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durch dieſe einfachen Mittel wurde viel Schönes und Nützliches erreicht.
Die Ausſtellung wurde unter einem rieſigen kreisrunden Zeltdache abgehalten, welches in dem Parke zu Penwyn auf⸗ gerichtet worden war. Lady Cheshunt war eine der Preis⸗ richterinnen, und ſaß da, in koſtſpielige theefarbige Seide gekleidet, in einer Robe, die ziemlich exzentriſch, aber von dem berühmteſten Konfektionär der Regent⸗Street angefertigt war, zu deſſen Patroneſſen die Lady gehörte.
„Ich kann wirklich nicht ſagen, daß ſie hübſch iſt, theure Lady Cheshunt,“ ſagte Madge, als ihre Freundin ſie um ihre Meinung bezüglich der theefarbenen Robe fragte.
„Ich thue das auch nicht, meine Theure,“ erwiderte die Dame ruhig,„ſie iſt ſogar überraſchend häßlich. Alle Ihre Landleute werden in hübſchen friſchen Farben kommen. Aber dieſes ſchmuzige Grünbraun iſt jetzt Chic!“
Nach der Blumenſchau kam ein Thee für die Gäſte, und Ballſpiel und Bogenſchießen mit all' der Heiterkeit, die ge⸗ wöhnlich ſolche Unterhaltungen begleitet. Maurice befand ſich mitten unter dem fröhlichen Volke und amüſirte ſich beinahe ſelbſt, was ihn indeß doch ein wenig wie ein Verrath an Juſtina vorkam. Denn auch hier im Parke, in den Lich⸗ tungen zwiſchen den duftenden Tannen, wo fröhliches Lachen das Ballſpiel begleitete, dachte er zurück an Juſtina's trauliches Gemach und an die glücklichen Stunden, die er dort gefunden, und er ſehnte ſich danach, wieder bei ihr zu ſitzen und ihr Victor Hugo vorzuleſen oder Thee zu ſchlürfen aus dem mit Drachen bemalten chineſiſchen Porzellan.
Es war ſpät, als er in Michael Trevanard's Wagen, der ihm für den Tag zur Verfügung geſtellt worden war, nach Borcel⸗End zurückfuhr. Als er am nächſten Morgen zum Frühſtück herabkam, war der für Mrs. Trevanard beſtimmte Stuhl leer. Dies überraſchte ihn, denn ſo krank ſie war, war ſie doch bisher ſehr regelmäßig in ihren Gewohnheiten geweſen, jeden Morgen um Acht war ſie erſchienen und hatte ſich erſt zurückgezogen, wenn die Famile zu Bette ging.
Auf eine Frage, die Mr. Cliſſold deshalb an Mr. Trevanard richtete, hörte er, daß die Kranke dieſen Morgen viel ſchwächer ſei. Sie war nicht fähig geweſen, ſich zu erheben.
„Es iſt ein ſchlechtes Zeichen, wenn Brigitta eine ihrer Gewohnheiten unterläßt,“ ſetzte der Hausherr verzagt hinzu. „Sie thäte das nicht, wenn ſie Kraft hätte, ſich aufrecht⸗ zuerhalten.“
Die nächſten zwei Tage blieb der Sitz der Frau vom Hauſe ebenfalls leer. Maurice wanderte auf der Farm umher, kaum wiſſend, was er in dieſer Zeit der Noth thun ſollte, aber er dachte doch nicht daran, ſeinen Poſten zu verlaſſen. Am dritten Tage wurde er erſucht, ſich zu Mrs. Trevanard auf ihr Zimmer zu begeben. Phöbe, die Hausmagd, holte ihn aus dem alten Obſtgarten ab, wo er ſeine Cigarre rauchte.
„Die Herrin iſt ſehr ſchlecht, und ſie verlangt Sie zu ſehen,“ ſagte das Mädchen athemlos.
Maurice eilte nach dem Hauſe und in Mrs. Trevanard's Zimmer. Ihr Gatte und ihr Sohn ſtanden an ihrem Bette, eine Hand der ſterbenden Frau lag in der Martin's, und ihre Augen waren mit einem ſeltſam beſorgten Ausdruck nach der Thür gerichtet.
