Concordia.
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bettete ihren Kopf an ſeine Bruſt, während Worte zärtlichſter
Liebe ſeinen beredten Lippen eentquollen. Mit liebkoſender Hand ſtreichelte er die Goldfluth ihrer Haare, die wie ein ſchimmernder Mantel ſeine Bruſt bedeckten, und ſie duldete es, daß er ihren Kopf emporhob, die Thränen des Glückes, die ihren Augen entſtrömten, aufküßte und ſie immer wieder an ſein Herz nahm und immer wieder flüſterte:„Meine Regine, meine einzige, geliebte Regine!“
Dieſe Thränen Reginens— ſielen ſie nicht wie glühende Tropfen auf ſein eigenes Herz?——— Varen ſie nicht Flecken auf dem Schild ſeiner Ehre, die er niemals, niemals tilgen konnte?
Aber das Glück der Gegenwart forderte ſein Recht.
Sie war ſein, deren Beſitz ihm ſo köſtlich dünkte, daß alle Stimmen des Vorwurfs dagegen ſchweigen mußten.
Wie traulich, wie heimlich es bei ihr war! Ein Hauch ſchmuckloſer, ungeſuchter Einfachheit, der dem Weſen der Be⸗ wohnerin durchaus entſprach, wehte durch dieſen Raum.
Der Lehnſtuhl am Fenſter mit dem grauen Kätzchen auf dem Kiſſen davor, das dunkle, tafelförmige Inſtrument, das Sopha — nicht nach neueſter Facon, die tickende Wanduhr, die Bücher im Glasſchrank, die Bilder an den Wänden— Alles grüßte ihn lieb und vertraut und ſtimmte in wohlthuendſter Harmonie zuſammen.
Regine machte einen ſchwachen Verſuch, ihn ob ſeines Ein⸗ dringens zu ſchelten.
Aber die Antwort, die er darauf ertheilte und die bei jedem vorwurfsvollen Worte immer von Neuem auf ihren Lippen glühte, dieſe Antwort, ſtumm und dennoch beredt, ſchloß eine viel beſſere Rechtfertigung in ſich, als Worte je zu geben ver⸗ mochten.
Hand in Hand ſaßen ſie auf dem ehrwürdigen Sopha und er lauſchte entzückt dem metalliſchen Klang ihrer Stimme, die mit ſüßem Wohllaut ſein Ohr umſchmeichelte.
Von den ſonnigen, frohverlebten Tagen der Kindheit, von ihrem glücklichen Zuſammenleben mit Louiſe, deren letzte Ar⸗ beiten ſie ihm zeigte, von Plänen und Entwürfen zu neuer Arbeit plauderte ſie zu ihm.
Hanna hatte die Lampe gebracht und das Kätzchen ſchlich herzu, blinzelte müde iws Licht, machte einen krummen Buckel und ſchmiegte ſich ſanft an Regine, um auch ſeinen Antheil an Zärtlichkeit von ihr einzufordern. Liebkoſend glitt ihre Hand über das glänzende Fell; dabei kniſterte leiſe ihr ſchwarzes, ſeidenes Gewand.
„Ich trage ſo gern Seide,“ ſagte ſie, wie entſchuldigend, daß ſie ſich dieſen Luxus erlaube;„das leiſe Rauſchen beim Gehen berührt angenehm mein Ohr und ſtimmt mich poetiſch.“
Dann führte ſie ihn in ihr kleines, neben dem Wohn⸗ zimmer befindliches Atelier, wo er nicht müde wurde, all' die tauſend feinen Sächelchen, die ihre fleißige Hand mit kunſtvoller Malerei geſchmückt, zu bewundern.
Und dann bat er ſie um ein wenig Muſik.
