466 3 Concordia.
Dieſe Ermahnung war unnöthig, denn Regine lag jetzt mit geſchloſſenen Augen, vollſtändig unfähig, noch ein weiteres Wort über die Lippen zu bringen. Nur zuweilen drang ein leiſes Röcheln aus ihrer Bruſt, während das Geſicht ſich ſelt⸗ ſam und auffallend raſch veränderte.
Fränzchen fühlte ihr Herz ängſtlich klopfen.„Wenn doch ſchon der Doktor käme!“ hauchte ſie in ſich hinein.
Horch'! Da tönten Schritte durch den Hausflur. Gleich darauf wurde die Thür geöffnet und der längſt Erwartete trat herein.
„Meine arme Schyeſter iſt ſo krank, Herr Doktor!“ ſagte Fränzchen und erzählte dem Genannten den Sachverhalt.
Der Arzt trat näher, prüfte ſchweigend den Zuſtand der Kranken und ſchrieb dann ebenſo ſchweigend ſein Rezept.
„Nicht wahr, Herr Doktor, ſie wird doch wieder geſund werden?“ fragte Fränzchen ängſtlich.
„Faſſen Sie ſich, Frau Schneller,“ entgeguete der Arzt. „Ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß die Kranke bald aus⸗ gerungen haben wird. Ich gebe ihr nur noch eine kurze Friſt — aber freilich— Gott kann Wunder thun!“
Und Fränzchen blieb wieder allein mit der ſchwerer und ſchwerer athmenden Regine. Sie hatte das fremde Kind zu ihrem eigenen gebettet— es waren beides Mädchen— und ſetzte mit dem Fuß die Wiege in ſchaukelnde Bewegung, indeß ihre beiden Hände die erkaltenden Reginens erfaßt hatten. Die Muſik oben war längſt verſtummt, denn der Morgen graute; aus der Kammer nebenan drang das laute Schnarchen Joſef's, der jetzt in ſo tiefem Schlafe lag, daß ein Kanonen⸗ ſchuß ihn nicht daraus erweckt haben würde.
Alles ſtill im Hauſe— lautlos ſtill!— Alles ſchlief, — nur ſie allein wachte, ſie und die Kranke, aus deren Bruſt ſich eben ein tiefer Seufzer rang.
Und jetzt— jetzt ſchlief auch dieſe! Aber das war kein Schlaf, von dem der Körper mit friſchen Kräften und neu geſtärkt ſich wieder erhebt— es war jener Schlaf, auf den hienieden kein Erwachen folgt.
10. Kapitel. Nach achtzehn Jahren.
Achtzehn Jahre— ein langer Zeitabſchnitt.
Wie viel Veränderungen hatten dieſe achtzehn Jahre in der großen Stadt geſchaffen!.
Ganze Stadttheile waren in die Höhe gewachſen, alte, unſcheinbare Gebände niedergeriſſen und ſtatt ihrer ſtattliche Paläſte aufgeführt.
Die Bäume auf dem freien Platz, an deſſen Südſeite das Palais Seidenau, noch wie vor achtzehn Jahren, ſich er⸗ hob, waren mächtig in die Höhe gewachſen und ſpendeten in ihrer Blätterfülle den in glühender Sommerhitze unter ihnen Raſtenden reichlichen Schatten. Die gegenüberliegende Seite, wo damals jene alten, halbzerfallenen Baracken mit den blinden Fenſterſcheiben ſich befanden, davon eins von„Mutter Schnellern“, Fränzchen's liebevoller Schwiegermama, bewohnt wurde, hatte durch die prächtigen Gebäude, welche im Lauf der Jahre an deren Stelle gerückt waren, ein großartiges, impoſantes Anſehen erhalten.
Auch die Anlagen vor der Stadt konnte man kaum noch wiedererkennen. Was damals noch im Werden und Wachſen,
war jetzt zu herrlichſter Entfaltung gediehen und zeugte neben dem uralten Trieb der Natur, ſich zu höherer Vollendung aufzuſchwingen, von helfender und veredelnder Menſchenhand.