Als ſie Maurice eintreten ſah, erheiterte ſich ihr bleiches Antlitz ein wenig, und ſie ſtieß einen ſchwachen Schrei aus.
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„Wünſche— Ihnen zu ſagen— noch etwas,“ ſtammelte ſie, ſchwach und mühſam.
Er trat an ihr Bett und beugte ſich über ſie.
„Theure Mrs. Trevanard, ich höre.“
„Eine Bibel— gab— Familien⸗Bibel.“ Dies war Alles, was ſie hervorzubringen vermochte.
Und ehe die einbrechende Nacht die Fenſter zu Borcel⸗End verdunkelte, war die wackere Hausfrau dahingegangen nach dem
Lande, wohin die Sorgen und Leiden des irdiſchen Daſeins
nicht folgen.
12. Kapitel. „Der Tod erntet in jeder Jahreszeit!“
„Was war es wohl, das Frau Trevanard ſagen wollte, als der Tod ihre Lippen für immer verſiegelte?“
Dies war die Frage, welche Maurice Cliſſold ſich vielmals ſtellte in jenen unglücklichen Stunden zu Borcel⸗End, als ſchwere Düſterheit über dem Hauſe lag und er und Martin ſchweigend beiſammenſaßen, voll Sympathie, und größtentheils allein, da Mr. Trevanard die Einſamkeit des beſten Zimmers im Hauſe an dieſem Unglückstage vorzog.
Was für ein Umſtand, was für ein Detail war es, das ſie ihm ſagen wollte? Wie ſollte er die Spur zu einem Ge⸗ heimniſſe aus den zwei Worten— Familien⸗Bibel— finden, den einzigen Worten, die er deutlich von den Lippen der Sterbenden gehört?
Er überließ Martin ſeinem Schmerze, denn er fühlte zu wohl, wie wenig in ſolchen Fällen Troſtesworte vermögen; aber am nächſten Abende, als Michael Trevanard zu Bette gegangen war und Martin gefaßter und ergebener ſchien über den Tod ſeiner Mutter, kam Maurice auf den Gegenſtand, der jetzt all' ſeine Gedanken in Anſpruch nahm.
Er hatte Martin erzählt, daß Mrs. Trevanard ihm ihr Vertrauen geſchenkt, aber er hatte ihm auch geſagt, daß die Umſtände, die ſie ihm anvertraut, ein tiefes Geheimniß bleiben müßten.
„Sie hat mir ein verborgenes Blatt Eurer Familien⸗ geſchichte anvertraut, Martin,“ ſagte er.„Wenn ich das Unrecht, welches geſchehen, gut machen kann, ſollen Sie Alles wiſſen; aber wenn es mir mißlingt, muß das Geheimniß ein Geheimniß bleiben bis an das Ende meines Lebens.“
„Wie gut Sie ſind!“ ſagte Martin.„Kann ich je dankbar genug ſein für das Intereſſe, welches Sie unſerem Kummer widmen?“
„Mein lieber Martin, es iſt weniger Grund zur Dankbar⸗ keit vorhanden, als Sie ſich vorſtellen. Ich habe ſelbſt ein Motiv, eifrig zu ſein in dieſer Angelegenheit— ein thörichtes „Motiv vielleicht, und ganz gewiß ein ſelbſtſüchtiges. Sprechen Sie daher nicht von Dankbarkeit.“
Als Maurice Abends Martin in ruhigerer Stimmung fand, fragte er ihn:
„Sie hörten, was Ihre Mutter auf ihrem Sterbebette zu mir ſagte?“
„Jedes Wort. Ich denke, ſie phantaſirte, die gute armer Seele!“
„Das denke ich kaum, Martin. Es war ſo viel Ausdruck in ihrem Geſichte, als ſie mich anſah, und ſie ſchien ſo begierig, mir etwas zu ſagen. Ich bin gewiß, daß es ſich um irgend


