—
—
Concordia. 451
Der Kleine war auf's Mutter noch nie geſehen.
„Du brauchſt Dich vor mir nicht zu fürchten,“ hob Sidi von Neuem an und küßte ihn leidenſchaftlich,„ich, ich gebe gern mein Leben für Dich hin, ich bin es nicht, die Dich ver⸗ letzt— Dein Vater, Dein ſchlimmer, ſchlimmer Vater!“
„Was will mir der Papa denn thun?“ fragte das Kind mit ſtockender Stimme.
„Was er Dir thun will?— er will Dich hinausſtoßen,
Aeußerſte erſchreckt; ſo hatte er die
in Lumpen, nackt— er will Dich um Deine Zukunft be⸗ trügen, Dich wie einen Wurm zertreten, Dich und mich! Aber
7 2 0 nein, das ſoll er nicht— ich will ihm entgegentreten und ihn
.=.—— 5 1 4 an die Schwüre mahnen, die er mir geleiſtet. Sie galten
freilich der dummen Zigeunerin, die man wie einen Hund in's Freie jagt. Hoho! Cartouche!— haſt Du vergeſſen, daß Hunde beißen können?— Aber ich will mich mäßigen, ich will bitten, will flehen, das Kind auf dem Arme, zu ſeinen
Füßen. Er hat ein Herz, er liebte mich einſt, er wird ſich meiner erinnern, er—— Ja, ja, das wird ihn bewegen, muß ihn rühren, muß— muß—— Es iſt noch Hoffnung, Hoffnung!— Wehe, wehe, wenn ſie einſt ſchwindet, wehe mir und ihm! Dann— Er ſoll nicht in's Brautbett— Kind,
mein Kind, verlaß Dich auf Deine Mutter!“
Hätte der Räuberchef in Betreff ſeines Planes keinen Widerſpruch gefunden, ſo würde ihm manches Seltſame bei
Marie und Etienne aufgefallen ſein; ſo machte ihn aber der
Eigenſinn blind. Er zog weder Erkundigungen über die An⸗ gelegenheiten und Güter der Gräſin ein, noch nahm es den
2 raſch auf eine Verheiratung einging und es ſich auf dem kleinen Schloſſe gefallen ließ, welches jetzt eine ausſtattende Verſchönerung nach der anderen erhielt. Schon war der Hochzeitstag beſtimmt und nicht mehr fern,
die Vorbereitungen wurden in großem Maße getroffen, als
ob ein Heer von Zeugen bei dem Feſte zugegen ſein ſollte. In der That hatte Cartouche die Abſicht, die Gewandteſten
ſeiner Spießgeſellen bei der Farce um ſich zu haben, die er zu ſpielen geſonnen war. Ja, es ſtellten ſich ſchon Einzelne am Abend vor der Hochzeit unter den hochtönendſten Namen der damaligen franzöſiſchen Ariſtokratie ein.
An demſelben Abende kam Sidi in das Schloß und drang in das Gemach, wo ſich Cartouche gerade aufhielt. Er war
allein und Sidi trat, den Sohn auf dem Arme, vor den G
im Dir unſeren Knaben zu zeigen,“ begann
„ das hätteſt Du unterlaſſen können,“ antwortete Do⸗ minique kalt,„ich bin es nicht gewohnt, daß nieine Werkzeuge⸗ den Platz verlaſſen, den ich ihnen angewieſen.“
„Deine Werkzeuge? Und keine andere Bezeichnung haſt Du für Dein Weib, für die Mutter Deines Sohnes? So iſt es wahr, daß Dein Herz der armen Sidi ganz entfremdet iſt,“ ſagte ſie ſchmerzvoll.
