442 Concordia.
herumführenden Inhabers der Firma auf keine kleine Probe geſtellt hatte, fiel ihr Auge auf eines jener Tiſchchen, die Reginens meiſterhafte Malerei zeigten.
„Herrlich— koſtbar! Eine Szene aus„Fauſt“! Warum machten Sie mich nicht längſt auf dieſe reizenden Tiſchchen aufmerkſam? Ich entſinne mich, kürzlich im Salon von Frau von Serk ähnliche geſehen zu haben.“
„Ganz recht, gnädige Frau,“ entgegnete Herr Selten; „dieſe Dame hat einige dieſer Tiſchchen von mir gekaufl. Und Ihr Blick für die Schönheit derſelben täuſcht Sie nicht. Sie ſind die beſten Stücke meines Lagers und das Vollendetſte, was auch ich in dieſem Genre je geſehen. Belieben Sie ge⸗ fälligſt zu bemerken, mit welcher peinlichen Sorgfalt dieſe kühn entworfene Zeichnung ausgeführt iſt, wie auch die kleinſte Linie, das ſcheinbar Nebenſächliche das Erwogenſein vor dem Richterſtuhl der Aeſthetik nicht verleugnen kann. Wirkt dieſe lebenswahre Natürlichkeit der Geſtalten nicht geradezu frappirend?“
„Sie ſind ein begeiſterter Lobredner für Ihre Waare— natürlich!“ lächelte Editha.„Aber diesmal unterſchreibe ich Wort für Wort Ihre Aeußerungen. Daß auf dieſem Felde ſo Hervorragendes geſchaffen werden kann, ahnte ich nicht. Ohne Zweiſel haben Sie dieſe Tiſchchen aus Paris erhalten?“
Jetzt war es Herr Selten, welcher lächelte.„Ich könnte Ja ſagen, gnädige Frau, und damit vielleicht, wenn auch un⸗ gerechter Weiſe, Ihre Bewunderung für dieſe wahrhaft genialen Schöpfungen ſteigern. Aber ich will ehrlich ſein— Sie ſollen die Wahrheit erfahren. Es iſt eine hier am Orte wohnende Dame, welche mich mit dieſen Werken ihrer Kunſt verſieht. Kaum wäre anzunehmen, daß die Franzoſen ſich unſeren deut⸗ ſchen„Fauſt“ zum Vorwiirf nehmen würden. In dieſer Weiſe dem deutſchen Geiſt zu huldigen, liegt nicht in ihrer Art.“
Editha ſtand etwas beſchämt.
„Eine hier lebende Künſtl lerin?“ fragte ſie.„Nicht möglich! Alſo Sie glauben, daß dieſelbe dieſe Seichrd ſelbſt ent⸗ worfen hat und das Alles dies eine Geburt ihrer Phantaſie iſt?“
„Ich glaube das nicht nur— ich weiß es. Die Dame
malt größtentheils nach eigener Erfindung.“
Wieder betrachtete Editha das Tiſchchen, an dem ſie immer mehr zu bewundern fand. Endlich verſtummte ſie und verſank eine Weile in grübelndes Nachdenken.
„Würde die Dame,“ fragte ſie dann lebhaft,„wohl ein Porträt, deſſen Original ſie vor ſich hat, auf einer ſolchen Platte wiedergeben können?“
„Können?— ob ſie es thun uhrd, arbeitet nur für kunden an.“
„O, wenn Sie mein Fürſprecher ſein wollen, gewiß!“ drängte Editha.„Ich wünſch niichta ſehnlicher, als das Porträt meiner kleinen Tochter auf einem ſolchen Tiſchchen zu haben, um meinem Manne damit ein Geſchenk machen zu können. Ich bitte Sie, Herr Selten, bieten Sie all' Ihren Einfluß auf, um die Ki 1 zu vermögen, ſich zu mir zu bemühen. Ich will Sie in einem etwalgen Geſchäft durchaus nicht ſchädigen. Nur zum Zweck der Abnahme des Porträts
trete i min der Künſtlerin in Verbindu
fle ich nicht, Frau Baronin, eine andere Sache. Sie und nimmt keine Privat⸗
zwe
ſtlerin
dung Alles Uebrige t Ihnen ab.“ Dame zur Annahme des Auf⸗
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trags zu bewegen,“ erwiderte Herr Selten,„und werde Ihnen die Antwort derſelben baldigſt zugehen laſſen.“
„Ich hoffe, daß es eine zuſagende iſt. Adieu!“
Damit rauſchte Editha zum Laden hinaus.—
Seit einiger Zeit hatte die Baronin ſich in den Kopf
geſetzt, durch Freda's Vermittelung die Liebe ihres Mannes
gewinnen zu wollen. Wenn das Kind— unſer Beider Kind
— den ganzen Tag in ſeiner Nähe iſt und von mir plaudert, rechnete ſie, ſo wird ihn das fortwährend an mich erinnern und vielleicht verſöhnlichere Gedanken in ihm wachrufen.
