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Concordia.
Häuft Reichthümer auf, und Ihr wißt nicht, für wen Ihr ſie geſammelt.“
„Hörten Sie nie wieder etwas von Mr. und Mrs. Eden oder von dem Kinde?“ fragte Maurice, beſorgt, Alles von den Lippen zu vernehmen, die ſo lange geſchwiegen hatten.
„Nicht ein Wort von jenem Tage bis zu dieſem. Sie haben ihr Verſprechen gehalten. Ich weiß nicht, ob ſie ſich wohl befinden oder ob ſie zu Grunde gingen. Sie waren Beide noch jung, und es ſchien mir kein Grund vorhanden, warum es ihnen nicht wohl gehen ſollte in einem kleinen Handel, wie ich ihnen rieth, ihn zu verſuchen, den ſie mit dem kleinen Kapital gar wohl hätten beginnen können. Der Himmel weiß, was aus ihnen geworden ſein mag. Das Kind mag todt ſein— todt ſeit Jahren, und die Ruhe gefunden haben, die ich auch bald finden werde.“
„Es kann aber auch leben. Es kann emporgewachſen ſein, ſchön, gut und geſchickt; es kann ein Enkelkind ſein, auf das Sie ſtolz ſein könnten.“
„Ich würde niemals ſtolz ſein auf ein namenloſes Kind,“ antwortete Mrs. Trevanard düſter.
„Das Kind, welches Sie verbannten, mag vielleicht nicht ohne Namen geweſen ſein. Vergeben Sie mir, wenn ich deut⸗ lich ſpreche. Fern ſei es von mir, Ihnen einen Vorwurf zu machen. Ich biete Ihnen Theilnahme und Hilfe an, wenn Hilfe möglich iſt. Aber ich denke, Sie handelten übereilt in dieſem traurigen Geſchäfte. Wie, wenn eine heimliche Ehe beſtand zwiſchen Ihrer Tochter und Kapitän Penwyn? Solch' eine Heirat konnte leicht vollzogen werden während der drei Wochen, welche Ihre Tochter vom Hauſe fern war, ſcheinbar auf einem Beſuche bei ihrer Lehrerin. Haben Sie dieſe Dame nie hierüber befragt?“
„Es war mir nicht möglich, das zu thun. Miß Barlow zog ſich bald nach Muriel's Beſuche von ihrem Geſchäfte zurück und ihre Schule kam in fremde Hände. Sie ging in's Aus⸗ land und ich konnte nicht herausfinden, wohin, um mich mit ihr in Verbindung zu ſetzen. Aber hätte ich auch ihre Adreſſe gewußt, ich würde mich gefürchtet haben, ihr zu ſchreiben, da mein Brief Muriel kompromittiren mußte. Mein einziges Verlangen war, die Schmach zu verbergen, welche auf meine Familie zu werfen der Vorſehung gefallen hatte, ohne Zweifel als eine Züchtigung für unſeren Stolz.“
„Welche Wirkung hatte auf Ihre Tochter der Verluſt ihres Kindes?“
„Ach, das war ſchrecklich! Nach der Geburt hatte Muriel ein Fieber. Es entſtand nicht aus Mangel an Sorgfalt und guter Pflege, denn die alte Mrs. Trevanard pflegte ſie mit der größten Aufopferung, und eine geſchicktere Wärterin giebt es nicht, als meine Schwiegermutter. Aber Muriel vermißte ihr Kind, und dieſer Verluſt brachte ſie außer ſich, und im Delirium des Fiebers dachte ſie, ich hätte ihr das Kind ge⸗ nommen und es ermordet. Wir hatten eine fürchterliche Zeit mit ihr zu überſtehen, die alte Mrs. Trevanard und ich, während ihre Verwirrung andauerte, aber mit viel Sorgfalt
brachten wir ſie durch; und als das Fieber ſie verließ, wurde ſie vernünftiger und verſtand, daß ich das Kind fortgeſchickt habe, um ihren guten Namen zu bewahren, aber ſie war von
da an gegen mich ganz anders in ihrem Betragen, als ſie es
ſonſt geweſen war. Sie küßte mich niemals wieder und ver⸗ langte nie wieder, das ich ſie küſſe, und ſie ſchien ſich nicht
