Concordia.
ehrenhaften Antrag anzuhören. Nun, eines Tages brachte mir Muriel einen Brief, den ſie von ihrer früheren Lehrerin empfangen und worin ſie gebeten wurde, gegen das Michaelis⸗ Feſt auf eine oder zwei Wochen zu ihr in die Schule zu kommen. Dieſe Schule liegt gerade außerhalb Seacomb, ein ſchönes Haus, das in einem Garten ſteht, und ſie hatte wenig Zöglinge, die nicht Gentlemen⸗Töchter oder wenigſtens Töchter von reichen Farmern aus der Nachbarſchaft waren. Dabei ſtand die Schule von Miß Barlow bei den Leuten in hoher Achtung, und ich fühlte mich durch dieſe Einladung geſchmeichelt.“
Abermals folgte eine Pauſe und ein Seufzer, und es ver⸗ ſtrichen einige Minuten gedankenvollen Schweigens, ehe Mrs. Trevanard wieder begann.
„Muriel war ſehr erregt über dieſe Einladung. Ich er⸗ innere mich der hellen Röthe auf ihren Wangen, als ſie mir den Brief zeigte, und wie neugierig und halb athemlos ſie war, als ſie mich fragte, ob ich ihr erlauben würde, hin⸗ zugehen, und ob ich dächte, daß der Vater beiſtimmen würde. „Nun, Du biſt ſehr begierig, von uns fortzulaufen, Muriel,“ ſagte ich,„aber es iſt nicht anders zu erwarten. Borcel⸗End muß für Dich ſehr langweilig ſein.“—„Nein, wirklich nicht, Mutter,“ antwortete ſie raſch,„Borcel⸗End iſt mir ein ſo lieber Ort, und ich bin hier ſehr glücklich geweſen; aber ich möchte doch gern Miß Barlow's Einladung annehmen.““
„Sie ſtimmten bei, denke ich,“ ſagte Maurice.
„Ja; es wäre auch zu dieſer Zeit für uns nicht leicht ge— weſen, ihr irgend etwas, das ſie verlangte, zu verweigern. Und ich denke, ihr Vater und ich waren ſtolz darauf, daß eine ſo gebildete Perſon, wie Miß Barlow, ſie zu ihrer Freundin machte. So fuhr an einem ſonnigen Morgen, zum Beginne des Michaelis⸗Feſtes, mein Mann Muriel hinüber nach Sea⸗ comb, und ließ ſie bei Miß Barlow. Sie ſollte vierzehn Tage bleiben und der Vater am Ende des Beſuches ſie ab⸗ holen; aber ehe die vierzehn Tage vorüber waren, hatten wir einen Brief von Muriel, worin ſie bat, ihren Beſuch auf drei Wochen ausdehnen zu dürfen, und zugleich ſchrieb, daß ihr Vater ſich mit dem Abholen keine Mühe zu machen brauche, da Miß Barlow Alles arrangiren würde, ſie nach Hauſe zu ſenden. Dies verletzte Michael ein wenig, der auf ſeine Tochter ſo ſtolz war.„Ich dachte, Muriel würde froh ſein, ihren Vater nach einer Trennung von vierzehn Tagen wieder⸗ zuſehen,“ ſagte er.„Sie war doch ſonſt immer erfreut, wenn ich an Markttagen hinüberkam, und wenn ich eine Woche aus⸗ blieb, pflegte ſie mich unfreundlich zu nennen und mir zu ſagen, wie ſie ſich gegrämt, mich nicht zu ſehen. Aber ich denke, die Dinge haben ſich verändert, ſeit ſie ein Fräulein geworden iſt.““
„Kam ſie zu der verſprochenen Zeit zurück?“
„Nein, es waren zwei oder drei Tage über die drei Wochen, als ſie zurückkehrte. Sie kam in einem Miethwagen von Seacomb, und ich hatte ſie niemals ſchöner und mehr einer Lady gleich geſehen, als wie ſie ausſah, da ſie aus dem Wagen ſtieg. „Ach,“ dachte ich mir,„ſie ſieht aus, als ob ſie dazu geboren wäre, eine hohe Stellung in der Geſellſchaft einzunehmen.“ Dabei dachte ich an Kapitän Penwyn und was für eine Partie es für ſie ſein würde. Ich dachte auch nicht im Geringſten, daß er zu gut wäre für ſie.„Man weiß nicht, was geſchehen mag,“ ſagte ich zu mir ſelber. Nun, von dieſer Zeit an hatte
ſie ein ſeltſames Benehmen an ſich, zuweilen war ſie voll
Heiterkeit und Glück und dann wieder niedergeſchlagen. Ihre Großmutter bemerkte die Veränderung und ſagte, es wäre die Folge von Ueberbildung.„Ihr habt Euer Kind ſo auferzogen, daß es allerlei Wünſche und Phantaſien hat, die Ihr nicht verſtehen und befriedigen könnt,“ ſagte ſie,„und Ihr habt es für das Zuhauſebleiben verdorben.“ Ich wollte das nicht glauben, doch nach einiger Zeit konnte ich deutlich genug ſehen, daß Muriel nicht glücklich war.“
Wieder ein ſchwerer Seufzer und eine kurze Pauſe.
