430 Concordja.
Gräfin, dann ritt man über die Zugbrücke durch das Thor auf den kleinen Schloßhof.
Cartouche ſprang vom Pferde und half ſeinem ſchönen Gaſte abzuſteigen; darauf führte er ſie in das Schloß, Bouchard den treuen Diener Etienne empfehlend.
So finſter und unheimlich das Gebäude von außen blickte, ſo eigenthümlich war es im Innern. Man ſah deutlich, daß für das Beſtehen des guten Ausſehens und der Einrichtung lange Zeit nichts gethan war, daß man aber in der Eile den Schaden auszuflicken geſucht. Das gab dem Ganzen eine Un⸗ ruhe, die ſich ſeinen Bewohnern nach und nach mittheilen mußte.— Trotz der lebhaften Unterhaltung des Wirthes fühlte ſich die Gräfin bei dem Diner nicht behaglich und er⸗ ſuchte endlich, Ermüdung vorſchützend, ihr das Zimmer, wel⸗ ches für ſie bereitet ſei, anzuweiſen.
„Erlauben Sie, daß ich Sie dahin führe,“ verſetzte Car⸗ touche, ſie mit glühenden Blicken betrachtend.
„Nicht doch, Herr Marquis,“ erwiderte ſie,„das würde Sie oder mich bloßſtellen. Befehlen Sie einem Ihrer Diener, mir zu leuchten und dem guten Etienne dann ſagen zu laſſen, daß ich ihn noch zu ſprechen wünſche.“
Sie verbeugte ſich tief— die Beiden trennten ſich. Car⸗ touche ſtarrte ihr leuchtenden Auges nach.
„Wahrlich, das iſt das ſchönſte Weib, welches ich je ge⸗ ſehen,“ floß über ſeine Lippen.
„Warum nimmſt Du ſie dann nicht in die Arme?“ bemerkte eine Stimme hinter ihm.„Sie iſt in Deiner Gewalt.“
Cartouche wandte ſich um, Grandéte ſtand vor ihm.
„Weshalb belauſcheſt Du mich?!“ rief er und zog die Brauen finſter zuſammen.
„Hauptmann, Du weißt, daß ich beim Eſſen aufwartete,“ entgegnete der Andere. Daun trat er ihm vertraulich näher.
„Erlaube, daß ich Dir rathe, obgleich nach unſeren Geſetzen
nur Gehorſam gegen Dich vorgeſchrieben.“
„Und was haſt Du mir zu ſagen, mein wackerer Karten⸗ künſtler?“ fragte Cartouche mit leiſer Ironie.
„Daß die Frau Gräfin ein ſchönes Weib iſt, daß ich es Dir nicht verdenke, wenn Du ſie zu Deiner Maitreſſe mit oder ohne ihren Willen machſt,“ antwortete Grandtste,„daß ich Dich aber warne, zu viel auf eine Karte zu ſetzen.“
Cartouche wollte ſeinen Spießgeſellen hart anlaſſen, als ſich die Thür öffnete und Bouchard eintrat.
„Dominique, ich mache Dich aufmerkſam, vorſichtig zu ſein, der Haushofmeiſter hat verdammt gute Augen— ich ſpielte mit ihm ſoeben eine Partie Pique und ließ ihn einen Thaler gewinnen, es war einer von der neuen Prägung, die mir Niemand tadeln wird. Was meinſt Du, was er that?“
„Nun, Bouchard?“—
„Er ſchob ihn mir zurück und erſuchte mich mit der größten Liebenswürdigkeit um anderes Geld, da dieſes zwar ſehr gut gemacht, aber doch falſch ſei.— Nicht möglich, rief ich, ich habe ihn aus Händen—— denen er mag auch unbewußt zugeſpielt ſein, unterbrach er mich... Ich fragte ihn ſodann, wie er die Falſchheit des Thalers beweiſen könne. ...Auf die einfachſte Weiſe, er iſt ein halbes Quentchen leichter und um den achten Theil einer Linie dicker, als ein echter Livre— die Prägung iſt meiſterhaft und auch der Klang ziemlich rein.“
„Wenn der Herr Etienne ſo ſcharf ſieht, ſo ſei auf Deiner Hut, daß mein Plan nicht geſtört wird. Wir werden uns hier einige Wochen aufhalten.“
„Verlohnt der Gewinn die Mühe?“ warf Grandtéte ein.
