Concordia.
doch das Dichten und Trachten der Frau Direktorin unabläſſig darauf gerichtet, auch dirſes Minimum verſchwinden zu laſſen. Zu dieſem Behufe hatte ſie ihr Opfer auf dem Altar eines Annoncenbureau's niedergelegt und alsbald erfreuten die ge⸗ leſenſten Journale das Herz hoffnungsbedürftiger Kunſtjünger und Jüngerinnen mit folgendem Inſerate:
„Für angehende Schauſpieler.
Ein beſtens renommirtes Kunſtinſtitut iſt erbötig, jungen Herren und Damen, welche ſich der Bühne widmen wollen, die Hand zu bieten: durch praktiſche Verwendung in Oper und Schauſpiel binnen kürzeſter Zeit tüchtige Reſultate erzielen zu können. Für das erſte Jahr iſt ein mäßiges Honorar zu entrichten. Unter Umſtänden kann daſſelbe gänzlich erlaſſen werden. Im zweiten Jahre unbedingter Anſpruch auf Gage. Nähere Auskunft ertheilt
C. Grasberger, Theaterdirektor, z. Z. in Klughauſen bei Dummkirchen, Neg.⸗ Bezirk Gernhaben.“
Der gute Einfall ſeiner Frau hatte Herrn Grasberger auf das Angenehmſte überraſcht. Er las ſeine Unterſchrift im Annoncentheile der Blätter mit den Empfindungen eines Unter⸗ viftiidde welcher den Erlaſſen ſeines Hauptmannes ebenſoviel
Bewunderung wie Zuverſicht entgegenträgt, und ſonnte ſich im doppelten Glorienſchein ſeiner Größe: als Gatte und Theaterdirektor.
Wirklich waren auf obige Bekanntmachung mehrere An⸗ fragen und ſogar Zuſagen erfolgt, leider aber nur ein einziger Kunſtbefliſſener eingetroffen.
Dieſes unglückliche O pofer ſeiner Liebe zu Thalien entledigte ſich zur heimlichen Verwunderung der Frau Direktorin und zum ehrfurchtsvollen Erſtaunen d ihn Ehege rure ſofort des ausbedungenen Honorars delßis Wen und empfing ein Dokument, durch u luſpruch ſprefende Gage im zweit
Der anſpruchsl Anß pruch auf r Oſtſchweiz geboren. berrn Kieſwr G rasbe
entſp im zweiten Jahre war in
Mit dem Engagementsantritt bei
H 19 er feierle er ſeine erſte Fahrt in die Welt, und das vortreffliche Deutſch, das er mitbrachte, hätte an Stelle ſeines Reiſepaſſes genügt, ſeine ehrliche Landsmann⸗
ſchaft auf das Glänzendſte zu herunnen
Hor OSor 28„12 F 4 Außer dieſer zweifelsohne ſchätzens Kraft und den roFfor und S Ffan:„ opt 2 9„5 Direktor und der Direktorin, welch' letztere das ernſte und
heitere Fach mit B ug belegt hatte, be as N heitere Fach mit Beſchlag belegt hatte, beſtand das †
noch aus rer brſeen Erſcheinung nach als B rohrmann aden„erſten Liebhaber“ lichen„Soubrette“, einer iclaigen Grazie mit Stumpfnaſe und ſchiefem Munde; einer Art Frauenzimmer für Kammermädchen, Souffliren, Tanzen und Billetabn und einem Faktotum für Zetteltragen,
abſchreiben, Requiſition,
einem ſei n zu bezei; der unvermeid⸗
Glotzaugen,
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nehmen, Rollen⸗ inere Epi iſoden und
Naturburſchen, größere und kle
9 Haar
re ſchneiden. Af b die k uinedi e Vornahme des Haarſchneidens legte der Herr Dir ſein beſonderes Augenmerk. Jedes männliche Benalted Uivund durch einen ausdrücklichen Paragraphen des Grasbergeriſchen Kontraktes verpflichtet, ſein Haupt jede vierte Woche der benannten Prozedur zu unterwerfen, bei Vermeidung des Strafabzuges von einer halben Monatsgage.
