Jahrgang 
2 (1879)
Seite
440
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4¹⁰. Concordia.

Sie waren jetzt in die Nähe der Villa zurückgekommen und Regine verabſchiedete ſich.

Wie gern möchte ich Sie einmal bei der Arbeit ſehen, ſagte Rolf bittend;darf ich das?

Ein feſtes, entſchiedenes Nein Reginens war die Antwort.

Aber dann Sie hier wiederſehen während der kurzen Zeit Ihres Spazierganges manchmal mit Ihnen plau⸗ dern darf ich das?

Das dürfen Sie! Aber nicht zu oft!

7. Kapitel.

ſo goldig ſchön!

O Cieb', o Liebe Dieſen Wunſch Reginens:nicht zu oft! verſtand Rolf nun freilich ſo, als habe ſie das gerade Gegentheil geäußert, nämlich: recht oft!

Denn ſaſt an jedem Tage wartete er ihrer und faſt jeden Tag erſchien Regine!

Das ging wohl eine kurze Zeit, ſo lange des Wetters Un⸗ bill dieſen Spaziergängen kein Ziel ſetzte. Denn der Himmel ſchien einzuſehen, daß er eigentlich doch zu früh ein finſteres Geſicht, gemacht und ſandte noch einmal Tage zur Erde, wie der mildeſte Herbſt ſie nicht ſonniger bringen konnte.

Als aber tagelang unauſhörlich dichte Schneemaſſen gefallen waren, als ein rauher Nordoſt über die Fluren brauſte und unter ſeinem Odem das letzte Regen der Natur erſtarb da kam Regine nicht mehr. vier Tage wartete Rolf vergebens!

Zwei drei Hindexniſſe, die

Ihn konnte ja nichts abhalten, zu kommen. ſich ihm entgegenſtellten, wußte er ſtets aus dem Wege zu räumen, nur um über dieſe eine Stunde, die ihm ſo ſeltenen und ſchon unentbehrlich gewordenen Genuß bot, frei verfügen zu dürſen.

Auch heut' ſollte er vergebens harren. und die Zeit, die Regine zum Spaziergang wählte, war längſt Wer konnte ihm ſagen, wie lange das abſcheuliche ſehen

Schon dunkelte es

vorüber. Wetter noch anhalten würde, wie lange er ſie nicht ſollte, die er doch ſo unendlich gern ſah. Die Unterhaltung verſüßte ihm alle Bitterniſſe,

mit Regine erquickte, ſtärkte ihn, hatte, war das Manna

die er in ſeiner Ehe durchzukoſten ſeiner Seele. Und nun kam ſie nicht, weil das Wetter ungünſtig!

recht lächerlicher Grund? Galt er ihr gar ſie ſeinetwegen nicht ein wenig Lälte und Sturm ertragen? rief er ſich

nicht! Kam War es nicht ein nichts? Konnte

Alleé Geſpräche, die er mit Reginen gehalten, Welch' ein edles, hochdenkendes

innerem Leben, wie vor

zurück. Wie reich an

in's Gedächtniß Geſchöpf ſie war! theilhaft verſchioden von allen Frauen und Mädchen, die er bisher hatte kennen lernen. Ihr ſcharfes, folgerichtiges Denken, ihr klarer, freier Geiſt, der auf alle Lebens die richtige Antwort zu finden Nihtsdeſtoweniger konnte ihr Herz in

Fragen des Le wußtée, zwangen ihm Bewunderung ab. Be⸗ geiſterung für alles Große und Schöne, in tiefſtem Abſcheu vor dem Gemeinen heiß und leidenſchaftlich emporwallen. Wahrlich dies vielſeitig gebildete und dennoch ſo ſchlichte Mädchen mit dem geraden, offenen Sinn ſtand auf

einer Höhe der Lebensanſchauung, die der ſeinen weit über⸗ legen war. Sollte er auch heut' wieder gehen, ohne ſie geſehen zu

haben? Nein, er wollte warten und ſollte er zu Stein erſtarren auf der Stelle, wo er ſtand. Wie nun, wenn er es wagte, was er ſchon geſtern, vorgeſtern hatto wagen wollen wenn er ihrem Verbot ungehorſam wurde?

