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Concordia.
Squire geneigt geweſen wäre, es loszuſchlagen. Sie hatte ihn gelehrt, ſein Geld zu ſparen— ſie hatte ihn von allen verſchwenderiſchen Vergnügungen ſeiner Klaſſe zurückgehalten; aber ſie hatte ihm auch einen trefflichen Tiſch beſorgt, ſie hatte ihn mit allen Bequemlichkeiten verſehen und ihm ein ruhiges und in einer Weiſe ſehr angenehmes Leben gewahrt. Jetzt blickte er um ſich, ſah ihren Sitz leer und wunderte ſich, wie er ſeine ihm noch übrigen Tage zubringen würde.
Die Schweigſamkeit des Hauſes betäubte ihn. Er ging zwecklos in den Zimmern ein und aus; er ſah in die Küche, wo die zwei Dienſtmädchen ſaßen und an ihren ſchwarzen Kleidern nähten, und er ſah der Beerdigung mit bebendem Herzen und feuchten Blicken entgegen. Dann begab er ſich in das Schlafzimmer der alten Mrs. Trevanard, in welches Gemach die alte Lady durch eine chroniſche rheumatiſche Gicht gebannt war, die ſie nan Zeit zu Zeit überfiel.
Hier ſetzte er ſich am Kamin nieder, traurig, mit den Elbogen auf ſeinen Knieen, ans in das Feuer blickend, und die meiſte Zeit ſchweigend, und er ſchüttelte troſtlos den Kopf, wenn ſeine Mutter einen ſchwachen Verſuch machte, ihn zu tröſten— mit irgend einem Spruche aus der heiligen Schrift, der in den letzten ſechszig Jahren bei jedem Todesfalle in der Familie zitirt worden war.
„Ich dachte niemals, daß ſie vor mir dahingehen würde,“ klagte die alte Frau,„aber die Wege des Herrn ſind wunder⸗ bar, und ſeine Pfade ſind nicht auszufinden. Es iſt traurig, zu denken, daß Muriel morgen der Leiche nicht folgen kann. Es wird in unſerer Familie das erſte Mal ſein, daß eine Tochter bei dem Leichenbegängniſſe ihrer Mutter nicht zu⸗ gegen iſt.“
„Ach, die arme Muriel!“ ſagte der Vater, hoffnungslos. „Dieſer Kummer iſt jetzt auch noch ſchwerer zu tragen. Ich würde mich über meinen Verluſt eher getröſtet haben, wenn ich eine Tochter hätte, welche im Haushalte die Stelle der Verſtorbenen einnehmen könnte, Jemanden, der nach den Dienſtmädchen ſähe und mir des Morgens meinen Thee ein⸗ ſchänkte; Jemanden, der am Tiſche mir gegenüberſäße und mir helfen würde, den Rock abzulegen, wenn ich an einem reg⸗ neriſchen Abend zu Hauſe komme.“
„Es iſt ja Martin da,“ ſagte die alte Frau,„er wird Dir ein Troſt und eine Hilfe ſein!“
„Martin iſt ein guter Burſche, aber er kann mir nicht ſein, was mir eine Tochter geweſen wäre. Eine Tochter hätte ihre Arme um meinen Hals gelegt und wäre an mir gehangen und hätte Thränen vergoſſen an meiner Bruſt, und indem ich verſucht hätte, ſie zu tröſten, hätte ich meinen eigenen Kummer vergeſſen. Eine Tochter konnte den leeren Platz ihrer Mutter im Hauſe ausfüllen, was Martin nicht kann. Ihr werdet ſehen, Mutter, daß er ſelber bald wird fort wollen aus dem Hauſe, jetzt, da Brigitta todt iſt. Sie hatte einen viel größeren Einfluß auf ihn, als ich ihn jemals be⸗ ſaß. Ueber wen hatte ſie den überhaupt nicht? Ich denke, ſogar unſere Kühjungen hielten mehr von ihr, als von mir. O, ſie war eine wunderbare Frau!'“
„Ja, Michael,“ antwortete ſeine Mutter mit einem Seufzer, „ſie war eine gute und treue Dienerin, und an ſolchen findet der Herr ſeinen Wohlgefallen. Sie blieb nie des Sonntags vom Morgen⸗ oder Nachmittags⸗Gottesdienſte aus, mochte das Wetter lein, wie es wollte. Sie las fleißig ihre
Bibel und that ihre Pflicht nach ihrem beſten Wiſſen. Wenn ſie jemals irrte—“
„Sie irrte niemals,“ unterbrach ſie der Wittwer;„Brigitta hatte immer recht. Als Martin jene Kerry⸗Kühe kaufte und ich ihn ausſchalt, ſo ſchlecht ausſehendes Vieh gekauft zu haben, ſtand Brigitta dabei und ſagte, ſie bürge dafür, daß es gute Milchkühe ſeien. Und ſo war es auch. Ich ſah nie, daß Brigitta ſich irrte.“
Die Großmutter ſeufzte. Sie hatte an etwas gedacht, das weit ablag von den Sorgen für die Farm und den Haushalt.
