zu verziehen, nur die Couſine Marcia nicht.
angehalten hätten, um ſie anzuſehen. Ich ſprach dann wieder von den letzten trüben Tagen in Saltpool, wo mit allen ihren irdiſchen Hoffnungen der letzte Reſt ihrer Schönheit dahiu⸗ gewelkt war. Als wir uns an ihre letzte Krankheit und an ihren Tod erinnerten, weinten wir zuſammen, dann ſegnete mich die Großmama und ſagte, ich ſei eine gute Tochter ge— weſen und ein Troſt für die arme Ciſſy, ich dürfte nie auf⸗ hören, Gott darum zu bitten, daß wir Alle uns in jenem Leben wiederſehen möchten. Als ich dann meinen Schmuck zuſammenlegte und davonging, vergaß ich ganz, daß meines Vaters und der Verhältniſſe, in denen ich zu ihm ſtand, mit keinem Worte gedacht war.
Bei alledem war die Couſine Marcia die Einzige, die unbefriedigt zu ſein ſchien. Die Großeltern waren herzlich, die Tanten liebreich, die Kinder hingen mit Liebe an mir, Herr Moore war artig und der Vetter Ulih ſtrahlend vor Glück; Jeder war freundlich zu mir und beſtrebte ſich, mich Was ich auch thun und ſagen mochte, ihr konnte ich es nie zu Dank machen. Lachte ich, ſo ſagte ſie, ich ſei laut und vorwitzig, ſchwieg ich, ſo ſagte ſie, Launigkeit ſei ihr ganz unerträglich, meine Lieb⸗ koſungen gegen meine Verwandten nannte ſie Kriecherei und meine harmloſe Heiterkeit mit Herrn Moore Koketterie. für, daß meine Großeltern mich mit Geſchenken überſchütteten, ſah ſie gar keinen Grund, ſie meinte, ſie würden mich dadurch noch gründlich eitel machen, und ihr Bruder ſei wunderbarer⸗ weiſe auch auf dem beſten Wege, die gute Grundlage, die ſie durch ihr Beiſpiel in mich gelegt, in ſeiner Verblendung zu vernichten, ſie zittere ſchon, wenn ſie nur an das Ende von alledem dächte.
In der That, die Couſine Marcia benahm ſich ſo un⸗ liebenswürdig, als ſie nur konnte, und ich bin überzeugt, wenn es nicht ganz den Wünſchen des Vetters widerſprechend ge⸗ weſen wäre, ſo hätte ſie ſehr hald ſchon Frampton den Rücken gewendet; doch es ging nicht. So richtete ſie ſich denn in Ulih's Abweſenheit(er kam wöchentlich zwei⸗ oder dreimal zum Eſſen herüber) ein Spionirſyſtem über mich ein, das mir ebenſo langweilig wie ärgerlich war; es raubte mir nicht nur ver⸗ ſchiedene unſchuldige Vergnügen, ſondern verrieth mir auch deutlich, daß ſie gar kein Vertrauen zu mir hatte und mir alle Klugheit und jeglichen richtigen Takt abſprach. Dieſes kränkte mich tief, und doch wollte ich den Vetter Ulih nicht mit meinen Klagen beläſtigen. Er hatte ja ſchon genug zu denken und zu ſorgen, in Rockbury gab es ſo viele Krankheiten, wie ſeit Langem nicht, und ich wußte, daß er, wenn er zu uns nach Frampton herauskam, erfriſcht und geſtärkt werden mußte, bevor er wieder zu ſeinem mühevollen Leben zurück⸗ kehrte. Ich durfte ihn daher nicht mit meinen Klagen über Dinge, die er doch kaum ändern konnte, beläſtigen. Marcia Ford war einmal dazu geſchaffen, ihr ganze Umgebung zu langweilen, ſie konnte ſich nicht anders geben, wie ſie war; der Tag, wo ich von ihrer Aufſicht und Gewalt befreit werden ſollte, um mich einer anderen zu unterwerfen, ſtand ja nahe bevor.