Gern leiſtete ſie dieſem Wunſche Folge und zeigte auch hier eine Meiſterſchaft, die ihn überraſchte. Mit vollkommener
Sicherheit glitten die ſchlanken, weißen Finger über die Taſten und entlockten dem Inſtrument ſo ſeelenvolle Töne, daß er meinte, ein Gruß aus lichter, reiner Himmelshöhe träfe ſein Ohr. Darauf ſang ſie ein einfaches, kleines Lied. War ihre
Stimme auch nicht beſonders ſtark, ſo glaubte er doch, eine angenehmer klingende niemals vernommen zu haben. Jeden⸗
falls zeugte ſie von vollendeter Ausbildung, denn gerade in der
Einfachheit und Wahrheit des Vortrages offenbarte ſich höchſte Kunſt und höchſte Natur. Aus der Tiefe des Herzens ſtieg ihr Lied empor und fand darum wieder den Weg zum Herzen.
So ſingen kann nur, wer gut und edel iſt! dachte Rolf.
Wie anders eine ſolche Muſik als diejenige, welche ſeinen Ohren Editha zumuthete, mitanzuhören! Welch' ein Abſtand zwiſchen der anziehenden Unterhaltung Reginens und dem faden, nichtsſagenden, inhaltsloſen Geſchwätz im Salon ſeiner Frau!—
Ein wahrer Troſt für ſein Auge, dieſe hoheitsvolle, edle Erſcheinung mit dem Adel der Wahrheit auf der freien Stirn; ja— ein Troſt für ihn, den Weltmüden, dem die kon⸗ ventionelle Lüge auf den Geſichtern ſeiner Standesgenoſſen oft Ekel und Ueberdruß einflößten.
Als er endlich ging, da fragte er nicht: darf ich wieder⸗ kommen?—— In den gliückſtrahlenden, mit inniger Liebe und Hingebung ihn anblickenden Augen Reginens las er die erſehnte Erlaubniß.
Und er kam den nächſten Tag— kam den folgenden; und bei aller Pein über die unſichere Rolle, die er ſpielte,
ei allem klaffenden Zwieſpalt mit ſich ſelbſt nahm er doch ſtets von dieſen Beſuchen bei Reginen eine Fülle der köſtlichſten Labe für Geiſt und Herz mit heim.
8. Kapitel. Freda's Bild.
So war ein Jahr beinahe hingegangen.
Mehr denn je weigerte ſich Editha, in eine Trennung von Rolf zu willigen. Aber nicht auf klare, entſchloſſene Weiſe, ſondern mit dem eigenſinnigen Trotz eines Kindes eiferte ſie dagegen.
Schon bei der leiſeſten Andeutung einer ſolchen Möglich⸗ keit führte ſie Szenen herbei, die Rolf im höchſten Grade peinlich berührten; ſie fiel in Ohnmacht, bekam Zuckungen, Weinkrämpfe und dergleichen mehr.
Dabei verfiel ihre Geſtalt von Tag zu Tag. Die Züge wurden hohler, ſchlaffer und hingen welk herab; um den Mund hatte ſich ein ſcharfes, nervöſes Zucken eingegraben, was dieſem ewig bewegten Antlitz den Reſt von Ruhe vollends raubte und ihm einen Ausdruck von Bitterkeit verlieh, der geradezu betroffen machte. Nur in den Augen— tief in die zurückgeſunkenen Höhlen gebettet und darum noch dunkler und glühender erſcheinend, loderte das alte Feuer. Aber zeitweiſe ſprühte ein fieberhafter Glanz darin, der ſeinen verglimmen⸗ den Schein wie ein letztes Aufflackern über das verwelkte Antlitz warf.
Zur vorgerückten Stunde eines mildſonnigen Herbſttages, nachdem ſie mit Hilfe der alten Kammerfrau, welche nach Fränzchen's erfolgter Verheiratung wieder zu Gnaden an⸗ genommen worden, Toilette gemacht, befahl Editha, anzuſpannen um zur Handlung Selten u. Komp. zu fahren, wo einige Einkäufe gemacht werden ſollten.
Als ſie mit der ihr eigenen Unentſchloſſenheit verſchiedene Gegenſtände wohl zehnmal gewählt und ebenſo oft wieder zurückgewieſen und damit die Geduld des ſie in ben Räumen
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