Jahrgang 
2 (1879)
Seite
468
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468 Concordia.

Ich glaube, dieſer Brief iſt für Dich, Petronel; er kam heute früh mit der Poſt von London.

Mit langſamem, faſt feierlichem Tone ſagte ſie dieſe Worte und wandte kein Auge von mir. Ich ſah raſch auf und hin nach dem Brief und fühlte, wie mir das Blut in die Wangen ſchoß. Es war ein Brief mit einer Pfennigmarke, mein Name ſtand voll ausgeſchrieben darauf, ich erkannte auf den erſten Blick die Handſchrift meines Vaters. Erröthend wie eine Päonie griff ich danach und verſenkte ihn in meine Taſche. Marcia folgte aufmerkſam jeder meiner Bewegungen.

Er iſt von derſelben Perſon, die den Brief geſchrieben, den Du damals im Gewächshauſe fallen ließeſt, ſagte ſie mit ſchneidender Stimme;bitte, laß Dich doch nicht abhalten, ihn gleich zu leſen.

O, damit hat es Zeit, antwortete ich, und beſtrebte mich, unbefangen zu ſcheinen, wenngleich ich vor Aufregung zitterte. Was in aller Welt mochte wohl die Pfennigmarke zu be⸗ deuten haben?

Nach dem Namen Deines Korreſpondenten dürfen wir wohl nicht fragen? fuhr Marcia fort.

Es iſt eine Freundin, ſtammelte ich,eine alte Schul⸗ freundin.

Die junge Freundin iſt wohl nach London gekommen? nach der Poſtmarke muß man es vermuthen; willſt Du den Brief nicht öffnen, um Dich davon zu überzeugen?

Aufgeſtachelt durch ihren unermüdlichen Sarkasmus und beſeelt von dem Wunſch, mich gleichgiltig dagegen zu zeigen, zog ich den Brief aus der Taſche und überflog deſſen Inhalt. Doch ich hatte meine Kräfte überſchätzt, faſt hätte ich das grauſame Geheimniß mit einem Schlage verrathen! Ich ſtarrte auf das Papier, wie vom Zlitze getroffen, heftiges Zittern flog über meine Glieder, die Farben in meinen Zügen kamen und ſchwanden in raſchem Wechſel. Dadurch wurde ich natürlich der Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit, es war ja unmöglich, daß meine Aufregung unbemerkt bleiben konnte.

Liebe Pet, was iſt Dir? fragte Tante Mary ängſtlich, der Brief enthält doch hoffentlich keine trüben Nachrichten für Dich?

Ich knickte den Brief zuſammen, ſteckte ihn wieder in meine Taſche und machte vergeblich mit meinen blaſſen Lippen den Verſuch, etwas von dem vor mir ſtehenden Thee zu trinken.

Ich bitte Dich, Mary, das Kind wird ohnmächtig! rief die Großmama erſchrocken aus. Ich ermannte mich und machte die äußerſten Anſtrengungen, mich aufrechtzuhalten.

Nein, Großmama, ich danke Dir, ſagte ich, ſtand auf und richtete mein Auge auf Marcia, die mich noch immer mit ihren durchbohrenden Blicken anſtarrte,es geht mir ganz gut, es war nur eine Anwandlung von Uebelkeit, die mich vorhin plötzlich überkam; jetzt iſt Alles vorbei.

Eine merkwürdige Anwandlung, fürwahr, bemerkte Miß Ford,ſie kam unmittelbar nach Empfang des Briefes. Haſt Du ihn geleſen, Petronel?

Ja gewiß! erwiderte ich ſtolz.

Enthält er keine Neuigkeiten?

Keine, die Dich intereſſiren könnten..

Willſt Du nicht etwas hinausgehen, liebe Pet? unter⸗ orach uns die Großmama;gehe hin und lege Dich einige

Zeit nieder, ruhe Dich auf dem Sopha in der Bibliothek aus; Mary bringt Dir Dein Frühſtück dahin.

