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„Und biſt Du ſo ſicher, daß mich der Marquis liebt? Biſt Du ſo ſicher, daß er an Heirat denkt?“
„Gewiß. Nur thu' mir und Dir den Gefallen und um⸗ gürte Dich mit Keuſchheit und ſittlicher Entrüſtung. Gieb ihm nicht das Geringſte nach, ſo ſehr er auch in Dich dringen mag. Nichts reizt ſo ſehr als die Zurückhaltung. Im Noth⸗ fall ſpiele ihm ein wenig Komödie vor, als ob Du im Stande wärſt, eher zu ſterben, als Deiner Unſchuld zu entſagen, Du unſchuldiges Kind.“
„Wir ſetzen, wie leichtſinnige Spieler, Alles auf einen Wurf. Mißlingt er— dann——“
„Beginnen wir von Neuem. lingen, mein wackeres Mädchen. einmal: Hüte und vertheidige Deine Unſchuld, als eine Jungfrau wäreſt.“
Aber er kann nicht miß⸗ Schlafe jetzt wohl, und noch ob Du
13. Kapirel. Der Brief und ſeine Folgen.
Das übermüthige Spiel, welches Dominique mit der Gräfin zu ſpielen gedachte und das ihm ſo große Reichthümer auf Koſten Mariens überbringen ſol Ulte, fand nicht nur in Grandtéte einen Widerſacher; auch Joſef Lami, der ſich zufällig am folgenden Tage in dem kleinen Schloſſe einfand, konnte ihm nicht bei⸗ ſtimmen. Cartouche hörte ſonſt auf den Rath ſeines er⸗ gebenſten Vertrauten; diesmal jedoch wies er deſſen warnende Worte kalt von der Hand, ſich in den Mantel der Unfehlbar⸗ keit h llend.
„Dieſe Menſchen,“ monologifirte der Räuberfürſt mit ſelbſt⸗ gefälligem Lächeln,„haben keinen Sinn für Kühnheit, für das Außerordentliche. Da ſchrecken ſie zurück, wenn Ihnen das Ungewöhnliche entgegentritt, wenn ſie einen noch nicht be⸗ gangenen Weg wandeln ſollen. Die kleinen Seelen begreifen es kaum, daß man ein Gebirge auch auf anderen Pfaden als den gewöhnlichen überſchreiten kann. Das iſt der Grund auch, weshalb ſie ohne Meiſter nicht ſein können, daß ſie d Fürſten nicht zu entbehren vermögen, das iſt der Grund, daß ſie ſich mir beugen müſſen, dem überlegenen Geiſte.“
Anders lauteten die Gedanken des vertrauten Genoſſen: „Dominique iſt zu ſicher geworden— er verachtet eigenſinnig die Gefahr, weil er ſie ſo lange hat umgehen können und das Glück ſich ihm hündiſch treu an die Seite ſchmiegt. Wer jedem Strohhalm ſcheu aus dem Wege geht, wer nicht zu wagen verſteht und die Sache von allen Seiten tauſendmal betrachtet, ehe er ſie angreift, der riſt nicht zu Großem geboren, den kann das Glück nicht erreichen und über die Hinderniſſe forttragen. Dem Krämer ziemt die Be hutſamkeit nicht dem Kaufmann. Wer aber wiederum ſich ohne Bedenken in die Gefahr ſtürzt, die ihn verderben muß, iſt ein Tollkopf. Jolgt aber das Verderben ſo unfehlbar dem Plane Dominique's ſchwindelt nur mir und den Anderen der Kopf, zu ſeiner Höhe iſt ſchon Manches gelungen, was uns unmöglich ſchien Er will ſich ihr als Marquis r von( dann ihren Verwandten entgegenn ſie verkaufen, und mit
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weil wir uns nicht zu erheben vermögen?