Maurice wohnte dem Begräbniſſe bei, das an einem kalten September⸗Nachmittage ſtattfand, während die Herbſtwinde über die Moore und durch die ſtillen Thäler ſauſten und die gelben Blätter von den Obſtbäumen ſtreiften. Die Blätter fielen nach der andauernden Hitze des Sommers dieſes Jahr früher als gewöhnlich.
Es waren drei Trauerwagen da, in deren erſtem Michael Trevanard und ſein Sohn im Feſtſtaate ſaßen. Den zweiten nahmen Maurice, der Doktor und ein benachbarter Farmer ein; in dem dritten ſaßen drei andere Farmer, alte Be⸗ kanntſchaften der Familie zu Borcel⸗End. Dieſe Leute und ihre Haushaltungen hatten für Mrs. Trevanard ihre Welt gebildet. Für die Aufrechthaltung ihrer Achtbarkeit in deren Augen hatte ſie ſich abgemüht und beſtrebt; vor ihnen wohl⸗ habend und ehrenhaft vor allen Frauen ihrer Klaſſe zu erſcheinen, das war ihr Verlangen geweſen, das hatte ſie be⸗ friedigt. Sie folgten ihr zu dem kleinen Kirchhofe an der Seite des braunen Hügels und ſprachen von ihren Tugenden, als ſie gingen, und erklärten ſie für ein Muſter aller Frauen.
Man legte ſie in das Familiengrab der Trevanard's und ließ ſie da, während die Sonne ſich neigte und die abendliche Stille die Szene erfüllte. Dann gingen ſie zurück nach Borcel⸗End, wo alle Jalouſien aufgezogen waren und das Haus nun einen heitereren Anblick gewährte. Die Tafel war reich beſetzt mit einer gebratenen Rindslende, mit Geflügel und Schinken, mit großen Flaſchen voll Portwein und Sheery, einem ſchimmernden Theebret und einer ſilbernen Theekanne; die beſten Dinge des Hauſes waren zu Ehren der Leichenfeier der Mrs. Trevanard aufgeſetzt worden.
Die vier Farmer und der Doktor ſetzten ſich mit durch die Herbſtwinde vermehrtem Appetit zu dem Feſtmahle nieder, und der arme Michael nahm ſeinen Sitz oben an der Tafel ein und that ſein Beſtes, um den Pflichten der Gaſtfreund⸗ ſchaft zu genügen, und die Begräbnißgäſte erfreuten ſich ſelbſt nicht wenig durch die nächſte Stunde, obgleich ſie ihre ernſten feierlichen Mienen ſorgſam beibehielten und dann und wann ſeufzten, zwiſchen Schinken und Geflügel, oder einen frommen Gemeinplatz über die Kürze des Lebens murmelten, während ſie ihre Teller für eine zweite Portion kalten Rindslenden⸗ bratens hinhielten.
„Ah,“ ſagte der fetteſte und wohlhabendſte der Farmer, „ſie war eine reſpektable Frau. Ihresgleichen iſt nicht auf zwanzig Meilen um Seacomb.“
Und dies war das Lob, für welches Mrs. Trevanard ſich bemüht hatte— dies war die höchſte Ehre, die ſie jemals verlangt.
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