Jahrgang 
2 (1879)
Seite
432
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Kräftig ſtießen die Gläſer aneinander, und mit frohen, zufriedenen Herzen ſchieden für heute noch die jungen Eheleute, um nach wenigen Tagen, die ihnen pfeilſchnell verfloſſen, ſich für immer anzugehören.

Da gerade der Wohnungswechſel vor der Thür ſtand und Doktor Schmidt bei ſeiner Junggeſellenwohnung noch einige Zimmer leer fand, ſo wurden die nöthigen Vorbereitungen getroffen, und mit syyrhafter Freude führte unſer Hans Schmidt ſeine Cornelie in das freundlich hergerichtete Heim, und Minna ging ſchmunzelnd von einem Zimmer in's andere, indem ſie flüſterte:Na, nu is mir wohl! Mein Cornelchen is noch unter dise Haube jekommen und hat eenen braven Mann bekommen. Ob ſe nu vom Paſtor oder von eenem Standesmenſchen die Erlaubniß jekriegt hat, ihn zu nehmen, is ja janz eisjal. Aber unrecht war et doch, mir ſo 'wat vorzulügen. Det kommt von des Geſchichtenſchreiben, jetzt wird ſie es wohl bleiben laſſen.

Concordie.

Darin irrie Minna; denn unter dem geiſtigen Einfluß ihres Mannes, den ſie immer lieber und lieber gewinnt, wie er täglich und ſtündlich ſeine Wahl und ſeinen Entſchluß ſegnet, wird Cornelie reifer, und das gemeinſame Wirken und Streben der Eheleute macht ſie unendlich glücklich und führt ſie immer inniger zuſammen.

Sie ſind noch nicht gar lange verheiratet; aber wie es den Anſchein hat, werden ſie es nie berenen, die Demarkations⸗ linie überſchritten zu haben. Wenn die beiden Hausfreunde Sauer und Fröhlich zu den Freunden kommen, dann fühlen ſie ſo etwas wie Neid bei dem glücklichen, zufriedenen Daſein, das Hans Schmidt mit ſeinem ebenſo klugen wie guten Weibchen führt, und Minna freut ſich aus voller Seele des häuslichen Glückes Corneliens, das, wie Doktor Schmidt be⸗ hauptet, ſie ihr mit zu danken haben,denn ohne Minna's Einfluß, pflegte er zu ſagen,wärſt Du wohl nie mein Weib und ich nicht ſo glücklich geworden.

Plandereien.

Der böſe Blick.

In manchen Gegenden Deutſchlands, in Skandinavien und in Schottland, beſonders aber in Italien, iſt noch heutigen Tages der Aberglauben ſtark verbreitet, daß es Menſchen gäbe, deren Auge eine ſo dämoniſche Kraft beſitzt, daß Diejenigen, die ein Blick aus dieſem Auge trifft, von einem Unglück heimgeſucht werden. Es iſtder böſe Blick, wie der Volksmund ſich ausdrückt, und wer damit behaftet iſt, deſſen Nähe bringt Verderben. So wider⸗ ſinnig und ungereimt dieſe Sage auch iſt, ſo fügt doch der Zufall zuweilen eine Reihe von Vorkommniſſen aneinander, die dieſem Aberglauben neue Nayrung geben, wie nachſtehende kleine Ge⸗ ſchichte beweiſt. Zu den Lieblingen des Pariſer Publikums in der erſten Zeit des letzten franzöſiſchen Kaiſerreichs gehörte der Sänger Maſſol von der kaiſerlichen Oper zu Paris. Maſſol war ein eigenthümlicher Menſch, ein Sonderling, finſter, abgeſchloſſen, ſaſt unheimlich in ſeinem Weſen; in ſeinem dunklen Auge glühte ein düſteres Feuer und die Klügſten unter ſeinen Neidern raunten ſich zu, er habe den böſen Blick. Aber der Zauber ſeiner Stimme begeiſterte ganz Paris und namentlich die Damen ſchwärmten, trotz der dämoniſchen Eigenſchaft, die man dem Sänger zuſchrieb, für ihn. Zu den Repertoirſtücken der Oper gehörte damals Halevys König Karl der Sechste, und beſonders war es die beſte Nummer der Oper, das unter der Bezeichnungdie Flucherin bekannte Ge⸗ ſangsſtück, welche bei jeder Aufführung mit ſtürmiſchem Beifall belohnt wurde. Als Maſſol dieſe Arie das erſte Mal ſang, wandte er, dem Geiſte der Rolle folgend, den Blick himmelwärts, von den ewigen Mächten die Erfüllung ſeines gegen das Haupt des Feindes geſchleuderten Fluches fordernd. Athemlos lauſchte das Publikum dem Sänger, und als er geendet, brach ein, ſelbſt in dieſen Räumen nicht häufiger Jubel los. Aber plötzlich verſtummte der Applaus; aus der Höhe, wo Maſſol's Blick gehaftet hatte, ſtürzte ein armer Maſchiniſt herab auf die Bühne und ward als Leiche hinweg⸗ getragen. Das peinliche Aufſehen, welches der Vorfall verurſacht, war die Veranlaſſung, daß einige Zeit verging, ehe die Oper wieder zur Aufführung gelangte. Endlich ging ſie wieder über die Bühne und Maſſol, dem das traurige Ereigniß noch in lebhafteſter Er⸗ innerung war, richtete diesmal bei der Flucherin den Blick nicht zu den Soffiten, ſondern abwärts, nach den Sitzen der Muſiker. Kaum war der letzte Ton der Arie verklungen, als der Kapell⸗ meiſter Habeneck, ein geborener Eſſaſſer, ſich unwohl fühlte, nach Hauſe fuhr und am dritten Tage ſtarb. Lebhafter als bisher

