448 Concordia.
zuvor in einer ſo leidenſchaftlichen Stimmung geweſen wäre, und mein Aerger, wenn ich an das, was mich ſeine Selbſt⸗ ſucht ſchon gekoſtet und was ſie mich noch koſten konnte, dachte, wurde ſo heftig, daß ich ſicherlich den Urheber ſelbſt mit Füßen getreten haben würde, wenn er ſich mir gezeigt hätte. Ich fürchtete ihn nicht— nein, ich haßte ihn! Was kümmerte es ihn, wenn er ſein„theures, einziges Kind“ in Angſt und Unglück brachte? Er ſorgte nur für ſich. Er war ſich ſehr wohl bewußt, wie er mich in Antwerpen zu Thränen gerührt, wie er mich tückiſcher Weiſe allmälig dahin gebracht, unwahr und undankbar zu werden, und welche Drohungen er angewandt, um mich ſeinen Wünſchen willfährig zu machen!
Und nun ging er noch weiter; er verlangte, ich ſollte die Großmuth meines zukünftigen Gatten mißbrauchen und ihn mit frecher Stirn belügen, nur um ihm Geld zu ſchaffen; ich ſollte Ulik's Liebkoſungen annehmen und dabei ſeine Taſchen ausleeren.— Das Alles für ihn, den ich nicht mehr bemit⸗ leidete, ſondern verachtete?
„Nein!“ rief ich aus, indem ich wieder auf die Papierſtücke trat und nichts mehr wünſchle, als jede Erinnerung an Herrn David aus meinem Gedächtniß zu verbannen.—„Nein, ich will nicht! Einmal habe ich mich hinreißen laſſen, nun geſchieht es nicht wieder. Damals war ich noch dumm und vor Angſt blind, hatte auch noch keine Ahnung von der Größe des Unrechtes, das ich beging, war auch noch nicht des Vetters Braut.“
Ich ſah ein, eine Mittelſtraße gab es nicht für mich, ent— weder mußte ich offen und wahr gegen meinen zukünftigen Gatten ſein oder auf das Glück, ihm anzugehören, verzichten. Bei dieſer Wahl war ich auch nicht ſchwankend, ich beſchloß, den Brief ganz unberückſichtigt zu laſſen, mochte der Verfaſſer deſſelben thun, was er wollte. Ich nahm mir feſt vor, nie wieder an ihn zu ſchreiben.
Sobald ich zu dieſem Entſchluß gekommen, verſuchte ich auf alle Weiſe, mir die ganze Sache aus dem Sinn zu ſchlagen. Da kam mir plötzlich die Szene im Gewächshauſe wieder in's Gedächtniß; ich war geſpannt daranf, wie dieſe endigen würde, und ob die Couſine Marcia ſich wirklich denken könnte, daß ich mit einem anderen Herrn, wie mit ihrem Bruder, frei⸗ willig korreſpondirte.
Es ſchien, als ob alle meine Freunde ſich verſchworen hätten, mich in Ungelegenheiten zu bringen; Felicite ver⸗ mittelte die Korreſpondenz zwiſchen Herrn David und mir und mußte doch wiſſen, wie ſehr ſie dadurch gegen alle Sitte verſtieß, Herr Moore war der Zwiſchenträger auf ſo öffentliche Weiſe, und die Couſine Marcia quälte und reizte mich un⸗ ausgeſetzt durch ihr unwürdiges Mißtrauen. Alles wäre zu ertragen geweſen, wenn ich mich offen und vertrauensvoll an den Vetter Ulih hätte wenden können; doch bei all' meiner Verzweiflung über das unſelige Geheimniß und bei meiner Verachtung deſſen, der mir Schweigen auferlegt, war ich doch nicht treulos genug, ihn zu verrathen.
