————
—
Concordia. 44
lichen Sache, ſagte auch, er würde ihr rathen, Rockbury ganz zu verlaſſen, das wäre der beſte Weg, um den Frieden zwiſchen uns zu erhalten. Er war von jeher ein zu guter, liebevoller Bruder für ſie geweſen, deshalb lag der Gedanke, daß er es fortan nicht mehr ſein könnte, ganz fern. In ſeiner Liebe zu mir kurzſichtig, wie Männer es leicht ſind, wenn ſie lieben, dachte er nur an das Glück, das ihm nahe bevorſtand, und vergaß dabei die Sorge für Andere! und gerade weil er wußte, daß Marcia und ich nicht immer gut miteinander fertig werden konnten, und daß ich oft recht ungeduldig über ihre Bevormundung geweſen war, dachte er, dieſes neue Arrangement würde ganz nach meinen Wünſchen ſein. Arme Couſine Marcia! Wie ſchwer mochte es ihr wohl werden, den erſten Platz in einem ſo edlen, großmüthigen Herzen auf⸗ geben zu müſſen!
Es verdroß ſie ſehr, wenn er gar nicht auf ihre Wünſche hörte und immer wieder auf Verlängerung ihres Aufenthalts in Frampton beſtand, doch ſie ergab ſich in ihr Schickſal, und wiederum vergingen vierzehn Tage ohne beſonderen Zwiſchenfall. Da Onkel Archi auch mit ſeiner Frau nach
London abgereiſt, ſo war unſer Kreis nur ſehr klein; den größten Theil des Tages brachten wir mit Spazierfahrten und mit Promenaden zu; dabei ſagte mir die Großmama oft, ſie wiſſe gar nicht, was ſie in Frampton anfangen ſollten, wenn ich erſt abgereiſt ſei, dann würde das große Haus ganz ver⸗ laſſen und öde ſein. Einmal erwiderte Marcia ſogar, ſie wiſſe auch nicht, was die Großeltern ohne mich anfangen ſollten, ich hätte mich ihnen faſt unentbehrlich gemacht. Der Anſchaffung meiner Ausſteuer und der Ausſchmückung unſerer demnächſtigen Wohnung widmete ſie großes Intereſſe, wenn⸗ gleich ſie immer vermied, von unſerer ſchon nahe bevor⸗ ſtehenden Hochzeit zu ſprechen. Oft verabredete ſie mit mir, wie wir demnächſt Alles einrichten wollten, woraus ich nur zu deutlich erſah, daß die Aermſte noch keine Ahnung davon hatte, daß ſie nicht mehr mit uns leben und unſerem Haus⸗ halt nicht mehr vorſtehen ſollte, und es war mir ein peinlicher Gedanke, daß alle die ſchönen Luftſchlöſſer, die ſie ſich aufbaute, durch die Mittheilung ihres Bruders mit einem Schlage zuſammenfallen würden. (Fortſetzung folgt.)
Der Räuberkönig von Varis. Roman von Wilh. Grothe. (Fortſetzung.)
Kopfſchüttelnd ſahen die beiden Gauner ihrem ſich ent⸗ Fernenden Oberhaupte nach.
„Ich habe eine Ahnung,“ ſagte Grandtéste,„daß dieſe Geſchichte der Anfang vom Ende ſein wird.“
„So dunkel ſehe ich freilich nicht,“ bemerkte Bouchard;„er hat aber ganz verteufelte Manieren.“
„Ja, ja, Freund mit unſerer Freiheit iſt es für immer dahin. Ich will das aber gern erdulden, wenn er nur heute meinem Rathe folgte, in der Nacht der Frau Gräfin d'Argentiére einen zärtlichen Beſuch machte und ihrem Haus⸗ hofmeiſter einige Zoll kalten Eiſens zu verdauen gäbe. Von dem gewöhnlichen Wege abbiegen zu wollen, um einen größeren Gewinn davonzutragen, iſt mir zu kühn.“
„Das Gewöhnliche verlor für ihn den Reiz,“ meinte Bou⸗ chard,„ſeit es ſeinen Anlagen zum Kinderſpiel geworden; das große Talent genügt ſich nicht in den alten Bahnen. Das begreife ich ganz wohl. Sonſt ſollte mich wahrlich der Satan holen, wenn ich ihm noch eine Stunde unterwürfig wäre.“
Die Gräfin ſaß in ihrem Zimmer, als Etienne eintrat, und ſtarrte vor ſich auf den Fußboden.
Der Haushofmeiſter warf einen ſcharfen Blick um ſich. Nachdem er ſich ſodann genau überzeugt hatte, daß kein Lauſcher in der Nähe ſei, berührte er die Schulter der in tiefe Träumerei Verſunkenen.
„Was ſinnſt Du, Marie?“ fragte er ſie in leiſem Tone.
Die ſchöne Gräfin fuhr empor, dann ſagte ſie:„Ah, Sie Kind es, mein Vater.“
„Und wer konnte es anders ſein, wie Etienne, Dein Hof⸗ meiſter,“ lächelte er.
„Sie haben recht, daß ich die Geiſtesgegenwart in dieſem Augenblick verloren habe,“ ſagte ſie,„aber wenn Sie bedenken, daß wir uns in einer eigenthümlichen Lage befinden— mir
liegt es wie Zentnergewicht auf der Bruſt, und ich fühle mich hier gefangen, von zehnfachen Ketten umwunden, deſto ſchwerer, je mehr man ſie unter Höflichkeiten verbirgt. Daß wir dem Marquis nicht hierher gefolgt wären!“ 4
„Ich weiß nicht, was Dich dazu beſtimmen könnte, dieſer Unruhe Dich hinzugeben. Ich ſehe keine Gefahr.“
„Vater, Vater, wir wagen ein gewagtes Spiel. Mir ſchien es auch anfangs ſo leicht, ſo wenig bedeutend; aber wenn der Marquis erfährt, daß ich nicht die Gräfin d'Argen⸗ tiére bin, was wird er ſagen, thun?“
„Ein wenig raſen, Dich vielleicht mit Füßen treten, dann ſich in ſein Schickſal fügen und beſorgt darüber wachen, daß er nicht durch die Veröffentlichung der Geſchichte bloßgeſtellt werde; wir aber ſind am Ziel, Du, die Frau Marquiſe von Chateau⸗ fort, wirſt lächelnd auf das kleine Wagniß zurückblicken, welches uns jetzt wie das Haupt der Meduſa, ſinnverwirrend ent⸗ gegentritt. Nicht den Kopf hängen laſſen, Marie. Ich habe mich in ſchlimmeren Lagen mein Leben lang befunden und bin hindurchgekommen.“
„Du nimmſt an, daß Chateaufort erſt unſere Fälſchung entdeckt, wenn die Hand des Prieſters ihn mit mir verbunden hat. Wenn dem aber nicht ſo iſt, wenn der Betrug ſchon früher an das Tageslicht kommt?“
„Das zu verhüten, iſt Deine Sache. Bedenke, welche Gewalt ein ſchönes Weib über den liebenden Mann beſitzt. Girre, Täubchen, wenn die Gefahr Dir naht. Vorläufig lege Dich aber nieder und verſchlafe Dir die trüben Bilder, die Dir jetzt vorſchweben. Morgen wird Dir Alles in einem anderen Lichte erſcheinen.“
„Ich glaube nicht,“ verſetzte Marie,„dieſes Gebäude erſcheint mir wie ein Grab.“
„Aus dem Marie Courbier, ein Phönix, als Gräfin von Chateaufort erſtehen wird.“
—
54


