Als bald darauf der Doktor Ford in'’s Zimmer trat, ſiel der zündende Funke zwiſchen alle die verdächtigenden Geſchichten, die ſie für ihn geſammelt und die ihn tief unglücklich machen ſollten. „Hallo, Marcia!“ rief er froh überraſcht, als er ſie er⸗ blickte.„Was führt Dich denn heute hierher?“ „Eine traurige Pflicht,“ er widerte ſie pathetiſch. Doktor Ford's Frohſinn ſchwand; er wußte ganz genau, wie ſeine Schweſter über ſeine Verheiratung mit Petronel dachte, und vermuthete ſogleich, daß dieſe ſogenaunte trau rige Pflicht mit Petronel auf die eine oder andere Art in Zuſammenhang
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ſtehen würde; doch gerade in dieſem Augenblick fühlte er ſich
nicht in der Stimmung, darauf einzugehen.
Es gab für ihn in dieſer Zeit beſonders viel zu thun, und ſeine Stimmung war oft eine ſorgenvolle und gedrückte.
Was ihn ſelbſt anbetraf, ſo fühlte er ſich ja unendlich glücklich,
er konnte es oft noch kaum faſſen, daß nun ſo bald ſchon das reine, liebliche Mädchen, für das ihm Niemand gut genug
hatte ſcheinen wollen, ganz ſein werden ſollte,— im Uebrigen
aber quälte ihn manche Sorge. Ein Fieber nämlich der gefährlichſten Art herrſchte in Rockbury und zumal in dem niedrig gelegenen Theile der Stadt; Tag und Nacht waren alle Aerzte in voller Thätigkeit, und wo die Opfer am häuſigſten fielen, oder wo die Krankheit hartnäckig allen Mitteln trotzte, wurde der Doktor Ford zur Hilfe gerufen. Auf ihn fiel die Hauptſorge und die Hauptverantwortung, und mehr als einmal ſchon war ihm der Gedanke gekommen, wenn die Peſtilenz nicht nachließe, würde ihm nichts Anderes
übrig bleiben, als feine Hochzeit noch hinauszuſchieben.
So lange er Petronel in Frampton glücklich und in Sicherheit wußte, hatte er guten Muth; der Vorſicht halber hatte er ſie in letzter Zeit ſeltener wie ſonſt beſucht; er fühlte aber, wenn er jetzt Marcia's Klagen und Erzählungen über neue Streitigkeiten anhören ſollte, ſo würde ſein Gleich⸗
muth, der ihm jetzt unbedingt nothwendig war, zu einer ge⸗
fährlichen Kriſis gebracht werden.
„Wenn das der Fall iſt,“ erwiderte er abwehrend, als er ſah, daß Marcia ſich zum Reden rüſtete,„ſo muß ich Dich dringend bitten, Marcia, mir Deine Mittheilung für ſpäter aufzuſparen, jetzt habe ich keine Zeit.“
„Es genügt, wenn Du mir nur einige Sekunden widmeſt,“ ſagte ſie entſchieden.„Ulih, Du biſt ſchändlich getäuſcht und verrathen! O, ich müßte nicht Deine treue Schweſter ſein, wenn ich Dir dieſes nicht ſagen wollte!“
„Was willſt Du damit ſagen?“ fragte er ernſt.
„Genau, was ich ſage. Du denkſt, ſie iſt offen und ehr⸗ lich gegen Dich und ſagt Dir Alles, und dabei beträgt ſie ſich uns Beiden gegenüber auf eine wahrhaft empörende Weiſe. Lange Zeit gehörte dazu, bis ich darangglauben konnte; ich hielt es nach aller Liebe und Großmuth, womit ſie behandelt wird, für ganz unmöglich und dachte immer noch, ich täuſchte mich, heute Morgen aber„habe ich Beweiſe ihrer Falſchheit erhalten, die weder abgeleuguet, noch anders gedeutet werden können.“
Einen Augenblick hielt ſie inne, offenbar in der Erwartung, daß ihr Bruder irgend ein Wort oder Zeichen ſeines Er⸗ ſtaunens oder Unglaubens von ſich geben würde, doch er that es nicht und erwartete anſcheinend, daß ‚ſie fortfahren ſollte. Das that ſie denn auch, doch nicht mehr ſo zuverſichtlich wie
zuvor.
„Du kennſt den jungen Herrn Ernſt Moore, den Vetter von Lady Otho?— Micht wahr, Ulih?“ 1
„Ja, gewiß kenne ich ihn— doch, Marcia, bedenke, was
Du thuſt und ſagſt!“
„Nie hätte ich daran gedacht, hierüber mit Dir zu ſprechen,“ fuhr ſie heftig fort,„doch jetzt darf von Nachſicht keine Rede mehr fein.— Habe ich nicht wochenlang geſchwiegen? Selbſt einem Engel würde dieſes nach dem, was ich heute Morgen erlebt habe, nicht länger möglich ſein!“
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„Was war es denn?


