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erlauben.
Concordia.
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waren, eine Schlinge des Böſen zu werden. Muriel war ſo geſchickt als ſie ſchön war. Sie war immer an der Spitze ihrer Klaſſe, ſie war die Gewinnerin aller Preiſe. Ihr Vater und ich pflegten ihre Briefe wieder und wieder zu leſen, und ich denke, wir Beide arbeiteten um ſo härter, indem wir dem Tage entgegenſahen, an dem Muriel irgend einen Gentleman⸗ Farmer heiraten und eine ſchöne Ausſteuer nöthig haben würde. Wir waren ganz zufrieden mit unſerer eigenen Lage, aber wir hatten Muriel die Erziehung einer Lady gegeben und rechneten darauf, daß ſie eine ehrenhafte Heirat über unſerer eigenen Stellung machen würde.
„Nach Allem iſt ſie eine Trevanard,“ pflegte ihr Vater zu ſagen,„und die Trevanard's kommen von einem ſo guten Stamme, als irgend wer in Cornwall— auch die Penwyn's nicht ausgenommen.“
Nun, die Zeit kam, daß Muriel nach Hauſe zurückkehren mußte. Sie hatte nicht viele von den Feiertagen zu Hauſe zugebracht, denn es gab immer Kolleginnen aus den beſten Häuſern, die ihre Geſellſchaft wünſchten, und wenn ſie bei vornehmen Leuten eingeladen wurde, ſagte ich dagegen nicht Nein, und ihr Vater ſagte, es wäre gut für ſie, ſich Freunde in der vornehmen Welt zu machen. So brachte ſie ihre Ferien⸗ zeit meiſt auf Beſuchen zu, trotz der alten Mrs. Trevanard, die immer darüber murrte und ſagte, es käme nichts Gutes davon, wenn Leute ihre eigene Stellung vergäßen. Aber nun war die Zeit gekommen für Muriel, ihren Platz am häus⸗ lichen Herde einzunehmen und unſer gewöhnliches ruhiges Leben zu theilen.“
Mit einem tiefen Seußzer hielt die Mutter inne, ſich der ver⸗ gangenen Zeit und der entſchwundenen Schönheit ihrer Tochter erinnernd— des ſchönen Geſichts, das ihr ſo oft zugelächelt mit dem glücklichen mädchenhaften Lachen und der fröhlichen jungen Stimme, der Atmoſphäre von Jugend und Heiterkeit, welche die Rückkehr Muriel's der ernſten alten Heimſtätte gebracht.
„Ihre Großmutter hatte erklärt, daß Muriel zu Hauſe traurig und unzufrieden ſein würde, daß wir einen großen Fehler gemacht, ſie über ihrem Stande und ihrer Stellung erziehen zu laſſen, und ſie zu verderben, indem wir ihr falſche Anſichten in den Kopf ſetzten, und noch Mehreres dieſer Art.
Aber Muriel zeigte ſich nicht unzufrieden, als ſie zu uns kam.
Sie nahm ihren Platz ſo natürlich als möglich ein, ſprach den Wunſch aus, mir in der Wirihſchaft zu helfen und ſich in Allem, wo ſie konnte, nützlich zu machen. Aber ich war zu ſtolz auf ihre Schönheit und Schicklichkeit, um ihr das zu „Nein, Muriel,“ ſagte ich,„Du biſt als eine Lady erzogen worden, und Du ſollſt auch jetzt, da Du nach Hauſe gekommen biſt, nicht weniger ſein. Dein Leben hier mag ſehr langweilig ſein, dem iſt nicht abzuhelfen, aber es ſoll doch das Leben einer Lady ſein! Du magſt Piano ſpielen, Deine Bücher leſen, oder feine Handarbeiten machen, aber Niemand ſoll je ſagen, daß Du Dich mit Wirthſchafts⸗ oder Hausarbeit zu beſchäftigen nöthig haſt. Und als ſie meinen Willen kannte, gab ſie nach und lebte wie eine Lady. Ihr Vater kaufte ihr ein Piano, welches noch in unſerem beſten Zimmer ſteht. Er gab ihr Geld, ſich alle Bücher anzuſchaffen, die ſie wünſchte. In der That hätte ſie nichts von ihm verlangen können, das er ihr verweigert haben würde, denn ex⸗war ſo ſtolz auf dieſe ſeine einzige Tochter und ſo zärtlich gegen ſie.“
„Sie brachte Ihnen alſo Glück im Beginne?“ ſagte Maurice.
