Jahrgang 
2 (1879)
Seite
444
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444 Concordia.

Einen Augenblick noch! Sagen Sie, daß Sie mir ver⸗ geben.

Ja, gern; es war ja nicht Ihre Schuld und wird weiter keine Folgen haben..

Nein, das kann es wohl nicht, Sie ſind dort ganz un⸗ bekannt, und wenn Felicite in Brüſſel mit Jemandem darüber ſprechen könnte, ſo wäre es höchſtens mit

Herr Moore, Sie müſſen wirklich fort, Sie kommen ſonſt zu ſpät, ich höre ſchon Ihre Tante Julia Sie rufen.

Wir drückten uns die Hände, er ſagteAuf Wiederſehen! und ging durch den Salon; in dem Augenblick trat die Couſine Marcia ein.

Lady Otho ſucht Sie überall, Herr Moore, ſagte ſie im Vorbeigehen, dann trat ſie mir näher und that, als ob ſie mich gar nicht geſehen.

Petronel! rief ſie aus und prallte zurück,das iſt ja höchſt ſonderbar was machſt denn Du hier? Sahſt Du eben nicht Herrn Moore hinausgehen?

Ja gewiß, ich ſprach ja auch mit ihm.

Ihr Beide ſcheint mir ſehr intim zuſammen zu ſein Darf ich wohl fragen, ob Ihr Euch in Antwerpen oft geſehen?

Nur einmal!

Alſo nur einmal; dann muß es aber doch wohl gleich für lange Stunden geweſen ſein.

Ich hatte keine Luſt, mich von ihr abkanzeln zu laſſen.

Vetter Ulih weiß genau Beſcheid, ſagte ich ruhig, und rüſtete mich zum Fortgehen,von ihm kannſt Du Näheres erfahren, ich habe keine Geduld, es zweimal zu erzählen.

Damit ſprang ich an ihr vorbei, den Salon entlang und

über den Korridor nach meiner Stube. Wenn ich mich nun auch der Couſine gegenüber beſtrebte, heiter und unbefangen zu erſcheinen, ſo war ich es in Wirklichkeit nach dem, was ich auch von Herrn Moore erfahren, keineswegs; ich war ganz rathlos und niedergeſchlagen, es war ja auch gar nicht ab⸗ zuſehen, was die Folge davon ſein konnte. Als aber Mittags der Vetter Ulih kam und ſo glücklich und ſtolz darüber war, mich mit der ganzen Halſtedt'ſchen Familie in einem traulichen, liebevollen Verkehr zu finden, beruhigte ich mich ſchließlich und beſchloß, in Geduld abzuwarten, wie ſich die Zukunft ge⸗ ſtalten würde.

Arm in Arm machten wir Beide wieder einen ungeſtörten entzückenden Spaziergang durch dem Park, und während deſſelben theilte der Vetter Ulih mir mit, daß es der Wunſch Sir Lionel's ſei, daß unſere Hochzeit in Frampton gefeiert würde, und daß Lady Halſtedt darauf beſtünde, daß ich bis dahin bei ihnen bliebe. Dieſer deutliche Beweis der Liebe und Achtung meiner Großeltern für meinen demnächſtigen Gatten und für mich erfreute und rührte uns ſehr; dem Vetter Ulih kam dieſes Arrangement nebenbei beſonders gelegen. Er hatte nämlich in der Nähe unſerer alten Wohnung in Rockbury ein neues, ſehr ſchönes und geräumiges Haus gekauft und mit der Einrichtung deſſelben und mit dem Transport unſerer Sachen dahin bereits den Anfang gemacht; infolge deſſen war überall Unruhe und Unordnung. Ich kannte das neue Haus, es war eines der ſchönſten in Rockbury und ſchien mir viel zu groß und zu gut für mich; als ich dieſes aber dem Vetter ſagte, lachte er laut auf und äußerte ſich dabei ſo gütig und nachſichtig, daß ich wieder zitterte bei dem Gedanken, was er wohl ſagen würde, wenn er meine ganze Vergangenheit erführe.