Die Kurzſichtige! Sie berechnete nicht Freda's Eigenſinn, ihre Unfolgſamkeit und Launen.
Das Erſte, was Freda that, wenn ihr bedeutet wurde, zum Papa zu gehen, war, daß ſie einen Haufen Spielzeug mit hinübernahm, mit dem ſie nach Herzensluſt zu poltern und zu toben begann. Jeder Gegenſtand, der nicht niet⸗ und nagelfeſt war, wurde von ſeinem Platz gerückt, muthwillig beſchädigt und alsdann mit möglichſt großem Geräuſch zu Boden geworfen. Auf ein ihr ertheiltes Verbot fing ſie an zu ſchreien, zu weinen, mit den Füßen zu ſtampfen, und das Ende vom Liede war regelmäßig, daß Wegener ſie wieder hinübertragen mußte.
Zu dem bevorſtehenden Geburtstage des Legationsrathes nun wollte Editha ihn mit der Büſte Freda's auf dem Tiſch⸗ chen überraſchen, wovon ſie ſich eine große Wirkung verſprach.
Da Regine ſich bereit erklärt, die Arbeit zu übernehmen, daran jedoch die Bedingung geknüpft hatte, daß die Baronin mit ihrer Tochter ſich ſelbſt in ihre Wohnung bemühe, ſo hielt einige Tage darauf Editha's Equipage vor dem einſamen Hauſe.
„Gott, wie kann man hier wohnen“— rief die Baronin ind ſchlug entſetzt die Hände zuſammen—„hier in dieſer grauenhaften Einöde! Langweilen Sie ſich denn nicht zu Tode, mein liebes Fräulein? Und freſſen die Wölfe Sie nicht hier im Winter?“
„Was Ihre letzte Frage betrifft,“ lachte Regine—„Sie ehen, ich lebe noch, Frau Baronin; und für die Langweile ſitze ich ein gutes Mittel, das beſte, das es giebt— Arbeit!“
„Ja— ja, es iſt wahr,“ ſagte die wawonit affektirt,„ich vergaß, Sie haben viel zu thun.— Wollen Sie nun gefälligſt ſehen, wie Sie dieſen kleinen Wildfang zum Stillſitzen bringen. Freda!——— den Kopf hübſch gerade halten und keine Geſichter ſchneiden! Deuke immer daran, daß das Bild für Deinen lieben ſt. ⸗
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ſel be
Papa beſtimmt iſt.
Dieſer Gedanke ſchien auf Freda jedoch keine beſondere Wirkung auszuüben. Sie begann ihr beliebtes Grimaſſen⸗ ſpiel, nickte unaufhörlich mit dem Kopf und ſchlen kerte ſo heſtig mit den Armen, daß der Oberkörper in fortwährender Bewegung war.
Vorſorglich hatte die Baronin eine große Düte voll ſüßer Näſchereien mitgebracht, die ſie nun hervorzog, und erſt an⸗ geſichts dieſer verlockenden Perſpektive ließ Freda ſich herab die niſh Poſition einzunehmen. Lange jedoch hielt ſie nicht aus und mußte daher eine weitere Sitzung auf den künftigen Tag verſchoben werden.
Regine hatte ihre Qual mit dem kleinen Unhold, der ſtets das Gegentheil von dem that, was verlangt wurde.
Das unliebenswürdige Weſen Freda's ſtieß ſie ab und doch wieder gab es etwas an dem Kinde, von dem ſie ſich
auf räthſelhafte Weiſe angezogen fühlte. Lag es in der
Bildung der Naſe oder des Mundes— vielleicht auch in
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