Concordia.
13. Kapitel. „Verborgenes Jeuer brennt zumeiſt.“
Maurice verließ Borcel⸗End erſt nach einigen Tagen nach dem Begräbniſſe. Er ſah, wie Martin in dieſer trüben Zeit an ihm hing, als das Gefühl, der Mutter beraubt zu ſein, für ſein junges Herz noch ein neuer und ſeltſamer Schmerz war, und ſo begierig er war, zu ſeiner Bibliothek und Juſtina zurückzukehren, zögerte er, da er fürchtete, ſein Abreiſe möchte jetzt unfreundlich erſcheinen. Als Martin erzählte, daß er eine literariſche Arbeit zu beſorgen habe— der junge Mann war es gewahr geworden, daß ſein Freund ein Autor ſei, obgleich er ihn nicht im Mindeſten im Verdachte hatte, ein Dichter zu ſein— wendete Martin dagegen ein, daß es gerade ſo leicht ſei, in Borcel⸗End zu ſchreiben, als in London, und vielleicht leichter, da es auf der Farm nicht viel Gelegenheit gab zu Unterbrechungen.
„Ich habe Sie ſagen gehört, die größte Schönheit bei Ihrem Geſchäfte ſei, daß Sie dazu nichts bedürften, als ein Buch Schreibpapier und einige Federn,“ ſprach Martin.
„Sagte ich das? Ah, dann vergaß ich doch noch etwas— die Bibliothek des britiſchen Muſeums, einige Millionen von
Büchern, mehr oder weniger; vielleicht habe ich nicht ſehr oft nöthig, meine Zuflucht zu ihnen zu nehmen, aber ich liebe es doch, ſie in der Nähe zu haben.“
„Dann iſt wohl das Buch, das Sie ſchreiben, ein ſehr gelehrtes?“ forſchte Martin.
„Keineswegs, aber es iſt angenehm, bei einem Zweifel ſich ſofort belehren zu können. Aber ich ſage Ihnen, was ich mit Ihnen thun will, Martin. Ich werde eine Woche zu Borcel⸗End bleiben, wenn Sie mir verſprechen, dann mit mir nach London zu gehen. Sie ſagten mir, daß der Tod Ihrer guten Mutter Sie frei gemacht.“
„Das wird der Fall ſein, nach und nach; aber es iſt noch nicht ſo gerade jetzt. Es wäre unfreundlich von mir, den Vater zu verlaſſen, während ſein Kummer noch friſch iſt. Er iſt vollſtändig muthlos.“
„Auf mein Wort, Martin, ich fürchte, Sie haben recht,“ antwortete Maurice.„Aber erinnern Sie ſich, daß Sie ſogleich zu mir kommen müſſen, ſobald Sie fühlen, daß Sie die Freiheit haben, Borcel⸗End zu verlaſſen— Sie müſſen zu mir kommen, meine Wohnung theilen, gerade ſo, wie Sie es thun würden, wenn ich Ihr älterer Bruder wäre.“
(Fortſetzung folgt.)
Gefunden!
Roman von C. Engels. (Fortſetzung.)
Editha beachtete nicht den wohlgemeinten Rath Freda's. Sie ſah die zitternde, bleiche Regine ſich auf die Lehne des Stuhles ſtützen und trat beſorgt näher.
„Sie ſehen plötzlich ſo bleich aus, Fräulein Haller; Ihre Hand zittert. Iſt Ihnen unwohl geworden? Soll ich nach friſchem Waſſer klingeln oder wünſchen Sie etwas eau de Cologne?“
„Nein, ich danke ſehr, Frau Baronin!“ wehrte Regine, all' ihre Kraft zuſammennehmend.„Es war nur ein leichter Schwindel, der mich oft befällt, wenn ich angeſtrengt gearbeitet habe. Es— es iſt jetzt ſchon beſſer— ja— es iſt wieder vorüber.— Leben Sie wohl!“
Sie eilte fort.
„Benutzen Sie nur ja meinen Wagen, der unten auf Sie wartet!“ rief die Baronin ihr nach, ohne ſich jedoch weiter um die Davoneilende zu kümmern.
Regine ließ den Wagen ſtehen und wankte durch die Straßen.
Sie konnte es nicht faſſen, das Entſetzliche— es mußte ein wüſter Traum ſein, der ihre Sinne verwirrte. Rolf— ihr Rolf— der Gatte dieſer Frau! Nein, es war undenkbar!
Und doch— konnte ſie zweifeln? Gellte er nicht noch immer in ihren Ohren, der laute Ruf Freda's: Papa—? Hatte er nicht vor ihr geſtanden mit ſchreckensbleichem Antlitz, mit dem Blick ſtarren Entſetzens in den Augen— ein ſchuld⸗ bewußter Verbrecher?
Flüchtigen Fußes, wie ein gehetztes Wild, floh ſie zum Thore der Stadt hinaus.
Wohin?—— Nach Hauſe?—— Nimmermehr!
Er würde kommen, ſie wußte es, und ſie fühlte ſich un⸗ fähig, ihm gegenüberzutreten.
Wie mit Geierkrallen grub eine bittere Verzweiflung ſich in ihr Herz. Verrathen zu ſein, wo ſie mit vollſter Kraft der Seele ge⸗
liebt und vertraut!— Mit jeder Faſer des Herzens hing ſie an ihm— war ſein im Leben und Sterben, und er konnte
ein unwürdiges Spiel mit ihr treihen! War ſie nicht das allerelendeſte Geſchöpf auf der Welt?— Sterben hätte ſie mögen; mit den eigenen Händen ein Grab graben, um ſich und ihr maßloſes Weh hineinzuſenken!
Dunkelheit brach herein; ſchwere, feuchte Dunſte füllten die herbſtliche Luft, ſo daß Regine den Shawl fröſtelnd um die Schultern zog.
Drüben in der Niederung wallten trombenartig die Nebel empor, reckten ſich aus zu gigantiſchen Geſtalten und winkten mit den weißen Rieſenarmen zu ihr herüber. Im Oſten zeigte ein fahler Schein den Punkt, wo der Mond vergebens rang, mit ſeinem Licht die dunklen Wolkenmaſſen zu durchbrechen.
Nur vorwärts— vorwärts! rief eine Stimme zu ihr. Laufen— um ſich ſelbſt zu entfliehen! Laufen, ſo weit ihre Füße ſie zu tragen vermochten— ſo lange, bis ſie beſinnungs⸗ los zuſammenbrach und ein Schleier wohlthätiger Vergeſſen⸗ heit ſich erbarmend über all' dieſe namenloſe Qual ihrer Seele breiten würde.
Sie warf ſich in's Gras und netzte mit der Feuchtigkeit der Halme die brennenden, thränenleeren Augen.
Dann ſprang ſie wieder auf und lief an den Fluß hinüber. Der ſang noch ſein altes Lied, immer mit dem einen dumpfen, ſanft anſchwellenden Tone. Aber es klang eine Stimme hin⸗ durch— eine leiſe, flüſternde, raunende Stimme. Und ſie erhob ſich lauter, deutlicher, und ſchlug endlich mit mäch igem Ton an ihr lauſchendes Ohr: Komm' herab!—— Ein Sprung


