434 Concordia.
„Vertrauen Sie mir, Mrs. Trevanard.“
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„In der That, nein! Ihr Gatte und Ihr Sohn, und Alle um Sie wünſchen ernſtlich Ihre Wiedergeneſung. Aber Sie haben an dieſer ernſten Krankheit ſo lange gelitten, ohne daß eine Beſſerung eintrat, daß ſich wohl eine natürliche Beſorgniß
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erheben mußte—“ „Sie haben recht,“ ſagte ſie mit einem düſteren Blick.
„Ich fühle, daß mein Urtheil geſprochen iſt.“
„Es wird Ihre Tage nicht verkürzen oder die Möglichkeit Ihrer Wiedergeneſung nicht verringern, wenn Sie ſich auf das Schlimmſte vorbereiten, Mrs. Travanard,“ ſagte Maurice, entſchloſſen, die Frage zu einer Entſcheidung zu bringen. chiebt es auf, ſein Teſtament zu machen, von einer dunklen Anſicht beeinflußt, daß dies ihm den Tod näher bringen könnte, und dann endet er eines Tages plötzlich Wir müſſen Alle ſterben; warum ſollten wir uns alſo auf den Tod nicht vor⸗
„Mancher Menſch ſ
und ſeine Wünſche bleiben unerfüllt.
bereiten?“ „Ich dachte, ich wäre vorbereitet,“ erwiderte Mrs. vanard,„weil ich an der heiligen Schrift feſthielt.“
Tr
„Das Evangelium legt uns gewiſſe Pflichten auf, und wenn dieſe Pflichten unerfüllt bleiben, wird es uns wenig helfen, an der Bibel feſtzuhalten. Nicht das Leſen der Bibel ondern das Leben nach
iſt es, das uns zu Chriſten macht, ſ ihren Lehren.“
„Sie ſprechen kühn zu⸗ mir,“ ſ ob Sie wüßten, daß ich eine Sünderin ſei.“
„Ich weiß nichts über Sie, Mrs. Trevanard— ausge⸗ nommen, daß Sie eine gute Gattin und eine gute Mutter geweſen zu ſein ſcheinen.“ Bei dem Worte„Mutter“ zuckte Brigitta Trevanard zuſammen, als ob eine alte Wunde berührt
worden wäre.
„Aber ich glaube, das Sie eine ſchwere Bürde auf Ihrem ort,„und daß Sie weder Ruhe noch Frieden haben werden, bis Sie ſich dieſer Laſt entledigen.“
„Sie ſind ein kluger Beurtheiler,“ ſagte Mrs. Trevanard bitter.„Wie kamen Sie dazu, ich bitte, ſo von mir zu denken?“
„Dieſe Ueberzeugung wuchs aus verſchiedenen Umſtänden empor, mit denen ich Sie nicht zu beunruhigen wünſche. Ich ſtudire die Menſchheit, Mrs. Trevanard, ich beobachte ſcharf aus Gewohnheit. Ich bitte, ſetzen Sie nicht voraus, daß ich Sie beſonders bewacht oder den Spion an Ihrem häuslichen Herde geſpielt habe. Seien Sie verſichert, daß ich kein anderes
Herzen haben,“ fuhr Maurice f
Gefühl, als das der Freundſchaft für Sie hege, daß ich Ihren Kummer gern mit Ihnen theile. Und wenn Sie mir
vertrauen könnten—“
„
Trevanard.„Wenn irgend Einer auf Erden wäre, dem ich zu vertrauen wagte, an deſſen ehrliche Freundſchaft ich glauben könnte, deſſen Wort ich die Ehre eines höchſt unglücklichen Haushaltes anvertrauen könnte, der Himmel weiß, ich würde
t ſchwach und
mich ihm freudig zuwenden. Mein Gatte iſt
hilflos, ein Mann, der ein bitteres Geheimniß jeder Bekannt⸗ ſchaft, die er hat, verrathen würde, der auf Andere ſähe, ihn aus Schwierigkeiten zu ziehen, und ſein Unglück zum Geſpräche aller Leute zu machen. Mein Sohn iſt hitzköpfig und ungeſtüm, er würde ſich den Kummer zu tief zu Herzen nehmen und ſich durch eine Thorheit verrathen, ehe ich kalt in meinem Grabe wäre. Nein, in meinem Hauſe iſt Niemand, dem ich
mich anzuvertrauen wagte.“
Tre⸗
agte die kranke Frau,„als
Wenn ich Ihnen vertrauen könnte!“ wiederholte Mrs.
