Jahrgang 
2 (1879)
Seite
403
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Der Gärtner war ein roher Burſche; da er aber die Thränen in ganzen Strömen hervorſtürzen ſah, wurde ſein Herz weich; er hätte es jetzt nicht über ſich vermocht, ſeine frühere Abſicht auszuführen.

Alſo getäuſcht biſt Du? fragte er in weicherem Tone; getäuſcht von dem Todten, den mein Herr ſo trefflich geſpießt hat, daß es eine Freude war. Du wirſt es ſchwer beweiſen können.

Nein, lieber, liebſter Charles, entgegnete ſie;bringe mich zu Herrn de Villeneuve und Du wirſt ſehen, daß ich nicht Schuld beſitze. Freilich habe ich ein paar Roſenoble von ihm angenommen und ihm die Hinterthür geöffnet. Ach, hätteſt

Du aber gehört, wie er geſprochen Du hätteſt das auch gethan. Bei allen Heiligen, ich werde die reine Wahrheit ſagen und Ihr werdet mich ſämmtlich entſchuldigen.

Das würde Dir doch ein wenig ſchwer halten, bemerkte Charles ungläubig.

Durchaus nicht, liebſter Freund. Und wenn Einer es nicht thut, ſo kannſt Du mich ſchlagen, wie Du willſt ich will es geduldig ertragen, ohne Klage, ohne Murren.

Faſt könnte man Dir glauben, kleine Maus, der Gärtner und warf den Strick bei Seite.

O, gewiß, gewiß! bringe mich zu Herru de Villeneuve und Du wirſt ſehen, daß

Sie machte einige Schritte auf die Thür.

Geduld, Geduld, Nanette, ſagte der Gärtner,ich glaube kaum, daß Du ihn ſehen kannſt; wie geſagt, er iſt verwundet, freilich nicht zum Tode, aber das nur durch einen glücklichen Zufall. Der Schurke hatte die beſte Abſicht, ihn in die andere Welt zu befördern; aber der Hieb hat nicht voll getroffen, da

meinte

ſich die Klinge gedreht hat, wie es ſcheint, denn ſonſt wäre

er nicht mehr.

Und Du auch verwundet?

Pah, eine Kleinigkeit, nicht der Rede werth.

O, nicht doch, Charles, Du nimmſt Alles leicht. Laß mich ſehen da ſetze Dich hin ich werde Dir den Ver⸗ band umlegen. Du weißt, daß ich das verſtehe. Bitte, bitte, lieber Charles, ſetze Dich.

Nun, lächelte der Gärtner,ſo zeige einmal Deine Kunſt, Du Murmelthier. Und er ſetzte ſich und Nanette war um ihn herum, wie es noch nie geweſen, daß er Alles vergaß, ſie auf ſeinen Schoß zog und küßte. Der Friede zwiſchen den Beiden war gemacht.

Aber nicht nur den Liebhaber überzeugte ſie von ihrer Un⸗ ſchuld, ſondern auch Herrn de Villeneuve und die Anderen, welche ſie verhörten. Da erzählte ſie treuherzig, daß der Gardelieutenant Alexander du Chatelet ſie getroffen, daß er ſie beſtürmt habe, ein Rendezvous mit Madame zu ver⸗ mitteln. Sie habe ſich geweigert trotz ſeiner Verſprechungen, habe aber das Zuſammentreffen ihrer Herrin erzählt. Dieſe ſei neugierig geworden, und ſo habe ſie den Lieutenant in den Garten gelaſſen, ohne zu ahnen, was für ein ſchlimmer Burſche er geweſen ſei. Das Alles brachte ſie ſo wahrhaftig hervor, als ob auch nicht das geringſte Tädelchen daran ſei der Leſer weiß, daß ſich nicht Alles ganz ſo, wie ſie ſagte, verhielt.U

Nanette ging rein aus ihrem Verhör, welches den Namen du Chatelet in die Akten brachte.