tauchte jetzt das Gerüchr wieder auf, daß Maſſol mit dem böſen Blick behaftet ſei, und ſelbſt die Beſonnenen und Vernünftigen ſchwiegen gegenüber den nicht wegzuleugnenden Thatſachen. Als daher die Oper zum dritten Male angeſetzt war, vermochte das Haus die Zuſchauer kaum zu faſſen und viele Hunderte mußten zurückgewieſen werden. Man war auf's Aeußerſte geſpannt, ob die dämoniſche Flucharie abermals ein Opfer fordern werde. Nicht ohne eine gewiſſe innere Aufregung, aber mit der früheren düſteren, das Publikum hinreißenden Wirkung ſang Maſſol, das Auge auf die einzige leere Loge des Hauſes gerichtet. Dieſe gehörte einem jungen reichen Kaufmann, den die Vorbereitungen zu einer weiten Reiſe abhielten, das Theater rechtzeitig zu beſuchen. Erſt bei Be⸗ ginn der ominöſen Arie, einem Lieblingsſtück des Inhabers der Loge, betrat er dieſelbe, um ſie nach Beendigung des Geſanges wieder zu verlaſſen; er hat das Ziel ſeiner Reiſe nie erblickt, in einem franzöſiſchen Grenzſtädtchen traf ihn ein Herzſchlag, der einem Leben ein raſches Ende bereitete. Maſſol ſang von da an die Flucharie nicht mehr. Des Bühnenlebens überdrüſſig, hatte der Sänger endlich den Entſchluß gefaßt, ſich in's Privatleben zurückzuziehen; am 14. Januar 1858 wollte er ſich von dem Pariſer Publikum verabſchieden. Das Theater war von der vornehmſten Geſellſchaft des jungen Kaiſerreiches, Napoleon der Dritte und ſeine Gemahlin Eugenie an der Spitze, gefüllt, die den ſcheidenden Sänger, welcher Roſſini's OperTell als Abſchiedsvorſtellung ge⸗ wählt hatte, noch einmal zu hören. Als der Kaiſer nach der Aufführung die Stufen des Opernhauſes betrat, um zu ſeinem Wagen zu gelangen, da geſchah jenes furchtbare Attentat des Grafen Felix Orſini, das zwar das Leben Napoleon's, gegen das es gerichtet war, verſchonte, aber über hundert unſchuldige Per⸗ ſonen tödtete oder verſtümmelte. Eine grauenhafte Kataſtrophe beſiegelte das Verhängniß, welches mit Maſſol's Auftreten auf der Bühne verknüpft geweſen war. L.

(Ein Kompliment.) Frau(zum Kindermädchen):Aber ſage mir doch, liebe Auguſte, warum Du nicht mehr bleiben willſt; ich habe Dich ſo gern und der kleine Wilhelm hat Dich ſo lieb, daß wir beide Dich ſehr ſchmerzlich vermiſſen würden. Kindermädchen: Ja, gnädige Frau, es würde mir Alles behagen und ich würde auch gern bleiben, wenn nur der kleine Wilhelm hübſcher wäre. Die Leute auf der Straße könnten am Ende meinen, es wäre mein Kind, und da müßt' ich mich wirklich geniren.

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Verantwortlicher Redakteur; Otto Freita

Iin Dreoden. Verlag von Otto Freftag in Dresden. Druck von F. W. Gleißner in Dresder.