Immer von Neuem gelobte ich mir, nie wieder etwas zu thun, das ich ihm nicht frei und offen ſagen konnte. Er zeigte volles Vertrauen in meinen richtigen Takt, war ſo großmüthig bei jeder Gelegenheit und bewies mir ſtets, daß er mich nun nicht mehr als ein Kind betrachtete. Er hielt mich für gut und für offen; gut zu ſein, wollte ich verſuchen, und zur Offenheit wollte ich mich zwingen, dann nur konnte ich mich ſeines Vertrauens werth zeigen. Seine edle Natur veredelte auch mich, ich mochte wollen oder nicht, und wenn ich hörte, wie er ſich über ſeine Liebe zu mir ausſprach, machte ich tauſend Pläne, um ſeiner würdig zu werden.

Am folgenden Nachmittag kehrte Herr Moore wieder zurück, und wir verkehrten viel zuſammen. Ich war inzwiſchen in Frampton einheimiſcher geworden. Mein Großvater hatte das zurückhaltende Weſen, womit er mir zu Anfang entgegen⸗ kam, abgelegt, die Großmama behandelte mich wie ihren be⸗ ſonderen Liebling, und die Tanten überboten ſich, mich zu verziehen.Ich muß Pet holen! Wo iſt Pet? klang es durch's ganze Haus; es verging faſt kein Tag, an dem ich nicht ein Geſchenk oder irgend einen beſonderen Beweis ihrer Zuneigung bokommen hätte.

So wie es laut wurde, daß ich Freude am Reiten hatte, wurde ein für mich geeignetes Pferd aus dem Stall heraus⸗ geſucht, und ich begleitete Lord Otho, Tante Julia und Herrn Moore regelmäßig auf ihren Spazierritten; oft ritt ich mit ihnen nach Rockbury und erfriſchte mich durch einen Gruß vom Vetter Ulih, wenn dieſer in ſeinem Brougham durch die Straßen fuhr. All' die kleinen Verlegenheiten und Klippen bei meiner erſten Einführung in Frampton ſchienen wie fort⸗ geweht, und meine Großeltern hatten mich trotz der Heirat, wie ſie in ähnlicher Weiſe wohl noch nie in Frampton erlebt war, ganz an Stelle ihrer verlorenen Ciſſy aufgenommen. Mehr als einmal betheuerte mir Tante Julia, daß ſie es nie für möglich gehalten hätte, daß ihre Eltern je wieder ſo glücklich und froh werden könnten, wie ſie es waren.

Dergleichen hörte ich natürlich nur zu gern und wurde dadurch immer von Neuem angeſpornt, ihnen allen gegenüber ſo liebenswürdig, als es mir nur möglich war, zu ſein; bald war es eine ausgemachte Sache, daß ich dem Großpapa die Zeitungen gleich nach dem Frühſtück vorlas und daß ich dann ſpäter die Großmama durch den Park führte; an allen Diners mußte ich theilnehmen, ja ich hätte mir eingebildet, in Un⸗ gnade gefallen zu ſein, wäre ich nicht immer zugezogen worden. Die allergrößte Freude jedoch machte es mir, als mich eines Tages die Großmama auf ihre Stube rief und mich dort mit dem Theil des Familienſchmuckes dekorirte, der auf meine ſelige Mama gefallen ſein würde, wenn dieſe ſich ſtandes⸗ gemäß verheiratet hätte. Nicht der Werth der Geſchmeide war es, der mich ſo hoch erfreute, wenngleich auch dieſer ſehr beträchtlich war, ſondern die Verſicherung, daß der Großpapa den Wunſch ausgeſprochen, daß ſie mir in meiner Mutter Namen als ein Hochzeitsgeſchenk von ihr überreicht werden ſollten. 4 Dieſer Augenblick war geheiligt für mich, mit Wonne denke ich noch ſtets daran. Von da an ſprach die Großmama ſtets offen und ohne Rückhalt von meiner theuren Mama mit mir und ermuthigte mich, ein Gleiches zu thun. Sie erzählte mir Alles, deſſen ſie ſich aus ihrer Juͤgendzeit erinnerte, auch daß ſie ſo ſchön geweſen ſei, daß oft die Leute auf der Straße