Jahrgang 
2 (1879)
Seite
407
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Concordia.

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denken konnte, ja ſie wußte es gar nicht, daß ihr der Doktor ſeit dem letzten Beſuch in der Redaktion viel lieber geworden war und ihre Eitelkeit einen gewiſſen Triumph gefeiert hatte, indem Schmidt eine Zärtlichkeit gewagt.

Uunwillkürlich fühlte ſie, daß es ſich jetzt nicht recht ſchicke, wenn ſie zu ihm ging, wenn auch nur geſchäftliche An⸗ gelegenheiten die Veranlaſſung boten, und ſo mußte denn Minna als Geſandtin den Weg für ſie antreten, um einige wichtige Notizen zu übermitteln.

Du fragſt nach dem Herrn Doktor Schmidt, verſtehſt Du? explizirte Cornelie,und ihm übergiebſt Du das Papier. Weißt Du auch, was Du ſagen ſollſt?

Eene Empfehlung von Frau Schmidt an den Herrn Doktor Schmidt i Herr Je, is det komiſch, der heeßt jerade wie Sie? Is det vielleicht een Verwandter von Ihrem Herrn Gemahl?

Nein! entgegnete Cornelie kurz und machte ein möglichſt ſtrenges Geſicht, denn die fragend auf ſie gerichteten Augen der Amme verwirrten ſie.Du haſt weiter gar nichts zu ſagen als, ich ließe mich dem Herrn Doktor empfehlen und in einigen Tagen bekäme er wieder eine Sendung. Bleibe nicht lange, Minna, hörſt Du?

Ja, wat ick noch fragen wollte, is der Herr Schmidt voch verheiratet? fragte Minna, noch einmal von der Ausgangs⸗ thür zurückkehrend.

Ich weiß nicht, was Dich das kümmert, entgegnete Cornelie faſt heftig,übrigens ja er iſt verheiratet.

So! na, eene Frage ſchadet doch niſcht. Adje ick ſoll doch den Namensvetter recht ſchön grüßen?

Mach', daß Du fortkommſt, rief Cornelie lachend,und erzähle dort nichts von mir. Die Herren dort haben keine Zeit für Dein Geſchwätz.

Minna trollte munter fort und kam bald an ihrem Be⸗ ſtimmungsort an, wo ſie denn auch den Doktor anweſend fand, der, als er hörte, von wem die Alte geſchickt war, ver⸗ ſimmt fragte:

Warum kommit denn Ihre Herrſchaft nicht ſelbſt? Die Dame iſt doch nicht krank?

Na, een Wunder wär's nich, wenn ſe krank würde, ent⸗ gegnete ſie eifrig; denn nichts kam ihr erwünſchter, als endlich einmal ihrem Herzen Luft machen zu können.Wat hat denn meine Frau von ihrem Leben? reene jar niſcht! Den janzen Tag arbeeten und denn Trübſal blaſen; denn wenn ſe ſich auch vor mir verſtellt und luſtig thut, im Herzen is ſe es nich, det weeß ich, det kann ſe nich ſind; denn wenn eene junge, hübſche Fran finden Se ſe nich ooch hübſch, Herr Doktor? am Hochzeitstage von ihrem Manne, den ſe eenzig und alleene, ſeit ſe lebt, liebt, ſo zu ſagen verlaſſen wird, und ſo een Menſch bekümmert ſich ooch jar nich um ihr denn noch hat ſe keenen Brief von ihm bekommen denn hat ſe wohl Irund, traurig zu ſein und ins Weite zu ſtarren, und ick ſage Ihnen, ick wünſchte, ick hätte den Mosje hier,

enn wollt' ick ihm ſchon ſagen, wat ick von ihm halte. Jott

danken ſollt' er, ſo eene Frau, wie mein Cornelchen is, zu haben, und um keene Erbſchaft der janzen Welt hätt' er ſe verlaſſen dürfen. Jeld kann ihm ja jar nich erſetzen, wat er hier verloren hat; denn ick ſage Ihnen, es jiebt keene Zweete uf Erden, und wenn e

wird er es bereuen, daß er um den ollen Mammon ſo

nennt mein Fräulein, ick wollte ſagen meine Frau, imuier det Jeld ſeinen koſtbarſten Schatz im Stich gelaſſen hat.