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zeſſes einſchlägt? daß ſie es nicht wagen, ihm zu trotzen? Entſchiede nur die Gewalt— hei, ich ſtellte mich mit ent⸗ blößtem Schwerte an ſeine Seite. Ein gerichtliches Vorgehen, von wem es auch immer ſei, muß Aufſehen erregen. Die Chateaufort's ſind angeſehen und groß— eine Täuſchung auf ihre Koſten und mit ihrem Namen muß ganz Frankreich er⸗ regen, läßt die Sturmglocken gegen uns überall läuten. Wahr⸗ lich, die Gefahr iſt nicht zu gering anzuſchlagen, und ehe die Beute in Sicherheit iſt, muß der Sturm losbrechen.“ Trotzdem, daß dies ſeine Gedanken waren, ſtand ihm Car⸗ touche doch ſo hoch, daß er ſeiner Meinung wie der der An⸗ deren, die geiſtig unterlegen waren, mißtraute und an du Chatelet
ſchrieb, um deſſen Anſicht über das gewagte Unternehmen zu hören. Der frühere Offizier weilte in jener Zeit entweder in
London oder war ſchon auf der Rückreiſe nach Paris begriffen. Joſef ſandte ihm darum den Brief durch einen außerordentlichen Boten entgegen. 5
In der That traf der Bote den Edelmann ſchon auf franzöſiſchem Boden, in Ronen, und zwar in dem Augenblicke, als er ſich zu der Wittwe Champion begeben wollte, die er in Geſchäften ſtets aufſuchen mußte, obgleich er ſonſt Sidi gern vermieden hätte. Alexander ſteckte den Brief zu ſich und bedeutete den Boten, auf ihn zu warten, er werde ſogleich zurückkehren, und ging in das e⸗ welches Sidi bewohnte.
Hier, im Empfangszimmer, mußte Alexander einige Minuten warten, ehe die frühere Geliebte ſeines Oberhauptes erſchien. Er verwendete die Zeit, um das Schreiben Joſef's zu leſen, den Kopf zu ſchütteln und es dann wieder einzuſtecken, oder vielmehr vorbeizuſtecken; denn nachdem er ſich entfernt hatte, fand Sidi den Brief.
Dieſer Zufall, der nicht erfunden iſt,
dos Erkonchos
Sidi war die T
entſchied über das
hörin keineswegs, daß ſie noch immer im Glauben geſtanden, Dominique's Treue entfremde ihn jedem anderen weiblichen Weſen; aber ſie hielt ſich doch noch ſtets für ſeine Gemahlin, für die bevorzugte Sultanin unter den Favoriten des Näuberchefs. Gräßliche Täuſchung trat ihr jetzt aus den Zeilen Lami's uch Sie war vergeſſen, ihr Kind ein Baſtard, ſegnete der Prieſter die Ehe mit der Gräfin ein. Wilde Wuth bemächtigte ſich ihr rer. Die Hände geballt, aufeinandergepreßt, das Auge ſtier, ſtand ſie einige Augenblicke ohne Bewegung, dann gellte ein ſchneidendes Lachen durch das Zimmer. Die angelernte, angewöhnte Ruhe
„„ ODOan.. die Zähne
der Wittwe Champion war dahin— das Blut der Boheèmienne trat in ſeine Rechte. „Rache! Rache!“ tönte es ihr im Herzen.„Racher
Rache!“ ſchallte es ihr in die Ohren, klang es dumpf zu ihrem Hirn, gellte es ſchneidend über ihre Lippen.
Da öffnete ſich die Thür und ihr kleiner Dominique ſchlich zu der Mutter 1
„Was haſt Du, liebe biſt Du krank?“
„Krank?!“ wiederholte ſie kreiſchend und faßte das Kind, „Nein, nein,“ fuhr ſie in milderem ob Du auch ſein
Mama? Haſt Du mich gerufen⸗
daß es zu weinen begann. ie fort, eich will Dir nicht wehe thun, Sohn biſt. Du biſt ja wie ich verrathen, wie ich beſchimpft. Das ſeine Liebe! O, daß dieſe Decke einſtürzte und uns zer⸗ malmte!— Aber ich werde uns rächen, mich, Dich, Du ſüßes,
verrathenes Kind, das unter meinem Herzen geruht.“
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