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Loncordia.
„In der That ſcheint er nicht viel Rückſicht genommen zu haben, daß er ſich ſogar der rauhen Hände des Gärtners zur Ausführung ſeines Befehles bediente.“
Der junge Oſſizier knirſchte mit den Zähnen.
„O, daß ich erſt wieder den Degen führen kann! Er ſoll mir Rede ſtehen, ich will mit ihm abrechnen—“
„Um wieder einen Stich durch den Leib davonzutragen?“ ſetzte Champion hinzu.„Auch ſteht es noch ſehr in Frage, ob er ſich mit Ihnen ſchlagen würde, oder Sie in Ketten ſchlagen ließe.“
„In Ketten?“ Offizier der Garde?“
Champion ſchaute ihn ſeitwärts an,
lachte laut du Chatelet,„mich? einen
dann ſagte er in
kaum hörbarem Tone:
„Und wenn Sie nicht mehr Offizier, wenn Sie entſetzt wären?“ Der Andere ſtarrte ihn beſtürzt an.„Lieber Freund,“ fuhr Jener fort,„ich darf es Ihnen nicht länger verhehlen; man hat Ihren Namen aus der Liſte der Armee geſtrichen, nicht nur weil man Sie für todt, weil man Sie auch für den Genoſſen eines gewiſſen Cartouche hält, auf deſſen Kopf auan viertauſend Livres geſetzt hat.“
„Cartouche? wer iſt Cartouche? ich höre dieſen Namen zum erſten Male.“
„Das iſt nicht zu bewundern; Sie ſind über Monatsfriſt von Paris entfernt und Cartouche iſt erſt ſeit dieſer Zeit eine jallgemeine Berühmtheit.“
„Sie foltern mich, daß Sie meine Frage nicht geradehin Peantworten.“
„Nun alſo, Cartouche iſt im Beſitze einer Macht, die wie
die des Regenten gefürchtet iſt— er iſt eine Art Monarch, der freilich kein Land beherrſcht, zu fürchten gelernt haben.“
aber Männer, die ſich nicht
„Alſo eine Art Rebell—?— und Sie ſind Einer ſeiner
— — Anhänger?“
„Sein treueſter; ich bin Cartouche.“
„Sie? Cartouche?“
„In der That.“
„Sie heißen doch aber Champion.“
„Ich führe ſo manchen Namen; Cartouche, Dominique Cartouche.“
„Und Sie haben gegen den Herzog von Orleans für das Teſtament des verſtorbenen Königs die Waffen erhoben? ſind im Kampfe mit der herrſchenden Partei?“
„Nicht doch, mein Lieber, dafür mich zu raufen, hielt ich für einen Narrenſtreich. Ob Gaſton d'Orleans oder der Duc du Maine die Gewalt in Händen hat, gleichviel; Einer wie der Andere ruinirt Frankreich.“
„Aber wofür haben Sie denn die Waffen erhoben? doch nicht ein zweiter Jacques Bonhommer?!“
„Einige Aehnlichkeit mag ich wohl mit dem guten Bauern⸗ anführer haben,“ bemerkte Cartouche.
„Und Sie ſind noch nicht zu Boden geſchlagen worden? Ihre Bauernhaufen auseinandergeſprengt? Doch, Sie ſagten mir von viertauſend Livres, die für Ihren Kopf ausgeſetzt ſind.“
„Und die Sie verdienen wollen?“
„Ich bin kein Undankbarer, wenn ich Sie auch als Ver⸗ brecher nicht entſchuldigen kann.“
mein echter iſt jedoch
„Verbrecher?“ verſetzte Dominique.„Das iſt ein ſehr un⸗ beſtimmter Ausdruck. Wenn die Rebellen den Sieg davon⸗ tragen, heißen ſie Erretter des Vaterlandes. Verbrechen?! Jeder will leben und lebt auf des Anderen Koſten— die Welt beſteht nur aus einem fortwährenden Zuſammenſtoß feindlicher Elemente.“
„Aber die Geſetze?“ warf Alexander ein, der ſich einem größeren Talente gegenüberſah, gegen deſſen ſchreckliche und verwerfliche Logik er freilich nicht Stand halten, aber ſie auch nicht gut heißen konnte.
„Die Geſetze?“ erwiderte Dominique in höhniſchem Tone. „Wer hat die Geſetze gemacht? Die Selbſtſucht der bevorzug⸗ ten Menſchen, welche die Macht in Händen hatten! Die Ge⸗ ſetze ſind die Schlagbäume, welche dem freien Geiſte den Weg verſperren ſollen. Wer den Muth dazu beſitzt, ſetzt über ſie hinfort.“
„Um Gott!“ rief du Chatelet,„Sie ſind auf dem Wege,
den Raub, den Diebſtahl gut zu heißen.“
„Richtig, mein Freund,“ entgegnete Cartouche.„Die großen Feldherren und Könige, welche Länder erobern, preiſt die Zunge des Volkes, und doch gehört ihnen der Raub nur un⸗ rechtmäßig.“
Alexander ſchwindelte bei dieſer Philoſophie.„Von ſolcher Seite hat wohl noch Niemand die Sache angeſchaut,“ meinte er,„und wird ſie auch Niemand mehr anſehen.“
„Habe ich darum unrecht? Iſt es etwas Beſſeres, wenn ein Monarch einem ſchwächeren Gegner ſeinen Beſitz abnimmt, den er zu ſeiner Ernährung gar nicht braucht, als daß ein armer Teufel ein Brot ſtiehlt, welches ihn vom Hungertode errettet? Die ganze Menſchheit iſt eine Räubergeſellſchaft. Recht und Moral und Religion ſollen aber durch Geſetze wirken und die Menſchen bekehren. Frommer Wunſch, der nie ausgeführt werden kann; denn die Geſetze——“
„Aber ohne dieſelben ſchlägt der Bauer den Edelmann nieder.“
„Und iſt der Bauer weniger Menſch als der Edelmaun? In der ganzen Natur gilt das Geſetz der größeren Stärke, der höheren Kraft— der Geier frißt die Taube, wie der Edelmann den Bürger und Bauer tritt, ſo lange dieſe es ſich gefallen laſſen. Wachſen die Fittiche, ſo kann es auch um⸗
gekehrt kommen.“
„Gott ſteh' uns bei!“
„Und mit demſelben Recht ruft der Unterdrückte der Himmel um Schutz an, wenn er nicht den Muth beſitzt, die ihn feſſelnden Bande zu fprengen. 77
„Sie machen mich mit Ihren Worten ſchaudern,“ warf du Chatelet ein.„Wahrhaftig, man könnte Sie für einen Räuber halten.“
„Und wenn ich nun ein ſolcher wäre?“
„Nein, nein, das iſt nicht, das kann nicht ſein. hätten Sie mich ſonſt vom Tode errettet?“
„Weil Sie mich intereſſirten, weil—— Nun, aus wel⸗ chem Grunde Sie wollen. Ja, du Chatelet, ich bin ein Mann, der außer dem Geſetze ſteht, weil er ſich auf ſeine Weiſe regt. Ich verdenke es nicht, daß die Welt mich deshalb haßt; ſei ſie nur ebenſo gerecht und erlaube mir, Weniges zu haſſen, ihr Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Da ſchreit man über meine Thaten, wenn ich dieſem und jenem reichen Geizpilz ſeine Kiſten leere, und Niemand be⸗
—
Warun
die Welt auch eir
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