Jahrgang 
2 (1879)
Seite
446
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Concordia.

Wollen Sie heute noch in den Garten, Miß Fleming? Ich hoffe, jedenfalls, doch jetzt muß ich hier noch helfen. Wiederum nahm er die Zeitung zur Hand, und noch eine

Viertelſtunde verrann.

Es wird ſchon ſpät,murmelte er;Ihr Wickeln nimmt aber auch gar kein Ende.

Sie ſcheinen mir ſehr ungeduldig, Herr Moore! lachte ich, hatte aber ebenſo große Sehnſucht nach Erlöſung wie er.

Nun wir einmal angefangen haben, müſſen wir auch das Ende abwarten! ſagte die Couſine ruhig und ſteckte ein neues Gebind auf meine vorgehaltenen Hände. Endlich ſchien Herrn Moore's Geduld zu Ende zu ſein; ich ſah, wie er auf eine freie Stelle der Zeitung ein Wort ſchrieb, und, während er ſich an den Tiſch lehnte und unſere Arbeit beobachtete, mir das Blatt hinhielt, um mir Gelegenheit zu geben, ſeine Notiz zu leſen. Ich las das WortNeuigkeit; in der Voraus⸗ ſetzung, daß er mir Wichtiges über Felicite ader über meinen Vater mitzutheilen hatte, beſchloß ich, jedenfalls noch die Ge⸗ legenheit dazu herbeizuführen. Ich zitterte faſt vor Ungeduld, daß der Faden zu Ende ſein möchte, und als dieſes endlich der Fall war, ſprang ich ohne Rückſicht auf den Vorrath, der noch auf dem Tiſche lag, auf, um aus dem Bereich meiner Peinigerin zu kommen, und rief aus:

Nun iſt's aber genug, Couſine Marcia, heute kann ich nicht mehr, meine Arme ſind ſchon ſo müde, daß ich ſie nicht mehr halten kann.

Das klingt doch lächerlich! ſagte ſie verdrießlich;wenn eine ſo leichte Arbeit Dich ſchon ſo müde macht, wie willſt Du dann durch's Leben kommen? Doch, wohin gehſt Du denn, wenn Du mir hier nicht mehr helfen willſt?

Nun, wohin anders, als in den Garten!

So ſpät noch? Das kann Dein Ernſt nicht ſein, die Großmama und die Tanten kommen gleich herein, es iſt nicht mehr der Mühe werth, hinauszugehen.

Das iſt des Guten doch zu viel, Couſine Marcia! Erſt hältſt Du mich hier zurück, um Dir zu helfen, und nun gönnſt Du mir die kleine Erholung nicht. Doch diesmal kann ich Dir nicht willfahren.Der Arbeiter iſt ſeines Lohnes werth! Stundenlang habe ich Dir das Garn gehalten, nun darf ich mich auch der Freude hingeben. Adieu!

Damit lief ich davon. Ich ging hinauf, holte Hut und Mantel und war bald wieder in der Halle, wo ich Herrn Moore auf mich wartend fand; als wir hinaustraten und ich eben Herrn Moore nach ſeiner Neuigkeit fragen wollte, ſtand die Couſine Marcia wieder bei uns und ſchloß ſich uns an.

Wenn Du doch einmal entſchloſſen biſt, etwas ſo Un⸗ verantwortliches zu thun, was, wie ich überzeugt bin, ganz gegen den Wunſch meines Bruders iſt, ſo iſt es meine Pflicht, bei Dir zu bleiben und aufzupaſſen, daß Du Dich nicht mehr, als nöthig iſt, in Gefahr begiebſt. Welchen Weg wünſcheſt Du einzuſchlagen, ich hoffe doch, Du bleibſt höchſtens ein halbes Stündchen draußen?

Herr Moore ſah mich an, ich ihn; ich wußte nichts zu er⸗ widern, und mit langen Geſichtern ſchlugen wir den Weg nach dem Blumengarten ein.