Concordia. 403

Von dieſem Augenblicke an galt der Lieutenant für einen Genoſſen der Räuber und alle Welt bedauerte nur, daß der Tod ihn erreicht habe und nicht die Hand des Henkers, um⸗ ſomehr, da Entſetzen die Pariſer ergriff, daß die Räuber ſelbſt unter den Edelleuten der Nobelgarde ihre Genoſſen hätten.

Alexander du Chatelet war noch im Tode gebrandmarkt, zu einem Gehilfen der gefürchteten Räuberbande erklärt. Auf den Kopf Cartouche's, den Ernſt im Kampfe Mann gegen Mann erkannt hatte, ward aber die Summe von viertauſend Livres geſetzt.

11. Kapitel. Alexander du Chatelet.

In dem Garten eines alleinſtehenden, von der einſamen Landſtraße noch abſeitsliegenden Bauernhauſes ſaßen in den erſten Tagen des Oktobers zwei Männer auf einer Holzbank nebeneinander, die in Tracht ebenſowohl wie in ihrem Weſen deutlich zu Tage legten, daß ſie den Pflug und die Senſe zu führen nicht gewohnt waren. Beide befanden ſich im frühen Mannesalter, dem Anſcheine nach in der Mitte der Zwanzig. Während aber das Antlitz des Kleineren von Geſundheitsfülle ſtrotzte, blicken die dunkelblauen Augen des Anderen ziemlich ſtier aus dem bleichen Geſichte, als habe er eine lange Krank⸗ heit eben hinter ſich gelaſſen. Auch die Kleidung deutete darauf

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hin ein bequemer Schlafrock umhüllte die hohe Geſtalt.

Sie meinen alſo, daß ich noch immer nicht im Stande bin, wieder in mein früheres Leben zurückzutreten? daß ich noch immer hier ruhen ſoll? Wahrhaftig, man kommt vor

Langweile um.

Langweilen Sie ſich nur noch, beſter Freund; in vierzehn Tagen werden Sie es nicht mehr nöthig haben, erwiderte der Kleinere, ihn freundlich anlächelnd.

In vierzehn Tagen, Champion? Ja, wenn ich in dieſer Zeit nur nicht vor Ungeduld ſterbe.

So gewöhnen Sie ſich die Ungeduld ein wenig ab und denken vorläufig nur an Ihre Geſundheit.

W aber eine Beſorgniß, eine Furcht hat ſich in den letzten Tagen meiner bemächtigt, die ich nicht zu bannen weiß.

Wie das? fragte Chanwion.

Ich habe auf mehrere Briefe keine Antwort, die ich in den letzten Tagen geſchrieben habe.

So? Sie haben Briefe geſchrieben, und darf ich ſo neu⸗ gierig ſein, mich nach Ihrem Inhalt erkundigen?

Ich will vor Ihnen, meinem Retter, der wie ein Bruder an mir gehandelt, kein Geheimniß haben, erwiderte der Andere.Sie werden begreifen, daß ich von meinen Kameraden hören wollte, wie es bei dem Regiment ausſieht, was man über mein Ausbleiben ſagt und was aus dem reizenden Weib geworden iſt, die in Villeneuve's Händen zurückgeblieben. O, mich bekümmert in der That das Schickſal dieſer Frau, die der Rache eines hintergangenen Geliebten ausgeſetzt iſt.

Darüber kann ich Ihnen inſofern ſchon Kunde geben, daß Villeneuve ſogleich, nachdem er ſie niedergeſtreckt hatte, ſeine Maitreſſe aus dem Hauſe jagte. Wo ſie geblieben, weiß ich nicht.

Er warf ſie hilflos, ohne Unterſtützung auf die Straße? ſtere Wolken ſeine Stirn be⸗

fragte du Chatelet, während ſinſ S 4

ldeckten;er ſtieß ſie als Bettlerin aus

dem Hauſe?

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Wenn das ſo ginge, herzlich gern, ſagte der Blaſſe,