„Kapitän Penwyn verließ Cornwall um dieſe Zeit, um zu ſeinem Regimente in Kanada zu gehen, und nachdem er fort war, bemerkte ich, daß Muriel's Niedergeſchlagenheit, die früher ſich nur manchmal gezeigt, fortdauerte. Sie kämpfte augenſcheinlich mit ihrem Kummer, verſuchte es, ſich mit ihren Büchern und ihrem Piano zu unterhalten, bemühte ſich viel um ihren kleinen Bruder Martin, aber es war nutzlos. Ich ging oft in ihr Zimmer und fand ſie in Thränen. Ich fragte ſie um die Urſache ihrer Traurigkeit, aber ſie fertigte mich immer mit irgend einer Antwort ab: ſie hätte ein Buch geleſen, das ſie ſo aufgeregt, oder ein Muſikſtück geſpielt, das ſie immer weinen mache; und ich bemerkte, daß ſie um dieſe Zeit ſelten etwas ſpielte, das nicht melancholiſchen Charakters war. Wenn ſie etwas fröhlich und heiter begann, brach ſie gewöhnlich bald damit ab, und ihr Vater fragte ſie oft, was aus all' ihren lieblichen Tönen geworden ſei. Plötzlich fiel es mir ein, daß ſie vielleicht eine Neigung zu Kapitän Penwyn gefaßt, ſo wenig ſie auch einander geſehen hatten, und daß ſie ſich über ſeine Abweſenheit gräme. Aber ich dachte, dies würde zu thöricht ſein für unſere Muriel. Oder veelleicht hatte er ſie durch ſeine Gleichgiltigkeit verwundet? Ein Mäd⸗ chen, daß ſo ſehr an Bewunderung gewöhnt, wie ſie, konnte erwartet haben, ihn zu erobern. Ich dachte ſtundenlang über die möglichen Urſachen dieſer Traurigkeit nach, während ich im Hauſe umherging, aber in allen meinen Gedanken an Muriel kam ich niemals auf etwas, das der entſetzlichen Wahrheit ſich näherte.“
Sie hielt inne, preßte ihre Hände vor's Geſicht und fuhr dann eilig fort:
„Eines Nachts, als Muriel an dieſem Herde ſaß, mit ihrem Bruder auf den Armen, und ihm vorſingend, begann ſie plötzlich heftig zu weinen. Ihr Vater ward vor Angſt ganz außer ſich, und machte dadurch die Sache nur noch ſchlimmer; ich aber legte meinen Arm um ſie und führte ſie nach ihrem Zimmer. Als wir da allein waren, ſank ſie an meine Bruſt und dann kam die entſetzliche Wahrheit heraus. Ein Kind ſollte in dieſem Hauſe geboren werden— ein Kind, deſſen Geburt verborgen werden mußte und deſſen Vaters Name niemals ausgeſprochen werden ſollte.“
„Sagte ſie die ganze Wahrheit?“
„Sie erzählte mir nichts. Es war ein Geheimniß— ſagte ſie— ein Geheimniß, das zu bewahren ſie feierlich ge⸗ ſchworen, komme, was da wolle. Sie bat mich, ihr zu ver⸗ trauen, an ihre Ehre zu glauben, trotz Allem, das ſie zu ver⸗ urtheilen ſcheine. Sie bat mich, ſie irgendwohin zu ſenden, nach einem ruhigen Winkel der Erde, wo Niemand ihren Namen kenne. Aber ich ſagte, es ſei kein Winkel der Erde ſo geheim und verborgen, daß Schimpf und Schande ihr nicht folgen würden, und kein Verſteck ſo ſicher, als das Haus ihres Vaters.„Wenn Du ſortgehen würdeſt, müßte Dich dies allein ſchon in's Gerede der Leute bringen,“ ſagte ich.“


