Jahrgang 
2 (1879)
Seite
469
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Concordia.

der Unruhe, die durch das Auftragen des Frühſtücks entſtand,

flüſterte er mir zu:

Ich muß Sie einen Moment allein ſprechen; bleiben Sie hier, oder gehen Sie in den Garten?

Ich gehe in den Garten! antwortete ich raſch.

Mit der größten Spannung ſah ich dem Augenblick ent⸗ gegen, wo ich mich ungeſtört meinen eigenen Angelegenheiten

widmen konnte. Mein Herz klopfte gewaltſam, wenn ich nur

daran dachte; doch bei ſeiner Frage ſah Herr Moore ſo auf⸗ geregt aus, daß ich ihn unmöglich unberückſichtigt laſſen konnte. So ging ich denn mit ihm aus dem Frühſtückszimmer und ſpa⸗ zierte auf der Terraſſe vor dem Hauſe auf und nieder.

Ich mußte meine Zuflucht zur Diplomatie nehmen, Miß Fleming, um Ihre Couſine in Ruhe zu bringen, in Wahrheit kam ich aber nur hierher, um Sie zu ſprechen; ich habe nämlich von Felicite beunruhigende Nachrichten.

Das betrübt mich, Herr Moore; was giebt es denn? Einen Augenblick ſuchte er in ſeinen Taſchen, dann zog er einen langen, mit Thränen getränkten Brief von der ſtümper⸗ haften Hand meiner kleinen belgiſchen Freundin heraus. Aus dieſem mangelhaft ſtyliſirten Geſchreibſel voll orthographiſcher Fehler entnahm ich, daß ihre Eltern zu der Anſicht gelangt waren, daß der engliſche Gentleman, Herr Moore, noch zu jung ſei, um zu wiſſen, was er ihrer Tochter ſchuldig ſei, und wenn er es auch wüßte, daß er doch nie ſein Heiratsverſprechen halten könnte; daher hatten ſie Felicite anbefohlen, in Zukunft alle Gedanken an ihn aufzugeben und ſich darauf vorzubereiten, die Hand eines gemüthlichen, alten, dicken, holländiſchen Kauf⸗ herrn anzunehmen, den ſie als eine geeignete Partie für ſie ausgewählt. Dieſe Zumuthung hatte Felicite's Herz nahezu gebrochen, und ihre Augen waren vom Weinen faſt erblindet. Sie theilte in Eile Alles ihrem Geliebten mit, und erwartete, daß er die geeigneten Schritte thun würde.

Und was denken Sie zu thun? fragte ich, ihm den Brief zurückgebend.

Ich habe mich entſchloſſen, meinen Eltern Alles zu beichten, und komme nun hierher, um Sie, Miß Fleming, zu bitten, ein gutes Wort bei ihnen für meine Felicite einzulegen. Zu ſchreiben wagte ich nicht, ich fürchtete, Ihre Couſine könnte den Brief auffangen. Die Szene von damals im Gewächs⸗ hauſe war mir noch deutlich in Erinnerung. Ich bezweifele keinen Augenblick, daß meine Eltern anfänglich die Idee ganz verwerfen und Gründe aller Art dagegen haben werden, doch wenn ſie mir nur geſtatten wollen, daß ich Lady Frances an Sie verweiſen darf, ſo denke ich, wird es Ihnen leicht gelingen, ihre Skrupel zu zerſtreuen; Sie brauchen ihr ja nur Felicite zu ſchildern, wie ſie iſt, Sie kennen ſie ja genau und wiſſen, mit welcher Liebe ſie an mir hängt; ihre Schönheit allein genügt ſchon, ihr in jeder Familie eine günſtige Auf⸗ nahme zu ſchaffen. Ueber die alten d'Alvau's, hoffe ich, ſprechen Sie auch ſo gut wie Sie können?

Ich will es gern thun, Herr Moore, Ihnen und Felicite zu Gefallen, wenn Sie meinen, daß mein Urtheil irgend⸗ wie Gewicht haben könnte; Sie wiſſen aber, ich bin noch zu jung!

Jawohl, aber Sie kennen Felicite perſönlich, das iſt ſchon viel werth. Tauſend Dank, Miß Fleming, Sie haben mir eine große Laſt voni Herzen genommen! Ich lege unſere Angelegenheit nun ganz in Ihre Hände.

