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Concordia. 4 437
„Es kann da eine heimliche Heirat ſtattgefunden haben,“ bemerkte Maurice.
„Ich ſtellte ihr dieſe Frage, aber ſie verweigerte es, zu antworten. Ich glaube nicht, daß ſie in dieſer Stunde ſchwerer Angſt die Wahrheit vor mir, ihrer Mutter, zurückgehalten hätte. Ich fragte ſie, ob George Penwyn der Schurke ſei, der dieſes Elend über uns gebracht, aber ſie verweigerte es auch, mir dieſe Frage zu beantworten. Sie habe ein Ver⸗ ſprechen gegeben, das ihre Lippen verſiegle, ſagte ſie. Ich möchte das Schlechteſte von ihr denken, wenn ich ihr nicht vertrauen könnte.“
„Wäre es nicht beſſer und weiſer geweſen, an die Ehre Ihrer Tochter zu glauben, auch gegenüber den Umſtänden, die ſie zu verurtheilen ſchienen?“ fragte Maurice mit einem leiſen Anſtrich von Vorwurf.
„Wer kann weiſe ſein, wenn man Alles, was man geliebt und geehrt hat, ſich plötzlich entriſſen ſieht? Die Entdeckung der Schande meeiner Tochter war mir bitterer, als es mir ihr plötzlicher Tod geweſen wäre. Als ich ſie jenes Abends ver⸗ ließ, war mein Gebet, daß ſie ſterben möchte, damit ihre Sorge und ihr geſchändeter Name hinabſänken in das Grab. Ein gottloſes Gebet, werden Sie ohne Zweifel denken; aber Sie haben niemals einen Schmerz empfunden, wie ich in jener Nacht. Ich lag wach und nachdenkend, was zu thun ſei. Ich hatte in meinem Herzen keinen Zweifel, daß George Penwyn der Mann war, der die Ehre meiner Tochter vernichtet. Es gab keinen Anderen, den ich im Verdachte haben konnte. Als ich mich mit Tagesanbruch am nächſten Morgen erhob, hatte ich meinen Plan fertig.“
Maurice lauſchte athemlos; er fühlte, daß er ſich auf der Schwelle des Geheimniſſes dieſes Hauſes befand— nahe der Kenntniß des Opfers, welches dem guten Namen der Familie gebracht worden war.
„Wenn irgend Eines von unſerer Familie krank war, pflegte die alte Mrs. Trevanard deſſen Arzt zu ſein. Sie hatte alle Arten von Rezepten für Arzneien, um kleine Leiden zu heilen. Nur wenn ein Fall ſehr ſchlimm war, ſendeten wir nach einem Doktor. Jetzt war meine erſte Vorſicht, Muriel in das Zimmer oberhalb dem ihrer Großmutter zu bringen, ein Zimmer, das von allen Theilen des Hauſes abgeſchnitten iſt, wie Sie wiſſen. Hier ſtellte ich ſie unter die Obhut der alten Frau in einer Weiſe, daß auch keine Magd des Hauſes — wir hatten damals nur eine— eine Gelegenheit hatte, ſich ihr zu nähern. Um dies thun zu können, mußte ich natürlich der Großmutter das Geheimniß mittheilen. Sie können ſich vorſtellen, wie hart mir das war, aber die alte Frau benahm ſich ſehr wohl bei meinem Kummer und ſprach nie ein Wort des Vorwurfes zu Muriel.„Laßt ſie zu mir kommen, das arme Lamm,“ ſagte ſie,„ich will ihr beiſtehen, komme, was kommen mag.“. So brachten wir Muriel nach dieſem abſeitigen Zimmer, und ich ſagte ihrem Vater, daß ſie einen leichten Fieberanfall habe, und daß ich es für das Klügſte hielte, ſie unter der Obſorge der Großmutter zu halten. Er war ſehr beſorgt und unruhig wegen ihr, und eine traurige Düſterheit ſchien das ganze Haus zu füllen. Ich weiß, daß ich an meine Tagesarbeit mit einem Herzen ging, das nahe
Adaran war, zu brechen.“
„Es muß in der That eine ſchwere Zeit geweſen ſein,“ ſagte Maurice theilnehmend.