„Deine Lamentationen ſind in der That langweilig,“ er⸗ widerte er.„Noch einmal: Du hätteſt beſſer gethan, mit dem Kinde in Rouen zu bleiben. Mein Weg führt mich vielleicht durch die Stadt.“
„Dominique, einſt waren Deine Worte anders. Doch ich will nicht von mir reden— aber Dein Kind— haſt Du es
77
I V
ganz vergeſſen, den herzig lieben Jungen? O, ſchau' ihn doch freundlich an! ſieh', was er für ein prächtiges Männchen ge⸗ worden iſt. Nicht? er gefällt Dir?“
„Zum Teufel Du und Dein Kind! ich habe keine Zeir für Euch, packt auf und davon!“
Da leuchtete es wild aus Sidi's Blick.
„Du willſt uns nicht, Du ſtößt uns von Dir, Du denkſt nicht, daß Du mein und mir verfallen. Ich weiß wohl, was Du vorhaſt; aber ich will mein Kind ſchützen, ſeine Rechte, gegen Jeden, gegen die Gräſin, gegen Dich. Ich will zwiſchen Euch treten und——“
„Hinaus, wahnſinnige Thörin, daß ich Dich nicht zertrete!“ ſchnaubte ſie Cartouche wieder an.„Denkſt Du Dich mir zu widerſetzen? Blitz! den Blick zu Boden oder Du ſollſt mit
zwanzig Geſellen heute Hochzeit halten. Mir Widerſtand! Hinaus! auf Deinen Poſten! oder es geſchieht, was ich
geſagt.“ „Du willſt mich, die ich Dir nie untreu geworden, als Beute Anderen vorwerfen?“
Wenn Du nicht gehſt, beim Satan! Zurück nach Rouen.
5, wie ich geheißen!“ kte
Sie wankte einen Augenblick, dann wandte ſie ſich und
ging mit feſten Schritten zum Zimmer hinaus.
Male aufgeregt auf und ab, dann Waſſer hinunter und ſagte ruhiger, die mir ihre Eifer⸗ hat ſich
Cartouche ging einige ſtürzte ge ja mit verächtlichem Lächeln: ene ſucht aufgeſpielt, war im Grunde ſo übel Mühe gegeben, meinen Willen Füßen zu ziehen; aber ich bin kein Weichling, den eine Weiber⸗ thräne rührt, kein Jüngling, der empfindſam ſchwärmt. Sie hübſches Mädchen und ſie iſt in der That noch nicht
er einige Gläſer
du
war ein
häßlich; aber ſie muß ſich meinem Willen fügen oder zu Grunde gehen.“
——————————
Bleich, aber feſten Schrittes war Sidi aus dem Schloſſe gegangen und hatte den Weg nach der geſchlagen.
Landſtraße ein⸗ Schickſal geworfen,“ ſagte ſie leiſe.„Auf
;..„. eſrote Safſ ir Keige eber als in das Brautbett ſollſt Du ſteigen.
Straße erreichte, kam die Landkutſche gerade erſuchte den Poſtillon, ſie gegen Bezahlung Fuhrwerk war noch Platz.
ranzöſiſchen Hauptſtadt.
bekannt, und ſo war ſie bald vor der Wohnung des General⸗ polizeilieutenants.
D'Argenſon gab zur Feier der Rückkehr des Herrn de Villeneuve, ſeines Freundes, ein Diner im Hauſe.
Natürlich war es daher ſchwer, zu ihm zu dringen; aber es gelang endlich doch dem entſchloſſenen Weibe. Der General⸗ polizeilieutenant empfing ſie in einem kleinen Gemache.
„Sie haben Ihr Geſuch dringend gemacht,“ ſagte er zu ihr ſtreng,„ich will nicht hoffen, daß Sie mich genarrt haben; ich bin nicht der Mann, der ſich narren läßt.“
„So wenig, wie Sie der Mann ſind, Ihre Pflicht zu ver⸗ ſäumen— ich komme, Ihnen Cartouche zu überliefern.“
D'Argenſon trat unwillkürlich einen Schritt zurücl
5


