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Fränzchen wußte im Augenblick, was noth that. Sie lief in den Hof, befahl dem Kutſcher, ſo ſchnell als möglich an⸗ zuſpannen, und gab ihm einen Zettel mit der Adreſſe der Frau, die er holen ſolle.„Laß die Pferde laufen, Friedrich, was ſie laufen können!“
Dann ging ſie in das Zimmer zurück, wo ſie die inzwiſchen wieder zu ſich gekommene Regine zu Bette brachte.—
Sie betrachtete den ſo unerwartet gekommenen Beſuch ge⸗ nauer. Welch' ein anmuthig feines, rührend ſchönes Geſicht! Die Hände— wie zart, wie edel gebaut! Sie, die ſo lange eine Baronin bedient, verſtand ſich darauf.
In den großen, grauen Augen der Fremden lag ſo viel unausſprechliche Verzweiflung, daß Fränzchen's gutes, mit⸗ leidiges Herz auf's Tiefſte davon ergriffen wurde. Das war nicht allein die Angſt der Stunde; es mußte noch etwas Anderes geben, was die Aermſte manchmal zuſammenſchauern und tiefſchmerzlich aufſtöhnen machte.
„Gott lohne es Ihnen, gute Frau!“ ſagte Regine mit einem dankbaren Blick auf die Sorgſame.„Sie ſind ſo freund⸗ lich zu mir.“
„Laſſen Sie's nur gut ſein und ſprechen Sie jetzt nicht,“
ermahnte Fränzchen.„Das muß halt eine Frau der anderen
ſchon thun.“
Sie ſetzte ſich zu der Kranken und ſprach ihr Muth ein; dabei ſchweiften ihre Blicke ſehnſüchtig nach der Uhr.— Zu⸗ weilen ſchrie Regine laut auf und der Säugling in der Wiege erwachte davon und ſchrie mit.
Dann kam die Frau, die Fränzchen ſehnlichſt erwartete und deren Hilfe man immer dringender bedurfte. Sie ſetzte ſich an's Lager und that, was ihres Amtes war, und während der wilde Lärm, das laute Stampfen der oben im Saale Tanzenden deutlich an ihre Ohren ſcholl, murmelte ſie un⸗ beirrt mit leiſer Stimme mechaniſch ihre Gebete.
Und wieder nach Stunden lag Regine bleich und matt und trotz der Thränen des Schmerzes in den Augen verklärte ein Lächeln ſeligen Mutterglückes ihre Züge. Denn ob es auch unter Qual und Verzweiflung geboren— es war ihr Kind! Sie hatte ihm das Leben gegeben und damit das Höchſte vollbracht, was ein Weib auf Erden vollbringen kann.
Ihr Zuſtand aber verlief nicht normal, ſondern gab nach einigen Stunden zu ernſten Beſorgniſſen Anlaß. Irrereden, Fieberphantaſien ſtellten ſich ein und ſteigerten ſich fort und fort, ſo daß Fränzchen, welche die ganze Nacht bei ihr wachen znußte, Mühe hatte, die Raſende im Bett zu erhalten.
In einem lichten Augenblick richtete Regine ſich empor und blickte Fränzchen aus den hohlen Augen flehend an.
Ich muß ſterben, liebe Frau—“ ſtammelte ſie—„o
mein Gott, ich muß ſterben!“
Ein krampfhaftes Schluchzen ſchüttelte ihren Körper und Fränzchen beugte ſich über die Weinende, ſie durch milde Worte zu beruhigen.
„Sie werden leben,“ ſagte ſie tröſtend.„Ich habe nach dem Arzt geſchickt; er muß gleich kommen und wird Ihnen ein Mittel geben, das gewiß hilft.“
„Nein, nein, ich muß ſterben!“ wiederholte Regine, während une wahre Todesangſt ſich auf ihrem Antlitz abſpiegelte. „Ich fühle es deutlich, ich werde den Morgen nicht mehr erleben. Barmherziger Himmel, was ſoll aus meinem Kinde werden!“
Concordia.