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Und wenn Ihre Eltern einwilligen?

O, dann eile ich auf Flügeln der Liebe nach Brüſſel und ſchlage den dicken Holländer aus dem Felde. Vielleicht findet unſere Hochzeit auch ſchon ſo bald ſtatt wie die Ihrige.

So Gott will! antwortete ich zerſtreut. Meine Gedanken ſchweiften plötzlich weit ab von dem eben beſprochenen Gegen⸗ ſtande.Bleiben Sie länger hier, Herr Moore?

Nur bis nach dem Frühſtück; ich ſagte meiner Mama, ich hätte dringende Geſchäfte in London, ſie würde es wunder⸗ bar gefunden haben, wenn ſie gehört hätte, daß ich wieder hierher wollte.

Dann ſage ich Ihnen gleich Adieu; ich muß Geſchäfte halber fort.

Damit reichte ich ihm meine kalte Hand und ging in's Haus und raſch die Treppe hinauf; auf dem Korridor begegnete mir die Couſine Marcia, zum Ausfahren gerüſtet.

Willſt Du ausfahren? fragte ich mechaniſch.

Ja, ich will nach Rockbury, antwortete ſie.

In meiner geſchlagenen Stimmung berührte der liebe Name mich angenehm, und freundlich lächelnd ſagte ich:

Nun bitte, ſo beſtelle dem Vetter Ulih die freundlichſten, herzlichſten Grüße.

Petronel, erwiderte Marcia,ich haſſe Jeden, der heuchelt.

Ja gewiß, ich auch, antwortete ich entſchieden;ich hoffe doch nicht, daß Du mich für eine Heuchlerin hältſt?

Doch ſchon bevor ich dieſe Worte ausgeſprochen, war ſie die Treppe hinunter und aus meinen Augen.

Einen Augenblick ſah ich der Couſine Marcia nach, dann aber ging ich ſeufzend nach meiner Stube; denn ich hatt Wichtigeres zu thun. Kaum hatte ich die Thür hinter mir geſchloſſen, ſo ſank ich auf einen Stuhl und legte lautlos meine Hände in den Schoß. Der Brief, der mich ſo un⸗ glücklich und verzweiflungsvoll machte, ſtak noch in meiner Taſche, doch ich brauchte ihn nicht herauszuziehen und ihn wie⸗ der durchzuleſen; die wenigen Worte, die ich vorhin geſehen, hatten ſich in mein Gehirn wahrhaft eingebrannt. Nach einer Weile jedoch legte ich das zerknitterte Papier auf meine Kniee, um mich zu vergewiſſern, ob ich mich nicht vielleicht geirrt haben könnte.

Nein! Alles war wahr; Herr David war in England, ſo⸗ gar ſchon in Rockbury, und wünſchte, daß ich ſofort zu ihm käme. Der kurz und flüchtig abgefaßte Brief war in London auf die Poſt gegeben; es war keine andere Auslegung mög⸗ lich, mein Vater war in Rockbury, und wenn ich ihn noch lebend ſehen wollte(wie er ſich ausdrückte), ſo ſollte ich um⸗ gehend nach dem Hauſe kommen, das er mir namhaft machte.

Anfänglich ſagte ich mir, ich könnte und wollte ſeinem Ruf nicht folgen, es würde unpaſſend, ja unanſtändig im höchſten Grade ſein, wenn ich dahin ginge, er hätte nicht das Recht, dieſes Opfer von mir zu verlangen dann aber kamen die Nachgedanken, die oft die beſten ſind. Ich hatte ſeinen letzten Brief nicht beantwortet, ſeine Bitte um Unterſtützung unberückſichtigt gelaſſen, meine Hartherzigkeit hatte ihn viel⸗ leicht in Noth und Gott weiß wohin gebracht, und doch machte er mir keine Vorwürfe. Wenn ich ihn noch lebend ſehen wollte, ſo ſagte er in ſeinen Zeilen, ſollte ich keinen Augen⸗ blick verlieren und kommen! Was ihm fehlte, ſagte er weiter

nicht; vielleicht lag er im Sterben oder war den Gerichten