Ich badete meine von Thränen gerötheten Augen in friſchem Waſſer, brachte Haar und Toilette etwas in Ordnung, ver⸗ ſuchte, möglichſt unbefangen auszuſehen, und ging wieder in's Wohnzimmer hinunter. Herr Moore war noch nicht da. Als ich eintrat, ſah Couſine Marcia mich mißtrauiſch an; es lag in ihren Mienen klar ausgeſprochen, daß ſie vermuthete, wir Beide wären zuſammen geweſen, was mir in der Seele leid
that. Der kleinen Mißhelligkeiten von vorhin wurde jedoch mit keinem Worte gedacht, ſo daß ich mich gern der Hoffnung hingab, der Sturm ſei vorüber und auch vergeſſen.—
In der folgenden Woche reiſten Ernſt Moore und die Vivian'ſche Familie ab, und das Leben in unſerem kleinen Kreiſe verſtrich ſo gemüthlich und angenehm, daß ich bald der Gewitterwolken, die während der Anweſenheit von Felicite's Liebhaber aufgezogen, kaum mehr gedachte. Faſt drei Wochen war ich nun ſchon bei meinen Verwandten in Frampton ge⸗ weſen, und in vier Wochen ſollte meine Hochzeit ſein. Die ganze Ausſteuer wurde auf Sir Lionel's Koſten angeſchafft; ich fühlte mich in Frampton ganz wie zu Hauſe und war zufrieden damit, dort zu bleiben, bis ich in mein eigenes Heim träte. Der Couſine Marcia dagegen ſtand der Aufenthalt dort gar nicht an, ſie ſehnte ſich nach Rockbury zurück. Ich wußte, daß ſie oft mit ihrem Bruder darüber ſprach, denn er erzählte es mir immer nachher. Seine Ausrede war ſtets, im alten Hauſe ginge es drunter und drüber, dort ſei es für Damen unmöglich zu wohnen, im neuen ſei es nicht beſſer; Ulih hatte ſich ganz als Junggeſelle eingerichtet und war ſo mit Ge⸗ ſchäften überhäuft, daß es ihm lieb war, wenn er allein wohnte und auf Niemanden Rückſicht zu nehmen brauchte. Seine Ab⸗ ſicht war, daß Marcia nach unſerer Verheiratung nicht mehr bei uns wohnen ſollte. Es wurde ihm ſchwer, ihr dieſes mit⸗ zutheilen, er hoffte auch, es würde ſie nicht ſo empfindlich be⸗ rühren, wenn ſie es erführe, während ſie noch in Frampton war. Als Ulih es mir zuerſt mittheilte, wußte ich nicht, was ich ſagen ſollte. Angenehm war es ja nicht für mich, zu denken, daß Marcia immer in meiner Nähe leben, Alles, was ich that, kritiſiren und mich wie ein kleines Kind beaufſichtigen ſollte, doch auf der anderen Seite hatte ſie immer mit ihrem Bruder zuſammengelebt, hatte ihn ſo ſehr geliebt und wahr⸗ haft aufopfernd für ihn geſtrebt und geſorgt, und eine andere Heimat, außer der beim Bruder, hatte ſie nicht. Mich liebte ſie offenbar nicht, ſie war oft hart, zänkiſch und eiferſüchtig gegen mich; doch hätte ich es wohl beſſer gemacht, wenn der Vetter Ulih mein Bruder geweſen wäre, und ich nun gleich ihr die Abſicht gehabt hätte, das Leben mit ihm und zugleich die Heimat zu verlieren? Ich entwarf mir ein Bild von der armen alten Couſine(ſie war nur zwei Jahre älter als Ulih, ſah aber wenigſtens zehn Jahre älter aus), wie ſie einſam in irgend einer beſcheidenen Wohnung reſidirte, nur einen oder zwei Domeſtiken hatte, mit denen ſie zanken konnte und den Luxus, in dem ſie ſich bisher bewegt und den ſie ſchon als ihr zukommend betrachtete, entbehren ſollte, während ich Ulih's Liebe in Anſpruch nahm und bei ihm blieb. Wenn ich mir das ſo recht ausmalte, konnte ich wohl begreifen, warum ſie der Räuberin ihres Glückes nicht hold war. Hatte ich aber auch recht gehandelt? Mitunter überkam mich ein Ge⸗ fühl, als dürfte ich ihr nicht alle Liebe Ulih's rauben, als wäre es zu hart für ſie, wenn ich ihr Alles nähme.
Auf der anderen Seite war es auch keine verlockende Aus⸗ ſicht für mich, wenn ich keinen Augenblick unbewacht ſein und kein Plätzchen ungeſtört für mich haben ſollte; beim Hin⸗ und Herdenken wurde ich ſo ſchwankend, daß ich weiter gar nicht darüber mit meinem Vormund ſprechen mochte, ſo oft ſich auch die Gelegenheit dazu darbot. Dieſer ſchien an das Vorhanden⸗ ſein einer Alternative gar nicht zu denken, er ſprach über die Trennung von ſeiner Schweſter wie von einer ſelbſtverſtänd⸗
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