Concordia. 439
Geſicht erheiterte ſich bei dieſem Gedanken. Ich ſah offenbar,
daß ſie ein Herz voll Güte und Liebe beſaß, und ſie hatte
auch zu jeder Zeit ein ſanftes und freundliches Antlitz. Die Arme hätte wahrhaftig ein beſſeres Schickſal verdient. Ich ſtellte ihr vorläufig keine weiteren Fragen über dieſen Gegen⸗ ſtand, aber jetzt empfand ich volles Vertrauen zu ihr. Eine Woche nachher brachte ich ihr in der Stille der Nacht ein neugeborenes Kind— ein ſüßes kleines Geſchöpf mit einem wahren Lilienantlitz, das mit jenen Kleidern verſehen war, die ich einſt ſelbſt mit eigenen Händen für mein erſtgeborenes Kind, für Muriel genäht. Der Himmel weiß, was ich litt in jener Nacht, als ich das unſchuldige Weſen in die Arme der Mrs. Eden legte— ſie war kaum halb erwacht und erſchreckt durch mein plötzliches Kommen. Ich hatte beabſichtigt, ihr zu ſagen, das es das Kind einer meiner Dienerinnen ſei; aber als die Zeit dazu kam, konnte ich dieſe Lüge nicht aus⸗ ſprechen. Ich ſagte ihr nur, daß das Kind mutterlos ſei und daß ich es von dieſer Stunde an ihrer Sorge vertraue, daß ich in Berückſichtigung deſſen, daß Mr. Edeu und ſie ſelbſt das Kind aufnähmen und es als das ihrige erzögen, ihnen eine ſchöne Summe Geld geben würde, mit dem ſie eine achtbare Lebensweiſe beginnen könnten. Aber bevor ich dies that, mußten ſie ſich verpflichten, niemals wieder in Borcel⸗End oder irgendwo in deſſen Nachbarſchaft zu erſcheinen und niemals in Betreff auf das Kind ein Anſuchen an mich
zu ſtellen. Von der Stunde an, in der ſie Borcel⸗End ver⸗ ließen, ſollte das Kind ihnen ganz angehören und kein Bindeglied zwiſchen mir und demſelben übrig bleiben. Ich ſagte ihnen das Alles haſtig in jener Nacht, aber ich wiederholte es am nächſten Tage in formeller Weiſe und ließ ſie einen feierlichen Eid auf die Bibel ſchwören, der ſie band, ihren Theil des Vertrages zu halten.“
„Blieben ſie nach der Geburt des Kindes noch lange zu Borcel⸗End?“ fragte Mr. Cliſſold.
„Nur fünf Tage, denn ich fürchtete, das Weinen des Kindes könnte ſonſt von irgend Jemandem gehört werden. Mrs. Eden widmete dem hilfloſen kleinen Dinge große Sorg⸗ falt und hielt es wunderbar ruhig, aber die Furcht vor ſeinem Weinen verfolgte mich Tag und Nacht. Ich glaubte immer, daß ich es höre. Inmitten der Nacht fuhr ich von meinem Bettkiſſen empor, mit dem Laut von dem Weinen des Kindes in meinen Ohren, und ich wunderte mich, daß mein Gatte nicht erwachte, obgleich es für den Laut gar nicht möglich geweſen wäre, unſer Schlafzimmer zu erreichen, wenn das Kind auch noch ſo laut geweint haben würde. Aber obgleich ich dies wußte, verfolgte mich dieſer Laut doch immer, und ich entſchloß mich, daß die Eden's fortreiſen müßten, ſobald es nur mit einiger Sicherheit für das Kind geſchehen könnte. Das Wetter war jetzt mild und trocken, und der Morgen
war nach ſechs Uhr ſchon licht.“(Fortſetzung folgt.)
Gefunden!
Roman von C. Engels.
(Fortſetzung.)