mehr darum zu kümmern, mich in ihrer Nähe zu haben. Ich konnte ſehen, daß meine einzige Tochter mir für immer ent⸗ fremdet war. Sie hing an ihrer Großmutter, und das Ein⸗ zige, was ich thun konnte, war, ſie von Zeit zu Zeit zu bewegen, herabzukommen und bei uns zu ſitzen. Ich war ſehr beſorgt, dies zu thun, wenn es auch nur geſchah, um ihren Vater zu befriedigen, denn er war die ganze Zeit, während ſie auf dem Zimmer geweſen war, ſehr beſorgt und bekümmert, und nach⸗ dem die Eden's mit dem Kinde fort waren, hatte ich mich ge⸗ nöthigt geſehen, einen Arzt von Seacomb zu rufen, nur weil mein Mann es verlangte. Der Doktor hörte auf Alles, was
drs. Trevanard ihm über Muriel erzählte, und wiederholte nur, was ſie ſagte, und that weder Gutes noch Schlechtes durch ſein Kommen.“
„Und Ihre Tochter nahm ihren Platz in der Familie wieder ein?“
„Sie kam zu uns herab und ſaß am Feuer, leſend und zuweilen dem kleinen Martin vorſingend, aber ſie ſchien in Allem nur der Schatten ihres einſtigen Selbſt, und es war herzbrechend, ihr trauriges, bleiches Antlitz zu ſehen. Sie ſaß, ihre melancholiſchen Augen auf das Feuer gerichtet, oft ſtundenlang in Gedanken verſunken. Sie mögen urtheilen, was ich über den Elenden dachte, der dieſes Unheil angerichtet, wenn ich ſein Opfer ſo freudlos und verzweifelt daſitzen ſah — ſie, die ohne ihn hätte ſo fröhlich und glücklich ſein können. Ihr Vater war auf das Tiefſte bekümmert über Muriel's Veränderung. Er beugte ſich zuweilen über ſie, nannte ſie mit den zärtlichſten Namen und fragte ſie, was er thun könne, um ſie glücklich zu machen und die Roſen auf ihre Wangen zurückzubringen; ihm zu Liebe ſchien ſie bis⸗ weilen etwas heiterer, und bemühte ſich einige Momente, wie ſonſt zu ſein. Aber Jeder konnte ſehen, wie erzwungen ihr Lächeln war. Ich ſagte niemals, weder Morgens noch Abends, mein Gebet, ohne Gott zu bitten, das große Unrecht, das meiner Tochter zugefügt worden war, zu rächen, und es ſchien mir niemals, daß ein ſolches Gebet ſündhaft ſei.“
„Fragte Ihre Tochter Sie, was aus dem Kinde geworden?“
„Ich erſparte ihr die Pein, dieſe Frage zu ſtellen. So⸗ bald nach dem Fieber ihr Verſtand zurückkehrte, erzählte ich ihr, daß das Kind in ſicheren Händen ſei, bei freundlichen Leuten, die gut dafür ſorgen würden, und daß ſie um deſſen Schickſal nicht beſorgt zu ſein nöthig habe.„Laß dieſe dunkle Zwiſchenzeit in Deinem Leben vergeſſen ſein, Muriel,“ ſagte ich;„möge Gott Dir ſo verzeihen, wie ich es jetzt thue.“ Sie antwortete nicht, ſondern neigte nur ſanft ihr Haupt, als ob ſie zuſtimme.“
„Und wie kam es, daß nach dieſer Geneſung ſich ihr Geiſt wieder verwirrte?“
„Ich komme jetzt dazu. Dies war der ſchwerſte Schlag von allen. Gerade als ich zu hoffen begann, daß die Zeit völlige Heilung bewirken würde, gerade als ich meinte, ich
könne dann und wann einen Schimmer ihres alten Lächelns
wieder ihr bleiches Antlitz erhellen ſehen, fiel der Schlag. Wir ſaßen eines Abends um das Herdfeuer, Muriel und ihre Großmutter, der kleine Martin und ich, als mein Mann hereinkam und ſehr aufgeregt ausſah. Wir fragten ihn, was es gäbe.„Das Traurigſte, was ich ſeit vielen Jahren ge⸗ hört habe,“ antwortete er.„Jetzt, nachdem wir Alle unſeren Kummer gehabt, ſind für den Squire von Penwyn ſchlechte