So groß mein Verlangen auch war, einen Augenblick allein zu ſein, um nochmals den ſonderbaren Inhalt des eben er⸗ haltenen Briefes durchzuleſen und um mich zu entſcheiden, wie ich mich dabei benehmen ſollte, ſo wollte ich der Couſine doch den Triumph nicht gönnen, mich aus dem Felde ge⸗ ſchlagen zu haben, und lehnte dankend, aber entſchieden das Anerbieten ab.

Nein, ich danke, liebe, gute Großmama, ich fühlte mich nur einen Augenblick unwohl, jetzt geht es mir wieder voll⸗ kommen gut, und wenn Du erlaubſt, ſo bleibe ich hier und frühſtücke mit Euch.

Ich ſprach mit der größten Ruhe, es war aber faſt mehr, als ich leiſten konnte; ich mochte es verſuchen, ſo oft ich wollte, es war mir nicht möglich, auch nur einen Biſſen oder einen Schluck über meine Lippen zu bringen, Alles blieb mir im Halſe ſtecken. So begnügte ich mich denn damit, mich ſo zu ſtellen, als ob ich äße, blieb während des mir endlos ſcheinenden Frühſtücks ruhig auf meinem Platze, und hatte dabei das bedrückende Gefühl, daß die geringſte Ver⸗ änderung in meinen Zügen von den wachſamen Augen mir gegenüber nicht unbemerkt bleiben würde. An dem Morgen war Alles ſpäter geworden, und es ſchlug ſchon elf Uhr, als wir aufſtanden. Jetzt vernahm man Schritte im Vorzimmer.

Das muß Wilfred ſein, ſagte Tante Mary,oder möglicherweiſe iſt es Archibald, der Geſchäfte in Rockbury gehabt hat.

Doch es war Keiner von Beiden; im nächſten Augenblick ſchon öffnete ſich die Thür, um den Neuangekommenen herein⸗ zulaſſen, und zum Erſtaunen Aller trat Ernſt Moore ein.

Sie, Herr Moore! rief, die Großmama aus:was führt Sie denn her? Hoffentlich iſt doch nichts mit Julia oder mit den Kindern paſſirt?

Bei der allgemeinen Bewegung entging es mir nicht, daß Herr Moore auffallend bleich und aufgeregt ausſah. Ich ver⸗ gaß meine eigenen Sorgen und erwartete mit Spannung die Aufklärung ſeiner Rückkehr.

Hoffentlich geht es der Lady Frances und dem Herrn Moore doch gut?

Ja, vortrefflich! Ich danke tauſendmal, Alles iſt in der

ſchönſten Ordnung; der Papa ſagt, für die Küche dort ſei jetzt ſo gut geſorgt wie nie früher, und der Jäger, den wir von Ihnen bekommen haben, bewährt ſich auf's Beſte.

Das war Alles recht intereſſant, klärte uns aber nicht über ſein unerwartetes Erſcheinen auf. Wir wären darüber vielleicht auch noch länger im Unklaren geblieben, wenn die Couſine nicht mit affektirter Theilnahme geſagt hätte:

Sie haben uns aber noch nicht mitgetheilt, welcher Urſache wir das Vergnügen, Sie ſo bald ſchon wieder hier zu ſehen, zu verdanken haben.

Er hatte ſich auf einen Stuhl an meiner Seite geſetzt. Bei dieſen Worten ſchrak er zuſammen, erröthete und ſagte nach einigem Zögern: 3

Nein! Doch, Miß Ford, Sie dürfen uns Jünger der Diplomatie nicht zu ſcharf examiniren, unſere Geheimniſſe ſind oft nicht für Jedermann. Dann wandte er ſich zu mir, und ohne Rückſicht auf Marcia's ſpöttiſchen Ausruf:Diplomatie in Frampton, ſo etwas iſt abſurd! und unter dem Schutze