Concordia. 459
Nachrichten gekommen!“ Muriel fuhr mit einem ſchwachen Schrei empor, aber ich erfaßte ſie und drückte feſt ihre Hand, um ſie zu warnen, zu ſagen, was ſie verrathen könnte. „Fürchterliche Neuigkeiten,“ fuhr Michael fort;„Kapitän George, der älteſte Sohn, den wir Alle ſo wohl kennen, iſt von den Wilden ermordet worden. Gott allein weiß, was dieſe rothen Teufel Alles mit ihm gethan. Man ſagt, ſie hätten ihn ſkalpirt, ihn an einen Baum gebunden und ge⸗ martert—“ Hier ſtieß Muriel einen langen, durchdringenden Schrei aus und fiel auf den Steinboden nieder. Wir hoben ſie auf und brachten ſie in ihr Bett, und es wurde in aller Haſt nach dem Doktor geſendet. Ich war ſchwer bekümmert, daß ſie ihr Geheimniß verrathen würde, gegen den Vater oder den Doktor, als ſie aus der todesähnlichen Ohnmacht zu ſich kam. Aber ich hätte nicht nöthig gehabt, das zu befürchten; ihr Verſtand war ganz fort, und Alles, was ſie ſprach, war eine zuſammenhangloſe Raſerei. Von dieſem Tage an iſt ſie das hilfloſe und hoffnungsloſe Geſchöpf geweſen, als welches Sie ſie ſahen. Wir hielten ſie zu Hauſe, unter der Obhut der Großmutter, da wir ſie in keine Irrenanſtalt bringen wollten. Wir haben Alles gethan, was wir denken konnten, um ihr dieſen elenden Zuſtand zu erleichtern, aber nie wieder, auch nicht für die kürzeſte Zeit, gewann ſie ihre Vernunft zurück. Und nun habe ich Ihnen Alles geſagt, Mr. Cliſſold — ohne Rückhalt; ich habe das Unrecht, das ich gethan, ſo freimüthig bekannt, als ich vor Gott meine Sünden bekennen könnte.“
Die kranke Frau ſank auf ihre Kiſſen zurück, bleich bis in die Lippen. Die mächtige Willenskraft, die immer das beſondere Merkmal ihres Charakters geweſen, hatte ſie während ihrer Erzählung aufrechterhalten. So tief Maurice Cliſſold Mitleid mit ihrem leidenden Zuſtande fühlte, begriff er doch, daß es von höchſter Wichtigkeit war, ohne Aufſchub alle Auf⸗ ſchlüſſe von ihr zu erhalten, welche ſie geben konnte.
„Ich bin Ihnen dankbar dafür, Mrs. Trevanard, daß Sie mich mit Ihrem Vertrauen beehrten,“ ſagte er freundlich,„und jetzt, nachdem Sie mir ſo vollſtändig vertraut, nehmen Sie nochmals mein feierliches Verſprechen, daß ich Alles thun werde, was in meiner Macht liegt, um Gerechtigkeit für Ihre Tochter zu erlangen, wie für das Kind Ihrer Tochter. Ich bin geneigt, zu denken, daß Kapitän Penwyn weniger niedrig geſinnt geweſen ſein mag, als Sie glauben, und daß ſein un⸗ glücklicher Tod allein eine Sühnung oder die Enthüllung einer geheimen Heirat zwiſchen ihm und Ihrer Tochter verhinderte. Ich kann kaum denken, daß ein Mädchen, das ſo erzogen ward, ſo leicht ein Opfer geworden, wie Sie es ſich vorſtellen. Ich werde mich bemühen, feſtzuſtellen, ob eine Heirat ſtatt⸗ gefunden oder nicht. Einer meiner Freunde, ein junger Geiſt⸗ licher in London, hat mir in Bezug auf geheime Ehen manches Seltſame erzählt— manches zerſtreute Blatt aus einer Familiengeſchichte— und ich ſehe keinen Grund, warum dieſer Kapitän Penwyn, der auf Sie den Eindruck eines ehrenhaften und wohlmeinenden Mannes gemacht, nicht eine ſolche Verbindung mit Ihrer Tochter geſchloſſen haben ſollte.“
„Gott gebe, daß es ſo war,“ rief Mrs. Trevanard.„Ich würde mit leichterem Herzen in mein Grab hinabſinken, wenn ich Kapitän Penwyn weniger für einen Schurken halten könnte, als ich es ſeit den letzten zwanzig Jahren gethan habe. Als ich von ſeinem fürchterlichen Tode in den kanadiſchen Wäldern
