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Concordia.
und Alles iſt vorbei!——— Sie beugte ſich hinab——
tiefer— tiefer.— „O mein Gott!“ ſchrie ſie plötzlich auf und taumelte zurück.
Etwas Naſſes, Kaltes hatte ihre Stirn berührt—— es war von der nahen Weise ein feuchtes Blatt, das der Wind herabgeweht.
Sie blickte empor. nicht wie eine ſtumme Anklage gen Himmel? Rief nicht jetzt
eine andere Stimme, aber eine warnende, drohende: Mörderin? V
„Mörderin!“
Sie ſchrie das grauſige Wort gellend in die Nacht hinein. Hatte ſie ein Recht, mit dem ihren auch noch ein anderes Leben zu morden?
Sein Weib—— ſein Kind—— ſie konnte es gar nicht faſſen!— jenes fremde Kind, das ſie gemalt, es war ſein Kind, und eins von ihm trug auch ſie unter dem Herzen. Entſetzlich!——— Wieder trieb es ſie mit unwiderſtehlicher Macht nach dem Fluſſe. Aber im ſchnellen Lauf dahin ſtrauchelte ihr Fuß, ihr Kleid blieb an einer herausgewachſenen Baumwurzel hängen, und als hätte es wiederum nur dieſes äußeren Anlaſſes bedurft, ſo kam ſie dadurch auch diesmal wieder zur Beſinnung. Sie ſchüttelte das lange, nebelfeuchte Haar, das längſt gelöſt um ihre Schultern hing, in den Nacken und blickte zum ſternenloſen Nachthimmel empor.
„Herr mein Gott,“ ſtammelten die zuckenden Lippen, „führe uns nicht in Verſuchung!“
Wie von Furien gejagt, floh ſie jetzt aus dem Bereich des Waſſers.
Horch'— was war das? Dort aus der Ferne hörte ſie deutlich ihren Namen rufen:„Regine!— Regine!“—
O— ſie kannte dieſe Stimme! Sie wußte, wer da mit dem bald hie, bald da aufzuckenden Licht eifrig ſuchend den Damm entlang irrte, und nun galt es, die Kraft und Ausdauer ihrer Füße zu erproben! Nun galt es ein Laufen, blind in die Nacht hinein— gleichviel, wohin—— nur immer in der entgegengeſetzten Richtung von dem manchmal auftauchenden Licht.
Matter und matter ſah ſie es ſchimmern, aus weiter Ferne nur noch als winzig kleinen Punkt, und endlich verglomm es ganz und Dunkelheit lag wieder vor und hinter ihr.
9. Kapitel. Im Hinterzimmer des Rothen Ochſen.
Wohl über eine Stunde wanderte ſie noch, dann aber ſchwanden ihre Kräfte.
Von der Ermüdung gezwungen, manchmal auf einem Stein oder einer hügelartigen Erhöhung des Weges zu ruhen, ſchleppte ſie ſich dennoch mühſam weiter. Dabei ſchnürte ein angſtvolles Gefühl ihr das Herz zuſammen.
Plötzlich ſah ſie das Licht wieder aufblitzen.— Aber nein — das mußte ein anderes ſein! Es war ſtrahlend hell; auch glaubte ſie aus derſelben Richtung die Klänge einer luſtigen Muſik zu vernehmen.
Die letzten Kräfte zuſammennehmend, bog ſie von dem
Feldweg ab in die Landſtraße, wo in geringer Entfernung vor ihr ein ſtattliches Gebäude ſich erhob. Hinter den hellerleuchteten Fenſtern deſſelben ſah ſie in
raſcher Folge die Schatten tanzender Paare vorüberhuſchen.
Streckte der Baum ſeine hohen Aeſte V
Es dunkelte vor ihren Augen; wie mit Zentnerſchwere zog eine unſichtbare Gewalt ſie zu Boden. Aber wenn auch die Füße faſt den Dienſt verſagten, wenn die müden Kniee auch zuſammenzubrechen drohten— die Angſt, die unſagbare Angſt trieb ſie immer wieder weiter.