V Sie ſah ihn mit ihren melancholiſchen Augen an, als ob ſie alle Geheimniſſe ſeines Herzens durchdringen wollte. V„Sie ſind ein Mann von Welt,“ ſagte ſie,„und deshalb
könnten Sie fähig ſein, mir in einer ſchwierigen Angelegenheit V Hilfe und Rath zu geben. Sie ſind ein Gentleman, und daher werden Sie ein Familiengeheinmiß nicht verrathen. Aber welchen Grund können Sie haben, ſich für meine Angelegen⸗ heiten zu intereſſiren? Warum ſollten Sie ſich wegen meiner und der Meinigen Mühe machen?“ „Zuerſt, weil ich Ihrem Sohne aufrichtig zugethan bin, und zweitens, weil ich ein tiefes Intereſſe an Ihrer unglück⸗ V lichen Tochter gefühlt habe.“ Bei dieſem Worte fuhr die Mutter aus ihrer liegenden Stellung empor und ſah den Sprecher ſcharf an.
„Muriel!“ rief ſie aus.„Ich wußte nicht, daß Sie dieſe je geſehen haben!“ V„Ich habe ſie geſehen und mit ihr geſprochen. Ich traf ſie eines Abends im Garten und ſprach mit ihr.“ „Worüber ſprach ſie?“ „Ueber Sie— und— ihr Kind⸗ Dies war ein Schuß von ungefähr, aber er traf ſein Ziel. „Großer Gott! Sie ſprach zu Ihnen davon? Ein Ge⸗ Heimniß, das zu verbergen ich ſtets beſtrebt geweſen, das mir V ſo viele ſchlafloſe Nächte verurſacht! Und ſie erzählte es Ihnen — einem Fremden?“ „Ich ſprach zu ihr über Sie, aber bei dem Worte„Mutter“ bebte ſie mit einem Blicke des Entſetzens zurück.„Sprechen Sie mir nicht von meiner Mutter,“ rief ſie;„was hat ſie V mit meinem Kinde gethan?“ Dieſe Sprache machte einen tiefen Eindruck auf mich, wie Sie ſich vorſtellen können. Die Erinnerung daran machte mich heute ſo kühn, Sie um Ihr BVertrauen zu erſuchen.“ I„Ich rettete den guten Namen dieſes unglücklichen Mädchens,“ ſagte Mrs. Trevanard. V„Damit erfüllten Sie ohne Zweifel die Pflichten einer MNutter. Aber war es die Aufrechthaltung dieſes guten Namens, welche den Verluſt ihres Verſtandes verurſachte?“ „Ich weiß es nicht. Es iſt eine unglücktiche Geſchichte voon Anfang bis zu Ende. Aber nachdem Sie ſo viel wiſſen, kann ich Ihnen wohl noch den Reſt anvertrauen; und wenn Sie Alles gehört haben und denken, daß hier ein Unrecht gut zu machen iſt, werden Sie mir helfen, das zu thun.“
„Sie dürfen meiner äußerſten Bereitwilligkeit ſicher ſein, wenn Sie mir vollſtändig vertrauen werden.“ „Sie ſollen Alles hören,“ ſagte Mrs. Trevanard entſchieden. Sie nahm ein wenig von einem kühlenden Tranke, der immer für ſie auf dem Tiſche bei ihrenmn Lehnſtuhle bereit ſtand, dann begann ſie die Geſchichte ihres Familienkummers. „Sie haben Muriel geſehen,“ ſagte ſie,„und in ihrem welken Antlitz wohl ſchwache Spuren ihrer ehemaligen Schön⸗
heit gefunden. Mit achtzehn Jahren war ſie eine Schönheit. Sie hatte ein Angeſicht, das Jedem geſiel und Jeden anzog,
der ſie ſah. Ihre Lehrerin ſchrieb mir Briefe über die Be⸗
wunderung, die ſie an den Prüfungs⸗Tagen erregte, wenn die vornehmen Leute, die ihre Töchter in derſelben Schule hatten, der Preisvertheilung beiwohnten. Ich war ſchwach genug, Thränen der Freude über dieſe Briefe zu vergießen— ſchwach genug, ſtolz zu ſein auf Gaben, welche beſtimmt


