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Concordia.
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als könne ihn ſein Entſchluß reuen, auf dem Wege zu Cornelie porwärts.
Sie ſaß an ihrem Schreibtiſche, leere und beſchriebene Blätter vor ſich. Als die Thür ſich lautlos öffnete, blickte ſie ſich nicht um; denn ſie vermuthete Minna in dem Eintretenden und ihre Gedanken waren ſo weit von der Gegenwart ent⸗ fernt, daß ſie kaum das Oeffnen und Schließen der Thür hörte. Dachte ſie doch an die fröhliche Zeit, wo ſie mit Doktor Schmidt jenen drolligen Plan entworfen, wo ſie mit ihm geſcherzt und gelacht und noch ihre innerſten Gedanken ausſprechen konnte, ohne befürchten zu müſſen, mißverſtanden zu werden. Dachte ſie doch daran, wie ſehr ſie jetzt den Umgang mit dem werthen Manne vermißte, dem einzigen, dem ſie eigentlich nähergetreten, zu dem ſie volles Vertrauen gehabt und deſſen angenehmen, lieben Umgang ſie jetzt ent⸗ behren mußte, weil ſie in einer tollen, übermüthigen Laune, in dem Aerger über kleine Verdrießlichkeiten einen Schritt gethan hatte, den ſie eben nur vor ſich und ihm verantworten konnte, wenn ſie ſich gänzlich von ihm fernhielt und ſo die ſtrenge
Greuzlinie feſthielt, die ſie gegenſeitig aufgerichtet hatten. Nichts,
Was hatte ſie nun mit jenem Schritt gewonnen?—
gar nichts, als daß ſie den für Viele lächerlichen, alten Jungfernſtand umgangen hatte, daß ſie Frau hieß, ohne es zu ſein, und es auch nie werden konnte, noch wollte; und oft verwünſchte ſie eine Handlung, die ſie nur eines Freundes beraubt, ohne ihr dafür etwas Beſſeres zu geben, welche noch dazu ſie in Seelenſtimmungen verſetzte, die ihr ehemals ganz fern geblieben.
Schmidt— denn ihm hatte Minna geräuſchlos die Thür geöffnet— hatte ſich Cornelien leiſe genähert, und als er dicht hinter ihr ſtand, begann er leiſe zu huſten, um ſeine Anweſenheit kundzugeben; raſch drehte ſie ſich um, und hoch⸗ erröthend ſtreckte ſie ihm die Hand entgegen.
Er blickte ſie mit einem ſeltſamen Lächeln an, und indem er ihre Hand feſt in der ſeinen behielt, begann er:„Entweder, Cornelie, halten Sie unſeren Vertrag ganz ordentlich und werden wieder wie früher meine gute Freundin, mein lieber Kamerad, oder— 3
Sie blickte erſchreckt zu ihm auf.„Oder?“ fiel ſie zitternd ein.
„Wir brechen ihn— ganz gründlich— und machen aus dem Scherze Ernſt! Ich danke beſtens dafür, anſtatt Dank
zu ernten, mich treulos meuchlings verlaſſen zu ſehen, und wenn es Dir recht iſt, ſo—“
Mit einer ſchnellen Bewegung war er ihr ganz nahe ge⸗ treten, und ſeine Arme um ſie ſchlingend, drückte er ſie feſt und innig an ſich, ohne daß ſie ſich dagegen ſträubte, ihr Geſicht, das wie in Purpur getaucht erſchien, zu ſich emporziehend.