Sie mußte das Haus zu erreichen ſuchen! Und wenn es eine Mörderhöhle war, in die ſie gerieth— ſie mußte die Hilfe der darin wohnenden Menſchen erflehen.
Nur noch wenige Schritte und ſie ſah ſich am Ziel.
Ehen wollte ihre zitternde Hand die Hausthür öffnen, da wurde dieſelbe plötzlich von innen aufgeſtoßen und ein Menſchen⸗ knäuel wälzte ſich heraus.
„Ich ſage Dir, nichtswürdiger Halunke—“ ſchrie eine Männerſtimme, indeß eine andere unartikulirte Laute ver⸗ nehmen ließ,„naus mit Dir! Da lieg', Du Bierfaß, und brüll' da oben die Luna an! Hat der Kerl ſo kannibaliſchen Durſt in der Kehle als wie— warte'mal, wie ſagt doch unſer herrlicher Goethe— als wie fünfhundert Säue, und macht dabei'nen Lärm, daß'nem anſtändigen Menſchen's Trommelfell platzen möchte! Iſt das'ne Manier, ſich'nen Haarbeutel anzuſaufen und für diverſe Ohrfeigen noch nich' 'mal zu bedanken?— J, da ſoll doch gleich— da lieg' und gurgle bis morgen früh, altes Murmelthier!“
Der Sprecher, ein junger Menſch mit glänzenden, gekrauſten Locken, ſtreifte die Rockärmel herunter und näherte ſich wieder der Thür, in deren Winkel die erſchrockene Regine zurück⸗ gewichen war.
„Herr Gott, mein ſchönſtes Fräulein,“ redete er ſie an, „wer wird denn hier ſo ſchüchtern an der Thür ſtehen bleiben? Bitte, gehen Sie nur hinauf, Ihre Freundinnen ſind ſchon alle oben. Es iſt volles Orcheſter.“
Eine ganz andere Antwort, als er erwartet hatte, wurde dem Höflichen zutheil.
Regine vermochte kaum noch ſich aufrecht zu erhalten und mußte den in Fieberſchauern erzitternden Körper gegen die Thürpfoſte lehnen.
„Um Gottes Barmherzigkeit willen, Mann, erbarmt Euch meiner, ich ſterbe!“ rief ſie flehend und ſank zuſammen.
Dolfi— denn der klaſſiſch gebildete, vom Friſeur comme il faut bis hinab zum Oberkellner bei ſeinem Bruder Joſef Schneller, jetzigem Ochſenwirth, degradirte Dolfi war es— Dolfi war bei all ſeinen ſchwärmeriſchen Anwandlungen doch ein reſoluter Burſche.
Ohne ſich lange zu beſinnen, nahm er die Ohnmächtige in die Arme und trug ſie durch den Hausflur an der Gaſt⸗ ſtube vorbei, in ein Hinterzimmer, wo Fränzchen, des langen Joſef niedliche Frau, eben damit beſchäftigt war, einen einige Wochen alten Säugling in den Schlaf zu lullen.
„Da, Schwägerſche,“ rief er— er huldigte ſeit ſeinem
V Eintritt als Oberkellner im Rothen Ochſen einem weniger ver⸗ V feinerten Jargon— und legte ſeine Laſt auf das Sopha; „da haſt Du ein Weibsbild, das ich hinter der Thür ge⸗ funden. Armes Wurm das!— Sieh' zu, wie Du mit ihr fertig wirſt. Mir ſcheint, ich bin hier überflüſſig; Adieu!“
V„Jeſſes Maria!“ ſchrie Fränzchen auf.„Bringt mir der
Renſch hier ſo'ne Perſon in's Haus! Dolſi— biſt Du
verrückt?“
Aber Dolſi war längſt über alle Berge.
Hier galt kein langes Ueberlegen.
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