12. Kapitel.

Sehr bald kamen wir zu der übrigen Geſellſchaft, und ich bot der Großmama meinen Arm, hoffend, auf dieſe Weiſe der Spionage der Couſine Marcia zu entkommen, ich wußte, daß ſie für Lady Halſtedt nicht beſonders eingenammen war. Nachdem Herr Moore jedoch den Platz an ihrer anderen Seite eingenommen, trat Marcia hartnäckig auf meine freie, und ſo gingen wir Vier einige Zeit nebeneinander und ſtreiften er⸗ barmungslos die ſchönen Roſen am Wege mit unſeren Kleidern.

Sind Sie kurzlich im Orchideenhauſe geweſen, Herr Moore? fragte die alte Dame.Es iſt der Mühe werth, die Blüthenpracht dort zu ſehen; bitte, liebe Mary, gieb uns den Schlüſſel.

Die Großmama hatte großes Iutereſſe für alle ihre Blu⸗ men, eine kindiſche Vorliebe jedoch für die Orchideen; jeder Gaſt in Frampton wurde von ihr dorthin geführt und mußte dann der alten Dame zu Geſallen ſo thun, als ob er ſich auch dafür intereſſirte, er mochte etwas davon verſtehen oder nicht. Wenn nun auch Herr Moore eine Orchis kaum von einer Kartoffel zu unterſcheiden wußte und die Couſine Marcia alle Vegetabilien, die ſie nicht in der Küche verwenden konnte, haßte und ich allein Sehnfucht nach dem Orchideenhaus äußerte, um dort Gelegenheit zu finden, dieNeuigkeit zu erhaſchen, ſo ſprachen wir doch Alle wie aus einem Munde den Wunſch aus, ſie zu begleiten und durch das Haus zu gehen, um ihre Lieblinge zu bewundern. Nebeneinander konnten wir darin nicht gehen, und ſo löſten wir uns wie wilde Gänſe in eine Kette auf; voran ging die Großmama, ihr folgte ich, dann kam Herr Moore, und den Schluß machte die Couſine; die Tanten hatten keine Luſt, abermals die lang⸗ weilige Promenade durch das Haus zu machen, und blieben im Garten.

Innner von Neuem riefen wir aus:O, wie ſchön, wie merkwürdig, ganz wie eine Biene oder ein anderes beliebiges Thier! Unſer ganzer Vorrath von Orchideen⸗Adjektiven war erſchöpft, Herr Moore folgte mir unmittelbar auf den Füßen.

Vorfichtig! rief ich lächelnd, denn er drängte ſo nahe an mich heran, daß ich in Gefahr gerieth, die Großmanm um⸗ zuſtoßen, die, in Andacht verfunken, vor einer ihrer beliebteſten Spezies ſtand; dabei bemerkte ich, daß er den Verſuch machte, mir etwas in die Hand zu legen.

Dieſe iſt entzückend ſchön; finden Sie das nicht auch, Miß Fleming? rief er aus, bückte ſich dabei und betrachtete einige junge Stechlinge, die vor mir ſtanden.Ich glaube, es iſt eine Käfer⸗Orchis, oder was ſteht daran geſchrieben? ehmen Sie, bitte, den Brief hin), fagte er leiſe. Ich ſah zwiſchen ſeinen Fingern durch ein zuſammengedrücktes Couvert; das muß dem Geruch nach die Dukenia Bumbledonia ſein. (Ich hätte Sie gern allein geſprochen.) Wie intereſſant muß doch die Kultur der Orchideen ſein!(Haben Sie es)?

Ein Blick auf das mir vorgehaltene Couvert genügke mir, die Handſchrift, die ich ſehr fürchtete, zu erkennen; gerade wie ich es ergreifen wollte, wandte die Großmama ſich eifrig um, und in meiner Beſtürzung ließ ich es auf die Erde fallen.

Was ſagen Sie, Herr Moore eine Bumbledonia? den Namen habe ich noch nie gehört! Woher mag dieſe Spezies wohl kommen? das muß ich in Erfahrung bringen. Bronarlow und ich haben ſchon ſo lange hin⸗ und hergerathen, ſie

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