Jahrgang 
2 (1879)
Seite
406
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Concordia.

Ke gtig d die Leviten gelefen, daß er uns 3 ſo neidiſch Ihren An⸗ lick entzieht, denn bei allen Heiligen, das glaube ich nicht, er Sie ſeit jenem Tage nicht geſehen.

So werden Sie es mir hoffentlich glauben, entgegnete Cornelie verwirrt,wenn ich Ihnen ſage, daß Herr Doktor Schmidt ſie betonte dasHerr ſehr ſtarkdie Wahr⸗ heit geſprochen hat. Ich hatte keine Veranlaſſung, hierher⸗ zukommen, und wäre auch hente nicht gekommen, wenn ich Ihnen, mein beſter Herr Doktor, nicht mein Manunſkript übergeben wollte. Hier iſt es, ſollten Sie noch etwas zu er⸗ wähnen haben, dann theilen Sie es mir ſchriftlich mit.

Sie wollte, nachdem ſie die Arbeit auf den Schreibtiſch gelegt, ſich wieder entfernen, allein Schwidt trat ihr in den Weg, und ſeine Augen auf ſie heftend, ſagte er:

Ich glaube, liebe Cornelie, Sie haben einen Paſſus unſeres Vertrages vergeſſen. Unſer Verhältniß ſollte bleiben, wie es war, nicht beſſer, nicht ſchlechter werden, und mir däucht, daß wir ehemals uns recht gut vertragen, recht hübſch mit⸗ ſammen geplaudert haben. Sollten Sie die Fähigkeit, harm⸗ los mit mir zu ſprechen, verloren haben?

Nein, ach nein, entgegnete ſie haſtig,und um auf⸗ richtig zu ſein, kam ich in der Abſicht, mich ein Viertelſtündchen mit Ihnen zu unterhalten allein...

So bin ich der Störenfried? unterbrach ſie Fröhlich, 20, wie böſe ſind Sie! Doch ich finde es natürlich, daß Sie

Beide des Dritten entbehren können, daß Sie ſich ſo Manches zu erzählen haben werden, was für ein drittes Ohr nicht paßt und ſchleunige Eutfernung ſoll Ihnen den Beweis geben, daß ich mich für meine Freunde aufzuopfern weiß.

Mit einem liſtigen Augenblinzeln nahm er Hut und Stock, und mit einem Satze war er zur Thür hinaus, obgleich Co nelie ihm ein ſtrenges:Herr Aſſeſſor, ich muß ſehr biiten. dazubleiben, nachrief.

Ich finde das Betragen dieſes Herrn etwas komiſch, meinte ſie empfindlich,und wenn er nicht Ihr Freund wäre, ſo

Ach, laſſen Sie den Narren laufen, rief Schmidt leb⸗ haft,wir können wirklich ſo viel beſſer ſprechen, und aus ſeinen Dummheiten werden Sie ſich doch nichts machen. Setzen Sie ſich lieber ein bischen und laſſen Sie mich hören, wie es Ihnen, ſeit wir uns nicht geſehen, ergangen iſt.

Freundlich zog er ſie neben ſich auf's Sopha, und bald waren ſie im lebhafteſten Fahrwaſſer der Unterhalt ung, und Cornelie merkte gar nicht, daß die Augen des Doktors immer glänzender wurden, daß er ihr unwillkürlich eiwas näher und näher rückte, bis ſie denn plötzlich einen Arm um ihre Taille gelegt fühlte und die Worte:Einen Kuß könnten Sie mir eigentlich zum Lohne meiner Aufopferung geben an ihr überraſchtes Ohr drangen.

Sie blickte raſch um ſich; die Nebenzimmer waren alle

von ihren Bewohnern verlaſſen; ſie war ganz allein mit

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Schmidt. Ein ihr ganz fremdes Gefühl der Bangigkei über⸗ kam ſie; es hatie aber nichts Unangenehmes für ſie, im

Gegentheil fühlte ſie ſo etwas wie Freude dabei, obgleich ſie ſich gewandt aus ſeinem Arme löſte und, ſich erhebend, ſagte:

Sie kennen doch den§ 1 aus unſerem Kontrakte? Jede Annäherung, beſonders ein Kuß auf die Lippen, als der ſ ſicherſte Weg zum Herzen, iſt ſtreng verboten, und Der⸗

jenige, der es wagt, die Lippen des Anderen zu berühren, macht ſich eines Kontraktbruches ſchuldig und ſoll die ganze Strenge des Verfahrens kennen lernen! Sie, der Schöpfer des genialen Werkes, werden doch nicht workbrüchig werden wollen? Doch laſſen Sie uns jetzt von Geſchäften reden, meine Zeit iſt bald um. Und ohne auf die verblüffte und beſchämte Miene Schmidt's zu achten, begann ſie wie ehemals über ihre Arbeit zu ſprechen und wußte geſchickt die eigen⸗ thümliche Erregung des Doktors durch die Lebhaftigkeit, mit der ſie das glücklich gewonnene Terrain zu bohaupten wußte, niederzukämpfen.

Darf ich Sie beſuchen, Cornelie? fragte er, als ſie ſich bald nachher zum Weggehen rüſtete.

Sie thun mir einen Gefallen, wenn Sie es eben nicht thun, erwiderte ſie haſtig.Sie kamen früher nie zu mir; wir wollen ja keine Abänderungen unſeres Verhältniſſes haben zu was denn auch? Sie wiſſen, ſetzte ſie lächelnd hinzu,

mein Mann iſt auf Reiſen, und da darf ich keine Herren⸗ bef ſuche empfangen.

Wie Sie befehlen, meine Gnädige, ſagte er gereizt,des

Nenſchen Wille iſt ſein Himmelreich!

Sie blickte ihm mit ihren ſchönen Augen recht freundlich in ſein finſteres Geſicht, legte ihre Hand auf ſeinen Arm und indem ſie mit der anderen Hand einen Theil der Arbeit, die ſie noch ein wenig umformen wollte, ergriff, meinte ſie herzlich:

Eben darum, mein lieber Doktor, Sie ſollen Ihren Willen

haben und auf ewig behalten. Doch auf Wiederſehen, hier, und dann machen Sie mir kein ſolch' brummiges Geſicht ſonſt ſehe ich am Ende wirklich in Ihnen einen Ehemann, wovor Sie alle Götter ſchützen mögen. Als ſie ihn verlaſſen, blickte er ihr noch eine ganze Weile nach, dann fuhr er ſich durch ſeinen Vollbart, kratzte ſich die Stirn und murmelte:Wie die Beiden triumphiren würden, wenn ſie wüßten, was ich für einen Abfall erlitten habe, und doch ſind ſie nur ſchuld daran; denn mit ihren Neckereien haben ſie mich nur ſo weit gebracht. Aber recht haben ſie, ich bin ein alter E, und die kleine Hexe hat auch ganz recht, wenn ſie mich auslacht. Hans, Hans, nimm Dich zuſammen, daß ſie nicht zum zweiten Male das Recht bekommt, mich auf meine freiwillig übernommenen Pflichten aufmerkſam zu machen. Konnte der vermaledeite Fröhlich nicht hierbleiben? Das fehlt mir gerade noch, daß der und Sauer faule An⸗ ſpielungen machen! Das nächſte Mal, wenn ſie wiederkommt, ſoll ſie nicht mehr über mich zu klagen oder zu triumphiren haben.

Aber dieſes nächſte Mal kam nicht; denn Cornelie fand nicht mehr den Muth, hinzugehen. Es war ihr ein zu pein⸗ licher Gedanke, nach der kleinen Szene wieder zu Schmidt hinzugehen, und dazu kam noch, das ſich zu ihrem eigenen Erſtaunen ihre Gedanken jetzt weit mehr mit dem Doktor beſchäftigten als früher; daß ſie oft mitten in der Arbeit das joviale Geſicht Schmidt's vor ſich ſah, die Worte:Einen Kuß könnten Sie mir eigentlich zum Lohne für meine Aufopferung geben, vor ihren Ohren klingen hörte und dabei ihr Gefühl für den originellen Mann, der ihr immer lieb und intereſſant geweſen, wenn es eben auch nur ein rein freundſchaftliches Intereſſe war, eine Wandlung erlitt.

Cornelie gab ſich davon weiter keine Rechenſchaft, es freute ſie im Grunde, daß ſie jetzt Jemanden hatte, an den ſie