Grund dieſer drakoniſchen Verordnung war das Wohl der
ſieben Stück Theater⸗Perrücken, welche nach einem Ausſpruche der Frau Direktorin als„eigentliche Seele des Geſchäftes“ zu betrachten ſeien. Nun hatte es ſich zu wiederholten Malen ereignet, daß wirkliche und wahrhaftige Dickſchädel mit ent⸗ ſetzlich üppigem Haarwuchſe die Ehre genoſſen, von den Gras⸗ bergeriſchen Bretern herab die Welt widerzuſpiegeln, hierbei nnter Anderem aber auch die harmloſen Perrücken ſo arg maltraitirten, daß letztere ihrem gequälten Daſein an ver⸗ ſchiedenen Nähten Luft machten.
„Mit der Kultur wächſt fort und fort auch der Inhalt und mit ihm der Umfang des menſchlichen Kopfes, das hab' ich ſeldſt einmal ausführlich geleſen,“ hatte der„Direktor“ bei dem Anblicke ſeiner defekten Lieblinge gejammert;„wie wird es euch armen Perrücken noch ergehen, wenn ich nicht ein Mittel erſinne, dieſes rieſige Fortſchreiten des Geiſtes, deſſen Schwingen auf Schritt und Tritt in tanſend Erfindungen und Verbeſſerungen uns berühren, wie zum Beiſpiel bei Krupp⸗ ſchen Kanonen, den Cafés chantants und ſo weiter, euch gegenüber unſchädlich zu machen!“
Er war lange unentſchloſſen, was zu beginnen. Nur Mikrocephalen zu engagiren, ſchien ihm mit Recht kaum aus⸗ führbar; das Gelingen eines Zuſammenpreſſens der Groß⸗ ſchädel nicht denkbar; ein Weitermachen der Perrücken un⸗ möglich, und ſo verfiel er auf den wahrhaft genialen Gedanken, jeglichem ſeiner Mitglieder durch enenabtne Beſchneiden des feinen, hornartigen Kopfauswuchſes, Haare genannt, welche ſeiner Meinung nach nichts Anderes ſeien, a als ein allzu heftig wuchernder, zu Tage gedrängter Ideenreichthum, ſeine Allongen und Perrücken ohne Schädigung derſelben dienſtbar zu halten.
Doch kehren wir auf das zwei Fuß hohe Podium zu dem denkenden und erfindungsreichen Leiter des Kunſtinſtitutes zurück.
Unverdroſſen arbeitete er an ſeiner Rolle und an der derrichtung der Bühne für die Abends neu aufzuführende „Große Operette mit Geſang, Tanz, Evolutionen und über⸗ raſchendem Schlußtableau bei zauberhafter bengaliſcher Be keuchtunge
Er war mit den gewonnenen Reſultaten ſichtlich zufrieden und ſchickte ſich eben an, von der Rampe hinab in den Saal zu ſteigen, als plötzlich ein Schreckgeſpenſt in k ſeineß Gehirn aufſtieg und er, die Hand in der Bruſttaſche, heftig erſchrocken ſtehen blieb..
„Da haben wir die Beſcherung, Toni,“ hob er zu ſtöhnen ar anz„mein langer blauer Kaftan! O, ich Unglücksvogel! Wir
ſſen ſofort in die Druckerei ſchicken; das Stück kann nicht gegoben werden— he?“
Antwort erwartend, hob er in gewohnter Weiſe die Hand zum Ohre.
Da jedoch außer ihm ſich Niemand in den geheiligten Räumen befand, ſo tönte nur das Echo wie höhnend ſein „He?“ zurück.
Da öffnete ſich die Eingangsthür und eine Fee erſchien ihm, die ſtets Rath und Hilfe ſpendende Gattin.
„Toni, Toni!“ rief er der Kommenden entgegen,„der Brief iſt nicht fort; ſeit zwei Tagen trage ich ihn mit mir herum. O, meine Vergeßlichkeit! Hier iſt er; mit der an⸗ geſetzten Vorſtellung iſt's vorbei.“
„Was Du nicht ſagſt!“ verſetzte in hochpathetiſchem Tone die Frau Direktorin;„die heutige Einnahme fahren laſſen— fällt mir nicht ein.“
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