Er ging bis an die Hausthür und las den Namen, der neben derſelben auf einem blanken Meſſingſchildchen ſtand: Regine Haller.

An der Thür war ein altmodiſcher Klopfer befeſtigt. Schon ſtreckte ſeine Hand ſich danach aus, aber noch einmal zog er ſie zurück. Gewiß ſie würde zürnen, und den vor⸗ wurfsvollen Blick dieſer großen, ſtrahlenden Augen konnte er nicht ertragen!

Mochte er die ihn ſchier verzehrende Ungeduld nun auch ungeſtillt wieder mit heim nehmen ihrem Verbote wollte er treu ſein.

Er hielt aufrichtige Einkehr in ſich ſelbſt.

War es wirklich nur ihr Verbot, was ihn zurückhielt?

Konnte er wohl noch im Zweifel ſein darüber, daß ſie ſeinem Herzen theuer und war er wirklich ſo weit Herr ſeiner ſelbſt, um vielleicht kühl und ruhig neben ihr ſitzen, gleichgiltige Worte an ſie richten zu können, während ſein Herz überquoll in ſüßer Leidenſchaft und tauſend Stimmen in ihm riefen: Ich liebe Dich?

Nein er durfte nicht eine ſo qualvoll ſüße Stunde über ſich heraufbeſchwören! Er hatte ſich des Rechtes, ſein Herz verſchenken zu dürfen, begeben für ihn gab es kein Liebes⸗ glück! Der Mann, der Weib und Kind zu Hauſe hatte, durfte nicht bei einer Anderen ſuchen, was ihm am eigenen Herde nicht beſchert war.

Da biſt du wieder, Spuk meines Lebens! rief er zornig und knirſchte mit den Zähnen.Starr' mich nicht an aus unheimlich glühenden Augen, deren Blick mir wie hölliſches Feuer auf der Seele brennt! In mein Leben haſt du dich geſtohlen und wanderſt nun vor mir her, einem geſpenſtiſchen Schatten gleich, der nur die Hand auszuſtrecken braucht, um mich in ſeiner Gewalt zu haben!

Er rang mit ſich ſelbſt, mit dem namenloſen Etwas in ſeiner Bruſt, das ihn immer wieder vor das kleine Haus trieb, ihm immer wieder den alten Klopfer in ſeine Hand zwang.

Und nun hatte er ihn zum zweiten Male ergriffen, und ehe er ſich ſeiner That noch voll bewußt geworden, hallte ein lautes, vernehmliches Pochen durch die Stille.

Hanna öffnete und machte auf ſeine Frage, ob Fräulein Haller zu ſprechen ſei, ein verwundertes Geſicht. Ein noch verwunderteres, als er ſagte:Melden Sie mich, Hanna!

Dann beſann er ſich, daß Regine ihn am Ende abweiſen laſſen könnte, und ſagte ſchnell:Nein melden Sie mich lieber nicht, ich werde gleich mit Ihnen gehen.

Hanna führte ihn durch eine kleine Vorhalle und öffnete dann eine Thür, durch welche ſie ihn einzutreten bat.

Eine Geſtalt ſprang bei ſeinem Eintritt von ihrem Platz am Tiſche auf und ging ihm einige Schritte entgegen. Regine!

Alle Qual der letzten Stunde, aber auch alle Liebe und Sehnſucht, von der ſein Herz bis zur verborgenſten Tiefe er⸗ zitterte, ſprach aus dem einen Wort.

Er hielt ihre beiden Hände in den ſeinen und ſah ihr

lange ſchweigend in die Augen; dann dog er ſie an ſich und