Eine Stadt für ſich war hier entſtanden. Villeuarlige Gebäude, unregelmäßig hier und dort hingeſetzt, boten denn pflaſtermüden Großſtädter Gelegenheit, in faſt ländliche Stille ſich zurückzuziehen und dennoch die Annehmlichkeiten der Groß⸗ ſtadt zu genießen.
Eine dieſer Villen, kleiner als die übrigen und von alr⸗ modiſcher Bauart, ſtand gänzlich abgeſondert in vornehmer IFfolirtheit mitten auf einem freien Platz. Stets blieben die altersmüden Jalouſien an den Fenſtern derſelben geſchloſſen, ſo daß man annehmen konnte, jenes Haus ſei gänzlich un⸗ bewohnt.
Trotzdem der weite, ebene Platz davor den Spielen einiger nahe befindlicher Kinder größere Garantie gegen etwaige Be⸗ rührungen der Naſe mit dem Erdboden bot, als das hügel⸗ artige Terrain, auf dem ſie jetzt eben ihre equilibriſtiſchen Kunſtſtücke aufführten, wurde der Umkreis des Hauſes doch mit ſichtlicher Scheu von ihnen gemieden. Wagte ſich ja einmal Eins oder das Andere in allzu große Nähe deſſelben, ſo ertönten im Augenblick ein halb Dutzend Stimmen:„Du, die Hexe kommt, die Hexe kommt!“
Dieſer Zuruf hatte die Wirkung, daß der Betreffende ſofort Kehrt machte, um im Sturmſchritt zu ſeinen Geſpielen zurückzukehren.
Eine Kavalkade von drei Perſonen— zwei Damen und ein Herr— ritt am Rande der Ebene hin.
Luſtig wehte der blaue Schleier von dem Hute der einen Reiterin, deren ſchlanke, biegſame Geſtalt ſich graziös im Sattel hielt. Sie trug ein enganſchließendes Reitkleid. Um die feinen, eleganten Formen ihrer Figur auf'’s Vortheilhafteſte hervorzuheben, konnte er wahrlich nichts Geeigneteres geben. Eine Fülle des köſtlichſten Blondhaares, von einem wahren Spinnwebnetz zuſammengehalten, fiel auf den ammuthig ge⸗ ſchweiften Nacken herab; und die roſig angehauchten Wangen mit den ſchelmiſchen Grübchen, das in Heiterkeit und Frohſinn ſtrahlende Auge, aus deſſen Blick, ſcharf wie der eines Falken, doch wieder ein Meer von Sanftmuth und Güte leuchten konnte— all' dieſe Vorzüge bildeten eine Summe von Lieb⸗ reiz, deren Einwirkung ſich ſchwerlich Jemand entziehen konnte.
Am allerwenigſten der junge Mann in Offiziersuniform, der ihr zur Seite ritt und deſſen häufige Blicke auf ſeine ſchöne Begleiterin, leidenſchaftliche Bewunderung ausdrückend, über die Empfindungen ſeines Herzens kaum noch Zweifel ließen.
Die andere Dame war tief brünett. Im Gegenſatz zu derjenigen ihrer Begleiterin erſchien ihre Geſtalt ſchwächlich und ungemein zart gebaut. Die Augen, aus denen mitunter ein finſterer Seitenblick ihre Begleiter ſtreifte, glühten in dem ſchmalen, gelbwächſernen Geſicht wie ein Paar feurige Kohlen. Etwas Abſtoßendes lag in dieſem feindſelig brennenden Blick, etwas Meduſenhaftes in der ganzen Erſcheinung. Wie ihr Haar, das in kurzen Ringellocken auf die flache, niedrige Stirn fiel, vom Windhauch jetzt ſpielend hin⸗ und herbewegt ward, glich es ſchwarzen, zuckenden Schlangen.
„Ach, das iſt köſtlich!“ rief die Blonde und ein ſilber⸗ helles Lachen tönte weithin über die Flur.„Sehen Sie nur dort, Baroneſſe, ſind die Sprünge der Kinder nicht poſſierlich?“
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