Nach dieſer glänzenden Rede, auf die Minna ſich nicht wenig einbildete, wollte ſie gehen; allein Schmidt hielt ſie feſt, da es ihn erſtens mehr, als er ſich eingeſtand, intereſſirte, etwas von Cornelien zu hören, und zweitens die Art und Weiſe Minna's ihn auf's Höchſte beluſtigte.

Alſo Frau Schmidt liebt ihren Mann ſo ſehr? fragte er von Neuem.

Wenigſtens hat ſe mir jeſagt, daß ſie es thut, entgegnete⸗ ſie, mit dem Kopfe nickend. Kennen Sie vielleicht den Mann von meiner Frau? ſetzte ſie plötzlich hinzu, ihn mit ihren großen Augen anglotzend..

Ich habe nicht die Ehre, meinte er, mühſam das Lachen unterdrückend,doch denke ich, er muß ſehr liebenswürdig ſein,

auf's

ging,doch was meinen Sie mit Ihrer Frage?,

Ach, ich dachte man blos, daß, wenn Se nich verheirater wären und der Mann von Cornelchen amende unterwegs mit Tode abginge, aber herrje, ick ſollte nich lange bleiben, nehmen Se man nichts vor unjut und bleiben Se jeſund.

Sie ſtreckte ihm ihre dürre Hand entgegen, die er freund⸗ lich drückte.

Grüßen Sie Frau Schmidt von mir, und das Mal hoffte ich ſie ſelber bei mir zu ſehen.

Minna hütete ſich wohlweislich, ihrer Dame etwas von ihrem Geſchwätz zu erzählen, und da ſich Cornelie faktiſch nicht mehr entſchließen konnte, die alten Beziehungen zu. Schmidt aufrechtzuerhalten, aus dem einfachen Grunde, weil ſie ihm zu gut geworden war, um ihm ganz gleichgiltig gegenüberzuſtehen, ihr weiblicher Stolz, ihre jungfräuliche Würde ihr aber nicht erlaubten, ihm auch nur ein über die engſten Grenzen der Freundſchaft hinausgehendes Wort zu ſagen oder von ihm anzuhören, ſo blieb Minna die Ver⸗ mittlerin zwiſchen ihr und Doktor Schmidt. Dieſer gewöhnte ſich ſchließlich daran, aus dem Munde der Alten das Lo5 Corneliens auspoſaunen zu hören und ein getreues Bild ihres ſtrebſamen Lebens und Treibens zu erhalten; er lernte ſie aus den Beſchreibungen Minna's, die an Schmidt einen auf⸗ merkſamen Zuhörer hatte, ſo genau kennen, als wenn er häufig mit ihr verkehrte, und ſein Intereſſe für Cornelie wuchs mehr und mehr; der Wunſch, ſich wieder ihrer heiteren, geiſt⸗ reichen Unterhaltung erfreuen zu können, wurde lebhafter, und er verwünſchte halb und halb ſeine Schwäche ihr gegenüber, halb und halb aber auch die ominöſen Klauſeln des ſeltſamen Ehekontraktes.

Je genauer ſie dieſelben feſthielt, je mehr er einſehen mußte, daß es Cornelien gegenüber keiner ſo ſtrengen Be⸗ dingungen bedurft, daß ſie durchaus keine Luſt hatte, ſie zu umgehen oder auch nur im Geringſten von den ihr ein⸗

nächſte

r wiederkommt und ſe todt findet, denn

geräumten Rechten Gebrauch zu machen, deſto mehr bereute er, dieſelben gemacht zu haben, und wenn die Freunde ihn neckend fragten, ob denn Frau Schmidt noch gar keine Anſtalten treffe,