Jahrgang 
2 (1879)
Seite
461
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Concordia. 461

einen Umſtand, um irgend ein früher vergeſſenes Detail der⸗ Geſchichte handelte, die ſie mir mitgetheilt und es war etwas von einer Familien⸗Bibel. Wollen Sie mich Ihre Familien⸗Bibel ſehen laſſen, Martin?

Gewiß. Sie iſt an einem Orte, wo ſie alle Welt ſehen kann das heißt, mindeſtens alle Welt zu Borcel⸗End. Sie liegt auf einem Seitentiſche in unſerem beſten Beſuchszimmer. Mein armer Vater las dieſen Nachmittag darin. Ich werde gehen und ſie holen.

Martin nahm eine brennende Kerze und ging in das nächſte Zimmer, von wo er raſch zurückkehrte, einen in braunes Leder gebundenen Folioband tragend.

Dies war die Familien⸗Bibel ein gewichtiges Buch, reich mit alten Holzſchnitten geziert und mit großen Lettern auf ſtarkes Papier gedruckt, welches letztere durch die vielen Jahre eine gelbliche Färbung angenommen hatte.

Auf dem Anſetzblatte befanden ſich kurze Berichte über die Geburten, Hochzeiten und Todesfälle der Trevanard's durch die letzten hundertundfünfzig Jahre, aber außer dieſem Ver⸗ zeichniſſe enthielt das Blatt nichts.

Die erſte Inſchrift berichtete die Hochzeit von Stefan Trevanard von Treworgy mit Juſtina Penroſe von St. Au⸗ ſtell, am 14. Juli 1773, eine Ehe, von welcher der Zweig der Trevanard's zu Borcel⸗End abſtammte; und das zuletzt Ein⸗ getragene, in Michael Trevanard's liegender Schrift, berichtete den Tod von Brigitta, ſeinem geliebten Weibe, und ſo weiter.

Maurice las jede Zeile des Familien⸗Kataloges Mu⸗ riel's und Martin's Geburt, aber nirgends war die ſchwächſte Spur zu finden, die zu den letzten Worten der ſterbenden Mrs. Trevanard eine Erklärung geben konnte.

Dann ging er den ganzen Band Zlatt für Blatt durch, um vielleicht irgendwo zwiſchen den Seiten ein verſtecktes Dokument zu finden. Es fand ſich da eine welke Blume mit einem ſchwachen Dufte, der den trockenen Blättern noch ge⸗ blieben, ein Papierſtreifen mit frommer Poeſie, von einer Mädchenhand kopirt in hübſcher, anmuthiger Schrift, von der er annahm, es ſei die Muriel's. Und wirklich ſtand auf der Rückſeite dieſer Hymne von Milton unterzeichnet:Muriel Trevanard, Weihnachten 1851.

Darf ich dieſen Streifen Papier behalten, Martin? fragte er.

Es kam ihm in den Sinn, daß es in einer kommenden Zeit für ihn wichtig ſein könnte, ein Blatt mit der Hand⸗ ſchrift Muriel's zu beſitzen vielleicht um es mit einem anderen Dokumente vergleichen zu können.

Auf alle Fälle, antwortete Martin.Das arme Mädchen! Sie liebte die Poeſie ſo ſehr. Sie hat mir manche wunder⸗ liche alte ſchottiſche Ballade rezitirt, die ſie aus alten Büchern gelernt, die der Vater einmal auf dem Markte zu Seacomb für ſie zuſammenkaufte.

Außer dieſem loſen Blatte und einigen welken Blunmen konnte Maurice bei ſorgfältigſter Nachſorſchung nichts zwiſchen den Blättern der Familien⸗Bibel entdecken. Er begann zu denken, daß Martin recht haben könne und daß jene letzten Worte von Mrs. Trevanard nur die bedeutungsloſe Aeußerung eines wirren Geiſtes geweſen, mit nicht mehr Wichtigkeit, als Falſtaff's Sterbeworte von ſchönen grünen Feldern, die er in ſeiner Knabenzeit geſehen, oder von den mitternächtlichen

Zechgelagen, in denen er ſein Vergnügen gefunden, oder von ſeiner Geſellſchaft mit Dörchen Lackenreißer.