„Das iſt meine Sache. Denkt, daß ich zu befehlen und Ihr zu gehorchen habt.“(Fortſetzung folgt.)
Eine komiſche Geſchichte. Von O. Bach. (Schluß)
Minna'’s Worte:„Und wat meenen Se denn, mein Cor⸗ nelchen is eene ſehr gute Hausfrau und kann es mit jeder Köchin aufnehmen, trotz der ſcheenen Geſchichten, die ſe ſchreibt, und Sie ſollten ſe man ſehen, wie nett ſe ausſieht, wenn ſe vor der Kochmaſchine ſteht und, ohne ſich ſchwarz zu machen, mit de Töpfe'rumhantirt. Sie hätten Ihre Freede dran, un dabei ſingt ſe, wie'ne Lerche, und is immer luſtig;— bis ſe an ihren Mann denkt und den joldenen Ring an ihrem Finger betrachtet, dann ſeufzt ſe auf un de Freede hat ein Ende. Nee, Herr Döͤktor, ſo eenen Schafskop, wie der ihr Mann ſein muß, den jiebt es nur eenmal auf der Welt,“ klangen ihm wie ein Mahnruf vor ſeinen Ohren, und unwillkürlich mußte er Minna in ihrem Urtheil über Corneliens Mann beiſtimmen. Nur der in ihm feſtgewurzelte Gedanke, daß bei Cornelien die Heiratsſcheu eine echte und ihre Abneigung vor der Ehe in Wahrheit beſtände, während ſeine immer mehr und mehr ſchwand, war im Stande, ihn darüber zu beruhigen, daß er die Schuld daran trug, daß Cornelie ſich ſo ganz fern von ihm hielt und daß er in ſeinem Junggeſellentrotze und Junggeſellenübermuthe nur daran gedacht hatte, daß ſie ſich in ihn verlieben, daß ſie Mißbrauch mit den ihr geſetliich
eingeräumten Rechten treiben könne, während er ihr gegenüber riemals ein wärmeres Gefühl empfinden würde, kurzum, Hans Schmidt befand ſich oft in einer höchſt unbehaglichen Stim⸗ mung, unter der Alle litten, die mit ihm in Berührung kauten. Das Urtheil, daß ein alter Junggeſelle wahrhaft oft noch unleidlicher ſei als eine alte Jungfer, wurde oft genug über ihn gefällt, bis er dann endlich eines Tages einen energiſchen Entſchluß faßte, als Minna wieder bei ihm geweſen war und ihm erzählt hatte, daß Cornelie ſeit einiger Zeit ganz traurig wäre und den Ring von ihrem Manne auch nicht mehr trüge, überhaupt ängſtlich jedes Geſpräch über den Entfernten ver⸗ miede; wie ſie auch jetzt manchmal ganz unwirſch ſei und zu ihr neulich ſogar, als ſie, Minna, ihr von dem Herrn Doktor Schmidt etwas erzählte, ärgerlich geäußert habe:„Wenn Du noch einmal Dich unterſtehſt, mir etwas von dem Doktor zu erzählen, oder ihm von mir, dann ſind wir geſchiedene Leute“, und dabei purpurroth geworden ſei, während ihr die Thränen aus den Augen gerannt wären,„wie warmes Waſſer kocht und überlooft“.
Mit einem verſchmitzten Lächeln ging er über ſeine Papiere, ſteckte ein zierlich beſchriebenes zu ſich und ſchritt dann haſtig,
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