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„Beruhigen Sie ſich doch,“ bat Fränzchen, deren theil⸗ nehmendes Herz von Mitleid überfloß.„Ihre überreizten Nerven laſſen Sie Dinge befürchten, die nicht eintreffen werden. Wenn es Ihnen aber eine Beruhigung gewähren kann, auf alle Fälle ihr Kind verſorgt zu wiſſen, ſo nehmen Sie mein Verſprechen an, daß ich es bei mir behalten und mit dem meinen zugleich aufziehen werde. Es iſt nun ſchon egal, ob es eins oder zwei ſind.“
„Dank, Dank, gute Frau! Ich bin nicht im Stande, Ihren Edelmuth zu vergelten. Aber Ihr Mann, den ich vorhin im Zimmer bemerkt— er ſah ſo böſe aus; wird er dareinwilligen?“
„O ja!“ ſagie Fränzchen.„Da können Sie ganz unbeſorgr ſein. Gegen Andere iſt er wohl manchmal etwas grimmig, aber gegen mich nie. Sie müſſen wiſſen, ein biſſerle pfiffig fang' ich's halt an.— Iſt er zuerſt auch wirklich anderer Meinung, zuletzt thut er doch Alles, was ich will.“
„Sagen Sie Niemandem, daß ich zu Ihnen kam,“ bar Regine angſtvoll;„ſagen Sie, ich ſei Ihre Schweſter geweſen, die weit hergekommen und bei Ihnen hätte bleiben wollen. Sie würden namenloſes Unglück heraufbeſchwören und—— vielleicht— mehrere Menſchenleben in den Tod treiben — wenn Sie— die Wahrheit ſagten.—— Wollen Sie— meine Bitte erfüllen?“
„Das iſt wohl eigentlich zu viel verlangt, mit einer ſol⸗ chen Lüge mein Gewiſſen zu beſchweren,“ dachte Fränzchen. „Nein, das darf ich nicht.“
Regine bemerkte ihre Unſchlüſſigkeit.
„Sie wiſſen nicht, welches Unheil Sie verhüten können, wenn Sie—— die Wahrheit verſchweigen,“ ſtöhnte ſie, immer ſchwächer werdend.—— Denken Sie— einmal darüber nach— würde ich wohl— Derartiges von Ihnen verlangen, wenn ich— nicht— die gegründetſte Urſache dazu hätte?“
Sie ſchwieg und lehnte ſich zurück. Das viele Sprechen hatte ihre Kräfte auf's Höchſte erſchöpft.
Fränzchen dachte nach. Ja— es war richtig! Einen zwingenden Grund mußte die Aermſte haben! Sie ſah nicht danach aus, als ob ſie zum Scherzen aufgelegt ſei. Die Zeichen folternder Seelenqual auf ihrem Antlitz blieben dem beobachtenden Auge Fränzchen's nicht verborgen. Welch' rührender Reiz trotzdem in den feinen, geiſtvollen Zügen! Um ſo rührender durch die tiefe Bläſſe, die wie ein zarter Schleier ſich mehr und mehr darüberbreitete.
Eine Möglichkeit nach der anderen zog an dem inneren Auge Fränzchen's vorüber, endlich blieben ihre Gedanken bei einer Vermuthung ſtehen, die der Wahrheit ziemlich nahe kam.
„Der Vater des Kindes darf Ihnen wohl vor der Welt nicht angehören—“ begann ſie ſtockend—„und— und— weil Sie befürchten, daß eine Andere, die vielleicht größere Rechte auf ihn hat—“
„So iſt es, liebe Frau,“ unterbrach Regina ſie matt. „O, quälen Sie mich nicht, thun Sie, um was ich Sie anflehe.
—— Glauben Sie nur—— ich habe in wenig Stunden ſo viel Qual durchlebt, daß ich mich nicht wundern würde,
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wenn mein Haar darüber ſchneeweiß geworden wäre. „Nun wohl,“ erwiderte Fränzchen,„ich will Ihr Verlangen erfüllen. Jetzt aber ſchweigen Sie, denn Sie haben ſchon
viel zu viel geſprochen.“ 59