Uebrigens, ſagte Martin plötzlich, während ſein Freund mit verſchlungenen Armen vor dem heiligen Buche, einem Exemplare des großen Troſtes der Chriſtenheit, in tiefen Ge⸗ danken ſaß,es iſt noch irgendwo eine Bibel da, die meiner Großmutter gehörte eine Bibel, die ich nur als kleiner Junge ſah, wie ich mich erinnere ehe Muriel den Verſtand verlor, eine Bibel mit ſeltſamen alten Bildern darin, die ich ſehr gern anſah, nicht ein ſo dicker Folioband, wie dieſer, aber ein kürzeres, dickes Buch, in ſchwarzes Leder gebunden, mit einer Schließe von Meſſing. Meine Mutter las oft darin an Sonntags⸗Abenden und wir pflegten das Buch die Bibel der Mutter zu nennen.

War etwas darin geſchrieben? fragte Maurice.

Ja, ich glaube, ich ſah Geſchriebenes auf der erſten Seite.

Wie lange iſt es, ſeit Sie die Bibel zuletzt ſahen, Martin?

Wie lange? wiederholte Martin nachdenklich.O, viele Jahre. Ich erinnere mich nicht, das Buch von meiner Schul⸗ zeit an je wieder geſehen zu haben.

Sahen Sie es jemals, ſeit Ihre Schweſter geiſteskrank geworden?

Da fragen Sie mich zu viel. Ich kann mich deſſen nicht ſo genau erinnern, und doch, wenn ich nachdenke, ſcheint es mir, als hätte ich dieſe Bibel ſeit Muriel's langer Krankheit niemals geſehen. Ich wurde gerade zu der Zeit nach der Schule in Helſton geſchickt, und ich erinnere mich, jenes Buch nicht mehr geſehen zu haben, nachdem ich zur Schule ging. Aber dennoch glaube ich ſagen zu können, daß es irgendwo im Hauſe verſteckt ſein muß. Zu Borcel⸗End ging noch nie etwas verloren. Die Bibel befindet ſich wahrſcheinlich unter den Sachen, die ausſchließlich meiner Mutter gehörten. Sie pflegte alte Dinge ſorgſam aufzubewahren.

Ich würde ſie ſehr gern gelegentlich ſehen, wenn man ſie finden könnte, Martin.

Gelegentlich bedeutete, wenn die feierliche Gegenwart des Todes, die auf alle Dinge zu Borcel⸗End ihr Siegel legke, in dem alten Farmhauſe zu Ende ſein würde.

Ich will nächſte Woche unter den Büchern der Mutter nachſehen, ſagte Martin.In ihrem Schlafzimmer ſtehen viele Bücher auf einem alten Schranke.

Maurice blieb durch die ganze traurige Woche zu Borcel⸗ End, obgleich er einen ſehr freundlichen Brief von Mrs. Penwyn empfing, worin dieſe ihn bat, für die übrige Zeit ſeines Verbleibens in Cornwall ſeine Wohnung in dem Herrenhauſe aufzuſchlagen. Er fühlte, daß es hart wäre, Martin jetzt in dem düſteren Hauſe allein zu laſſen, und er wußte, daß ſeine Gegenwart für dieſen ein Troſt ſei, ſowie auch für Michael Trevanard, der ſich ſeit dem Tode ſeines Weibes in völliger Abhängigkeit befand. Er klagte, daß ihm das Haus ſeit Brigitta's Tode völlig fremd vorkomme. Seit neununddreißig Jahren war ſie die Hauptperſon in dem Hauſe geweſen ein Stab und eine Stütze für Alle die Achſe, um welche jene kleine Welt ſich drehte. Der Farmer wußte, daß er ihr die Erhaltung und Vermehrung ſeines Ver⸗ mögens verdankte. Es war Brigitta's Hilfe, Brigitta's un⸗ ermüdlicher Geiſt, der ihn leitete und aufrecht erhielt, der ihn reich genug gemacht hatte, Borcel⸗End zu kauſen, wenn der