hörte, ſagte ich zu mir ſelbſt:„Der allmächtige Rächer jedes Unrechtes hat mein Gebet erhört!““
„Ich werde mich auch bemühen, Ihre Enkelin aufzufinden,“ ſagte Maurice.„Ich habe eine eigenthümliche Meinung über dieſen Punkt, aber vielleicht iſt ſie thöricht, und es iſt kaum der Mühe werth, darüber zu ſprechen.“
„Bitte, ſagen Sie mir, was es iſt.“
„Es iſt in der That ſo, daß es Sie irreführen könnte. Alles, was ich verlange, iſt, daß Sie mir einige Details darüber geben, die mir in dem Verſuche nützen könnten, das Mädchen aufzufinden, das Sie Mr. und Mrs. Eden anvertraut haben. Was für eine Art Mann war dieſer Mr. Eden zum Beiſpiel?“
Das Geräuſch von Wagenrädern, welche vor die Thür rollten, verhinderte die Beantwortung dieſer Frage. Vater und Sohn kamen, und bald traten ſie in das Zimmer und brachten friſche Luft von dem Moorlande mit ſich. Die Ge⸗ legenheit, von Mrs. Trevanard weitere Einzelheiten zu er⸗ halten, war für den Moment dahin; und es konnte lange dauern, bis ſich Maurice wieder mit ihr allein befand und ſie geneigt war, zu ſprechen. Er wünſchte herzlich, daß die Ge⸗ ſchäfte auf dem Markte in Seacomb, oder das Gaſthaus, wo die Farmer ihr Diner nahmen an ſolchen Tagen, Michael und ſeinen Sohn etwas länger zurückgehalten hätten.
Die Kranke war dieſen Abend heiterer, als ſie es ſeit langer Zeit geweſen, und etwas von der alten Behaglichkeit ſchien in die Heimſtätte zurückzukehren, als Maurice und die Familie beim Thee ſaßen. Sowohl Michael Trevanard als auch ſein Sohn bemerkten die Veränderung.
„Sie müſſen eine ſehr gute Geſellſchaft ſein,“ ſagte der Farmer zu Mr. Cliſſold,„denn Brigitta ſieht viel heiterer aus.— Sei guten Muthes,“ ſetzte er, gegen ſeine Gattin ge⸗ wendet, hinzu,„am Ende täuſchen wir doch die Aerzte.“ Und er reichte ihr eine Schale Thee, die einzige Erfriſchung, deren ſie ſich noch erfreuen konnte.
„Die Aerzte mögen mit mir thun, was Gott will, Michael,“ antwortete Mrs. Trevanard,„wenn ich nur mit leichtem Ge⸗ müthe an die Ruhe des Grabes gelange.“
Ihr Sohn zog nach dem Thee ſeinen Stuhl an ihr Bett, nahm eine ihrer Hände in die ſeinen, betrachtete ſie mit melancholiſcher Zärtlichkeit und dachte wohl an den kommenden Tag, da ihm nichts auf Erden ferner ſein werde, als die Hand der Mutter.
Maurice Cliſſold hatte ſich verpflichtet, den nächſten Tag in Penwyn zuzubringen, wo eine Blumen⸗Ausſtellung ſtatt⸗ finden ſollte, für welche Mrs. Penwyn und Miß Bellingham ſich ſehr intereſſirten. Die Gattin des Squire war es, welche dieſe jährliche Ausſtellung veranſtaltet und die Blumenpflege durch verſchiedene nützliche und anziehende Preiſe bei den Land⸗ bewohnern in Aufnahme zu bringen geſucht hatte. Eine ſilberne Taſchenuhr, eine Theebüchſe von Roſenholz, ein Speiſe⸗Service von Delfter Steingut, ein kupferner Theekeſſel— dies waren Preiſe, welche dem Geſchmacke der Blumenzüchter entſprachen und ſie zu eifriger Konkurrenz veranlaßten. Auch der Gemüſe⸗ Anbau und die Obſtkultur wurden durch Preiſe befördert. Die rieſigſten gelben Roſen, die längſten und grünſton Gurken, die ſchönſten Trauben und die herrlichſten Dahlien wurden in
einem Umkreiſe von zehn Meilen um Penwyn gezogen; und 58*