„Ich verſtehe Ihren Schmerz,“ ſagte Rolf;„wenn ich auch das ſelige Gefühl, ſich einem anderen Herzen ſo voll und ganz verwandt zu wiſſen, nicht kenne, begreife ich dennoch ſehr wohl, wie verwaiſt Sie ſich nun fühlen mögen. Und ſeit dem Tode Ihrer Schweſter wohnen Sie mit der alten Hanna ganz allein in dem Hauſe?“
„Wie ich Ihnen ſchon ſagte, ganz allein. Ich konnte wohl das obere Stockwerk vermiethen, aber— ohne etwa menſchen⸗ ſcheu zu ſein— ich biete dieſe Wohnung Niemandem an.
Und das, was ich durch die Malerei verdiene, ſichert ohnedies
auch vollkommen meine Exiſtenz. Ich arbeite für Selten und Kompagnie, wenn Ihnen die Firma vielleicht bekannt iſt.“
„O gewiß,“ erwiderte er.„Dies iſt ja der Name der be⸗ deutendſten Handlung dieſer Branche in der Stadt. Vor noch nicht langer Zeit traf ich dort eine Auswahl verſchiedener Gegenſtände; da ſielen mir beſonders kleine Tiſchchen mit Porzellanplatten auf, deren feine Malerei eine wahrhaft künſtleriſche Vollendung zeigte. Die Stoffe der Darſtellung waren theils unſeren Klaſſikern entlehnt, theils mochten ſie eigene Erfindung des Künſtlers ſein; jedenfalls verriethen Auffaſſung und Ausführung eminente Begabung.“
„Hören Sie auf,“ fiel Regine ein;„ich kann ſoviel Lob nicht annehmen, denn die Malerin jener Platten bin ich. Vor meinem inneren Auge ſchwebt Alles in wunderbarer Schönheit und Formvollendung; bringe ich jedoch meine Ideen zur ſichtbaren Anſchauung, ſo erſcheinen ſie mir erblaßt, un⸗ künſtleriſch und entſprechen bei Weitem nicht meinen eigenen Anforderungen.“
„Sie alſo haben dieſ raſcht.„O, Fräulein Künſtlerin!“
„Nicht doch!“ wehrte ſie beſcheiden. meiner Ar⸗ beiten— das gebe ich zu— mögen wohl ſo ziemlich gelungen ſein. Im Allgemeinen aber, wie ich Ihnen ſchon ſagte, bin ich ſtets unzufrieden mit dem, was ich ſchaffe.“
„Sie ſind zu ſtreng gegen ſich ſelbſt. Aber auch darin offenbart ſich ja die echte Künſtlerſeele, daß ſie ſich nie genug thut, immer Höheres erſtrebt und beſcheiden von den eigenen Leiſtungen denkt. Nur das kann ich Ihnen ſagen: etwas Artheil beſitze auch ich, und aus dem, was ich ſah, ſpricht feine, künſtleriſche Durchbildung.“
„Ich hoffe doch, daß Sie mich richtig verſtanden haben?“ fragte Regine.„Von eitler Selbſtüberhebung bin ich weit entfernt, ebenſoweit aber auch von falſcher Beſcheidenheit. Daß ich mich über Mittelmäßigkeit erhebe, ſagt mir mein Genius, die Kraft des Könnens in mir. Ohne eine ſolche Empfindung würde ich überhaupt nichts zu Stande bringen, glaube ich. Nur fühle ich bei jeder neuen Arbeit, daß ſie weit hinter dem Ideal, das mir vorſchwebt, zurückbleibt.“
e Werke geſchaffen?“ rief Rolf über⸗ Regine, Sie ſind eine bedeutende
„Einige
„Soll ich Ihnen das alte Wort wiederholen, daß das Ideal überhaupt niemals erreicht werden kann? Und daß
gerade im Ringen und Streben danach ſein ewig unvergäng⸗ licher Reiz liegt? Wie eine Fatg Morgana weicht es zurück, wenn wir eben mit ſicherer
und zeigt dem trunkenen Auge nur immer ſchönere, glänzendere Bilder.“
8 rS 2 6 521 Alaurhoh es erfaßt zu haben glauben,