„Sie war ſo ſchwer, daß mein Glaube an die Güte Gottes in Zweifel gerieth. Mein Herz lehnte ſich auf gegen ſeine Beſchlüſſe; aber gerade als meine Verzweiflung am tiefſten war, ſchien mir die Vorſehung in der unerwartetſten Weiſe zu Hilfe zu kommen. Es war Winter, nahe gegen das Ende deſſelben, und ſehr ſtrenges Wetter. Die Haiden waren mit Schnee bedeckt, und von einem Ende der Woche zum anderen kam Niemand Borcel⸗End nahe. Eines Abends gegen Eintritt der Dunkelheit kam ich aus der Milchkammer neben dem Hauſe und ging über den Hof nach der Küche zurück, als ich einen Mann und eine Frau über das Hofthor blicken ſah, während der Schnee auf ſie niederfiel. Es waren zwei ſo elende Ge⸗ ſchöpfe, als man nur ſehen konnte. Mein Herz war durch meinen eigenen Kummer gegen Andere abgehärtet, und ſo rief ich ihnen zu, fortzugehen, da ich ihnen nichts zu geben hätte. „Wenn wir von hier fortgehen, ſo iſt es zu unſerem Tode,“ antwortete der Mann.„Wenn Sie eine Chriſtin ſind, geben Sie uns Obdach für eine Nacht. Wir verließen Seacomb heute früh, um nach Penwyn zu gehen, da wir einen Brief haben, der uns der Nächſtenliebe des Squire empfiehlt; aber der Weg war länger und mühevoller, als wir es ahnten, und jetzt ſind wir hier im Finſtern, gerade auf dem halben Wege. Ich verlange nicht viel von Ihnen— nur genug, um uns vom Untergange zu retten— ein Nachtquartier in einer Ihrer leeren Scheuern.“ Das war eine Bitte, der ich nicht wider⸗ ſtehen konnte. Es war Raum genug da, um zwanzig ſolchen Wanderern Obdach zu geben. Ich nahm dieſe Zwei auf einen Heuboden, der ſelten benützt ward, gab ihnen ein Bündel Heu als Lager und brachte ihnen mit eigenen Händen einen Laib Brot und einen Krug Milch. Ich weiß nicht, was es mir in den Kopf ſetzte, ſie ſelbſt zu pflegen und zu bedienen, anſtatt die Magd zu ihnen zu ſenden, aber ich denke, mir gefiel dieſes beſcheidene Amt, da ich wußte, wie tief meine Tochter gefallen war und ich gleichſam eine Art von Sühne ſah in meiner Demuth. Dieſe Leute waren keine gewöhnlichen Bettler. Ich entdeckte bald, daß ſie ſehr verſchieden waren von den Land⸗ ſtreichern, die ſich im Sommer um das Haus herumtreiben, bettelnd oder ſtehlend, je nachdem ſich die Gelegenheit bietet. Die Frau war ein hübſch ausſehendes, ſanftes Geſchöpf, die ſehr dankbar ſchien für jede Freundlichkeit. Sie war noch nicht lange von einer ernſten Krankheit geneſen, wie der Gatte mir erzählte, und ihr leidendes Ausſehen beſtätigte ſeine Angaben. Der Mann ſprach gut, wenn er auch gerade kein Gentleman war, und ſeine Kleider, obgleich faſt bis zu Lumpen ab⸗ getragen, waren nicht die Kleider eines Arbeiters. Ich dachte, daß er ein Advokatenſchreiber ſei oder vielleicht, nach ſeiner, Redegewandtheit, ein herabgekommener Methodiſten⸗Prediger.“
„Dann ſprach er wohl wie ein Mann, der gewöhnt iſt, öffentlich zu ſprechen?“ ſagte Maurice.
„Ja, das war der Eindruck, den er auf mich machte,“ er⸗ widerte Mrs. Trevanard.„Ich ging nach dem Hauſe zurück, nachdem ich es ihnen auf dem Heuboden bequem gemacht,“ fuhr ſie fort,„und die ganze Nacht lag ich wach und dachte nach über die Leute. Sie ſchienen mir wie vom Himmel ge⸗ fallen, ſo plötzlich und unerwartet waren ſie gekommen; und es kam mir in dieſer ermüdend langen Nacht in den Kopf, daß ſie die Werkzeuge wären, welche die Vorſehung mir ge⸗ ſendet, um mir zu helfen in meinem Kummer. Ich hatte noch keinen klaren Gedanken darüber, was ſie für mich thun könnten,


