Jahrgang 
2 (1879)
Seite
467
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Concordia. 487

Die Angeredete folgte mit dem Blicke der angedeuteten Richtung und ſprach ein kurzes:

Jal⸗

Wenn das Spiel der Kinder Ihnen ſo viel Vergnügen macht, gnädiges Fräulein, ſo können wir ja einmal hinüber⸗ reiten und es von Nahem betrachten, nahm der junge Mann das Wort.Wir haben dann gleichzeitig den Vortheil, das Spukhaus in Augenſchein nehmen zu können.

Spukhaus? Wo iſt ein Spukhaus? Höchſt intereſſant! Natürlich, das müſſen wir ſehen! Iſt es etwa jenes grau perwitterte mit den klappernden Fenſterläden?

Jawohl, das iſt es!

Wie romantiſch das ausſieht! Wiſſen Sie nicht, Herr von Seidenau, wer darin wohnt?

Ich glaube, Niemand, erwiderte Herr von Seidenau. Wir können aber die Kinder danach fragen.

Die Mühe können wir uns ſparen, lieber Herbert, be⸗ merkte die Brünette.Schon auf dem letzten Spazierritt wurde mir auf meine Fvage nach den Bewohnern dieſes Hauſes die Antwort zutheil, daß eine alte, halb irrſinnige Perſon ganz allein darin⸗ haufe. Mehr erfuhr ich nicht.

Was Du ſagſt, Couſine Freda! Sie ſehen alſo, Fräu⸗ lein von St. Ekienne, wandte er ſich lächelnd an die blonde Dame,die Geſchichte verſpricht in der That romantiſch zu werden. Ein altes, halbverfallenes Haus mit einem uralten, eisgrauen Mütterchen darin! Wer weiß, was die auf dem Gewiſſen hat! Schade, daß nicht auch ein Teich in der Nähe, wo Nachts die Unken quaken: Morrrrd Morrrrrrrd!

Ja, ſchade! warf Freda ſpöttiſch hin.Es gäbe Stoff zu einer Ballade für Fräulein Eva. Aber auch ohne Unken wird ſie das Sujet gewiß verwenden; verlaß Dich darauf!

Weniger die Worte als der Ton, in welchem ſie hervor⸗

geſtoßen wurden, ließ eine verſteckte Gereiztheit der Sprecherin erkennen.

Herbert blickte ſeine Couſine mißbilligend an. Dann ſuchten ſeine Augen die blonde Eva, deren rothes Mündchen ſich eben zu einer Entgegnung öffnete.

Herbert wußte wohl, dieſer reizende kleine Mund würde nichts Ungehöriges ſprechen; nichts, was ſich mit dem maß⸗ vollen, einfach edlen Weſen Fräulein von St. Etienne's nicht vereinbaren ließe. Dennoch war's ein bittender Blick, der ſie

traf; ein Blick, der faſt demüthig um ihr Schweigen warb.

Es war ein prächtiger Menſch, dieſer Herbert! Alles an ihm Jugendmuth, Kraft, Geſundheit!

So frei und frank trug er den ausdrucksvollen Kopf niit braunem Haar auf dem kräftigen, muskelſtarken Hals ſo viel Vertrauen auf eigene Kraft, ſo viel freudige Lebensluſt ſchwellte ihm die breite Bruſt, blitzte aus ſeinen Augen, daß es wie etwas Urgeſundes, Herzſtärkendes wirkte, ihn nur anzuſehen. Dabei entbehrte ſein Weſen durchaus nicht jener echten Mannes⸗ würde, jener ſicheren, feſten, ſtolzen Klarheit des Geiſtes, die ſehr wohl auch dem jüngeren Manne eigen ſein kann.

Eva verſtand Herbert's Blick, denn ſie legte ſich Still⸗ ſchweigen auf. Dabei überflog eine ſüße Verwirrung ihr Ge⸗ ſicht, die ſie ihm nur noch reizender erſcheinen ließ.

Im ſelben Moment aber riß ſie ihr Pferd herum, gab dem feurigen Thier mit der Gerte einen leichten Schlag in die Seite und ſprengte davon.

Bei den ſpielenden Kindern hielt ſie an.

Was ſpielt Ihr denn da, Kinder?

Häschen in der Grube und Füchslein, Füchslein, kommt heraus! antwortete die kleine Schaar zutraulich.

Ach, wie prachtvoll Ihr hopfen könnt! Aber hopft nur weiter, ich ſehe Euch zu.(Fortſetzung folgt.)

Betronel.

Roman aus dem Engliſchen von Florence Marryat. (Fortſetzung.)

Eines Morgens, ungefähr vierzehn Tage nach der Abreiſe des Herrn Moore und der Vivian's, kam ich in beſonders heiterer Stimmung zum Frühſtück; ich erinnere mich nicht, was die Veranlaſſung dazu gegeben hatte, vielleicht war es ein unerwarteter Beſuch Ulih's oder eine außergewöhnliche Freundlichkeit ſeiner Schweſter, ich weiß nur, daß ich fröhlich ſingend ims Zimmer trat und mich lachend wegen dieſes Ver⸗ ſtoßes gegen die Ekikette zu entſchuldigen verſuchte. Ich traf dort die Großmama, die Tanten und die Couſine Marcia. Der Großpapa war einer unbedeutenden Erkältung wegen einige Tage auf ſein Zimmer gebannt.

Du kommſt heute ſpät, Pet! neckend.

Ja, ich weiß es, Tante Mary, erwiderte ich und küßte dabei Alle nach der Reihe,ich blieb geſtern Abend noch länger auf und konnte mich infolge deſſen heute Morgen nicht zum Aufſtehen entſchließen. Iſt Dein Kopfſchmerz ganz vorüber, Couſine Marcia?

Danke, Petronel, es iſt noch daſſelbe.

Beim Tone ihrer Stimme, der mir ſo ganz wunderbar ſteif

ſagte Tante Mary

und förmlich klang, ſah ich erſtaunt auf zu ihr. Am Abend

vorher hatten wir uns in ſo traulicher Stimmung getrennt,

und unſer ganzer Verkehr während der letzten Woche und ſchon

länger war ſo ungeſtört und vergnüglich geweſen, daß ich höchſt erſtaunt war, ſo ganz plötzlich ihre alte, unfreundliche Art und Weiſe zurückgekehrt zu ſehen. Als ich ihr in die Augen ſah, um mich davon zu überzeugen, ob der alte, böſe Blick dort auch wieder eingerückt war, blieb ich leider nicht lang in Zweifel; es mußte offenbar etwas vorgefallen ſein, was ſie in hohem Grade unangenehm berührt hatte. Ihr Auge hatte wieder denſelben unheimlichen Ausdruck, und ihr Mund und ihre Brauen waren ebenſo aufgeworfen und hoch⸗ gezogen, wie früher. Sobald ich dieſes bemerkte, wurde ich einſilbig, ſagte ihr aber nichts. Ich wußte nur zu gut, daß das doch keinen Nutzen haben würde. Hatte ich ihren Zorn erregt, ſo würde ſie ſich ſchon bald die Veranlaſſung nehmen, mir den Grund zu nennen.

So kam es denn auch. Kaum hatte ich mich hingeſetzt, um mein Frühſtück einzunehmen, und kaum waren die erſten Begrüßungsfragen erörtert, ſo nahm ſie vom Nebentiſch einen Brief, den ſie mir bis dahin verborgen hatte, legte ihn mitten auf den Tiſch und ſagte, mich durchdringend daſehend:

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