Mitunter aber war ihr Benehmen doch gar zu langweilig! ja mehr wie das, es war erbitternd und herausſordernd; ſo zum Beiſpiel kam es öfter vor, daß ſie, wenn Herr Moore und ich im Sopha nebeneinander ſaßen, an uns herantrat
Da⸗
und dort einen Platz beanſpruchte, oder daß ſie ſich uns anſchloß,
Toncordia.
wenn wir im Park umhergingen und von Felicite ſprachen. Alles Mißtrauen iſt mir von jeher verhaßt geweſen; in ihren ſpähenden Augen ſah ich es deutlich und aus ihren ſchlecht bemäntelten Andeutungen las ich es klar heraus, daß ſie in dem Wahne ſtand, ich triebe ſowohl mit ihrem Bruder wie auch mit Ernſt Moore ein unverantwortliches Spiel. In dem Vollgefühl meiner Unſchuld bei dieſer Beſchuldigung und ein⸗ gedenk deſſen, daß ich den Vetter Ulih über Alles liebte und in Ernſt Moore nur einen Freund meines zukünftigen Gatten ſah, empörte ſich mein Gemüth, und ich hatte oft eine unwider⸗ ſtehliche Luſt, gegen ſie zu rebelliren.
Eines Abends bemerkte ich, daß Herr Moore den Wunſch zu haben ſchien, mich unbelauſcht zu ſprechen, zugleich aber auch, daß Marcia eifrigſt beſtrebt war, jede Unterhaltung zwiſchen uns zu verhindern. Beim Eſſen wollte er neben mir Platz nehmen, doch ruhig nahm ſie ihm den Stuhl aus der Hand und winkte ihm zu, ſich uns gegenüber hinzuſetzen, und nach Tiſch, als wir Damen in die Bibliothek gingen, ver⸗ ließen ihre Luchsaugen mich keinen Augenblick. Ich erhob mich nan, einiger Zeit, gelangweilt, um mir ein Buch zu holen.
„Petronel, wohin willſt Du?“
„Ich will meinen Roman holen.“
„Wo ließeſt On ihn denn?“
„In meiner Stube.“
„Ich ſollte denken, Du könnteſt mitunter doch einmal ſtill⸗ ſitzen, anſtatt immer umherzulaufen!“
„Dazu kann leicht Rath geſchafft werden, wenn Du hin⸗ gehen wollteſt, um mir mein Buch zu holen!“ erwiderte ich lachend.
Dieſe etwas frivole Antwort verdroß ſie, und ſie überließ es meinen Füßen, den Weg zu machen.
Bei meiner Rückkehr traf ich mit den Herren zuſammen, die aus dem Eßzimmer kamen, und ſelbſtverſtändlich be⸗ gleiteten ſie mich nach der Bibliothek, was der Couſine nicht zu paſſen ſchien.
„Wenn Du Dich nützlich machen willſt, Petronel,“ ſagte ſie ſofort,„ſo komm' und hilf mir das Garn für Deine Großmama wickeln.“
„O, Couſine Marcia, es iſt ſo köſtliches Wetter; willſt Du nicht mit uns in den Blumengarten? Ich denke, wir gehen Alle dahin.“
„Davon weiß ich nichts!“ antwortete ſie kalt;„wenn gutes Wetter uns immer die Veranlaſſung zum Nichtsthun geben wollte, ſo könnten wir ſechs Monate im Jahre faulenzen.“
Dabei ſah ſie mit ihren hochaufgezogenen Lippen und Brauen aus wie ein Bär; aber eingedenk deſſen, daß ſie Ulih's Schweſter war und daß die Garnwickelei nicht lange dauern würde, beſchloß ich, ihr geduldig einige Zeit zu opfern.
„Nun gut, dann helfe ich Dir erſt und gehe ſpäter in den Garten.“
Ich ſetzte mich auf einen Stuhl, der vor ihr ſtand, und Herr Moore warf ſich auf das Sopha neben uns und wartete, bis wir fertig ſein würden. Die übrige Geſellſchaft mit Aus⸗ nahme des Großpapa's war ſchon im Garten.
Unſere Wickelei ging langſam vorwärts, es war überhaupt keine Lieblingsarbeit von mir. Dieſen Nachmittag jedoch ſchien die Conſine es darauf abgeſehen zu haben, meine Geduld auf die höchſte Probe zu ſtellen. Herr Moore warf ungeduldig
ſeine Zeitung zur Seite und trat auf uns zu.