„Ja, es konnte kein beſſeres Mädchen geben, als Muriel es war im erſten Jahre, nachdem ſie die Schule verlaſſen. Sie war immer daſſelbe ſüß lächelnde Geſchöpf, voll Leben, die das alte Haus niemals langweilig fand, ſich Tag für Tag mit ihren Büchern amüſirte, durch die Felder ſpazierte und längs des Meeresufers, zuweilen allein, zuweilen mit ihrem kleinen Bruder, um Geſellſchaft zu haben.“
„Sie war ihrem Bruder ſehr zugethan, glaube ich?“
„Ja, ſie liebte Martin von ganzem Herzen. Sie lehrte ihn leſen und ſchreiben und rechnen und erzählte ihm des Abends hübſche Märchen, wenn ſie mit ihm am Kamine ſaß. Sie ſang ihn manche Nacht in Schlaf. Sie nahm mir wirk⸗ lich alle Sorge für ihn aus den Händen. Auch mit ihrer Großmutter kam ſie ganz vortrefflich aus, und da die alte Frau nichts zu thun hatte, waren ſie und Muriel oft bei⸗ ſämmen und Gefährten. Mrs. Trevanard war in jener Zeit nicht blind, aber ihr Geſicht war ſchwach und ſie war froh, daß ſie Muriel hatte, die ihr vorlas. Dabei ſchien unſer Daheim heiterer und glücklicherer, nachdem Muriel zu uns ge⸗ kommen war. Vielleicht waren wir nicht demüthig genug oder nicht dankbar genug für unſer Glück. Wie dem auch ſein mag, der Kummer kam bald.“
„Wie begann das Uebel?“
„Wie es beinahe immer der Fall iſt. Es ſtahl ſich in unſeren Kreis, ohne daß wir es gewahr wurden, wie ein Dieb bei der Nacht. Der älteſte Sohn des Squire, Kapitän Pen⸗ wyn, kam auf Urlaub nach Hauſe, ehe er mit ſeinem Regimente aus dem Lande ging, und brachte einen großen Theil ſeiner Zeit mit Angelfiſcherei an den Flüſſen der Umgegend zu. Es war ein prächtiges Sommerwetter und wir waren überraſcht, daß er ſich ſo viel in der Umgegend unſeres Hauſes aufhielt, beſonders da die Leute ſagten, daß er und ſein Vater nicht gut miteinander auskämen. Dann und wann an einem warmen Nachmittage kam er zu uns herein, nahm einen Trunk Milch und ſaß und plauderte eine halbe Stunde oder länger. Er war ein vollkommener Gentleman oder ſchien wenigſtens ein ſolcher. Er war mit einem Worte gerade der letzte Mann, der in einem Vater oder einer Mutter den Gedanken hätte erwecken können, daß man vor ihm die Thür ſchließen müſſe. Sein Betragen gegen Muriel war ſo achtungsvoll, als ob ſie die größte Lady im Lande geweſen wäre, aber er und ſie hatten einander natürlich viel zu ſagen, denn ſie war als Lady erzogen und fähig, Alles zu verſtehen und zu würdigen, was er ſagte.“
Mrs. Trevanard hielt inne. Sie näherte ſich dem pein⸗ lichen Theile ihrer Geſchichte und hatte nöthig, ihre Kraft zu neuer Anſtrengung zu ſammeln.
„Der Himmel weiß, ich hatte weder Furcht, noch einen Gedanken daran zu der Zeit, als die Sorge über uns kam. Ich beſaß vollkommenes Vertrauen in Muriel. Hätte ich ſie von Dutzenden von Bewunderern umgeben geſehen, ich würde keine Angſt gefühlt haben. Sie war eine Trevanard, und die Trevanard's waren immer durch ihre Schönheit und ihren Stolz bekannt geweſen. Kein weibliches Mitglied dieſes Hauſes hatte ſich jemals ſelbſt erniedrigt und ſeinen guten Namen verloren. Und ſie kam auch von mütterlicher Seite von einem guten Stamme. Das Letzte, woran ich gedacht hätte, wäre geweſen, daß meine Tochter ſich je ſo erniedrigen könnte, einen un⸗
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