Mit einem glücklichen Lächeln ſchmiegte ſie ſich an ihn an und ſchelmiſch meinte ſie:„Was meinſt Du, ſoll ich jetzt, laut unſeres Vertrages, die Eheſcheidungsklage einreichen? Wollen wir unüberwindliche Abneigung vorſchützen?“ worauf er ſeine Lippen feſt auf die ihren preßte, und indem er das Papier aus ſeiner Brieftaſche zog, flüſterte er:„Vernichtung— heißt die Parole. Ein Autodafé wollen wir vollführen, wobei die Flammen unſeres Herzens mit auflodern müſſen, um die Ver⸗ nichtung ganz zu vollbringen. Sprich, Cornelie, willſt Du
dem Beiſpiel, das ich Dir gebe, folgen,— willſt Du jene abſcheulich lächerlichen Ehepakten vernichten, wie ich es in dieſem Augenblicke thun will?“
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„Auf die Gefahr hin, daß wir es einſt bereuen— ja, es ſeil Verſunken und vergeſſen, das ſei der Akten Fluch,“ lachte ſie,„aber nicht heute, nicht gleich; bedenke den weiten Weg, den Du aus Amerika zurückzulegen haſt, und die Vor⸗ bereitungen, die ich— zum Empfange des Gatten, den ich,“ fügte ſie innig hinzu,„von Herzen lieb habe, treffen muß.“
„Alſo gut! Doch, Cornelie, binnen wenigen Tagen laſſe ihn heimkehren; denn— ſeine Sehnſucht nach ſeinem Weibe iſt rieſengroß.“
Noch einen zärtlichen Kuß preßte er auf ihre Lippen, noch einmal drückte er ſie an ſich, dann eilte er weg, um aber am anderen Tage und ſo eine volle Woche hindurch täglich wieder⸗ zukommen, bis denn Cornelie ſeinen zärtlichen Blicken nachgab und mit tiefem Erröthen ihm zuflüſterte:„Heut' Abend wollen wir denn das Vernichtungswerk beginnen; ich erwarte Dich und Deine beiden Freunde zum Souper. Sie waren, Zeugen unſeres damaligen Vertrages, ſie ſollen Zeugen unſeres Glückes ſein!“
Minna hatte nach jenem erſten Beſuche des Doktors mit einem komiſchen Ausdruck in dem runzligen Geſicht Cornelie gefragt:„Iſt denn der Doktor ooch wirklich verheiratet und lebt denn ſeine Frau?“ worauf Cornelie ganz ernſt erwidert hatte: „Ja, meine Theure, ſie lebt und freut ſich ihres Daſeins!“ was allerdings ein ſehr bedenkliches Kopfſchütteln bei Minna hervorgerufen hatte, da ſie, dem inneren Drange folgend, durch das Schlüſſelloch geguckt hatte und daher Zeuge der Zärtlichkeiten zwiſchen ihrer Herrin und dem Doktor wurde.
Als an dem bewußten Abende Cornelie, Doktor Schmidt und die beiden Freunde, Doktor Sauer und Aſſeſſor Fröhlich, in der luſtigſten Stimmung. der Welt in dem traulichen Wohnzimmer Corneliens ei einem trefflichen Abendeſſen und vorzüglichem Weine beiſammenſaßen, als unter einer feierlichen Rede, die Sauer mit einem unvergleichlich ſalbungsvollen Tone ſprach, die beiden Verträge der jungen Eheleute auf einem kleinen, in dem Kamin angezündeten Scheiterhaufen verbrannt worden waren, da trat Minna plötzlich ein, und indem ſie vor Cornelie hintrat, rief ſie:„Aber Cornelchen, wat wird denn Ihr Mann in Amerika zu die Geſchicht ſagen— und die Frau vom Doktor? Ick weeß nich, ob ie
dazu ſchweigen darf, und ob ſich des mit Ihren Grundſätzen verträgt.“ 3
„Beruhige Dich, ich kann mit vollem Rechte thun, was ich thue; denn hier ſiehſt Du meinen Mann, der ſoeben aus Amerika zurückgekehrt iſt“— ſie deutete auf Schmidt—„und hier ſtelle ich Dir ſeine holde Gattin vor, die Dir erlaubt, ihr noch einmal zu gratuliren!“
„Alſo is doch der Herr Schmidt derſelbe, den Sie dazu⸗ mal heirateten! Faſt habe ick mir's jedacht, und es freut mir, daß er's is; denn ufrichtig, ick hätte mein Vornelchen keenem Andern jegönnt. Na, aber ſo'wat is mir noch nich vorge⸗ kommen, und mein oller Kopp kann's noch nich recht begreifen! Herr bei uns oder—“
Bleibt denn nu unſer
Cornelie legte ihre Hand auf Minna's Mund.„Das wird ſich finden; jetzt trinke ein Glas Wein auf unſer Wohl und denke nicht allzu viel darüber nach, in einigen Tagen ſoll ſich Dir das Räthſel löſen.“
„Es leben die Civilehen,“ rief Fröhlich, ſein Glas erhebend, „denn ohne dieſe wäret Ihr Beide wohl niemals glücllich geworden. Ein Hoch dem iungen Ehepaar!“


