Jahrgang 
2 (1879)
Seite
402
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402² Concordia.

Theil des Gartens zurückgezogen. Er faßte nach ſeinem Kopfe, der ihn ſchmerzte, ſeine Hände wurden blutig, er fühlte, daß er verwundet ſei. Wild ſchaute er um ſich die Erinnerung kam ihm zurück er ſtieß einen unartikulirten Schrei aus, ein Rachegebrüll. Dann ergriff er die Waffe, welche ſeiner Hand entfallen war, und ſchwang ſich zum Fenſter hinaus, die Leiter hinab.

Unten angekommen, lauſchte er dem ſich entfernenden Ge⸗ töſe das Schießen hatte faſt aufgehört. Der Gärtner lächelte, indem er die Partiſane ſchwang.

Da komme ich mit dem Ding wie gerufen, ſagte er und ſtürzte in das Gebüſch.

Er kam aber doch zu ſpät; als er die Hinterpforte des Gartens erreichte, waren die Belagerer ſchon in wilder Flucht aus dem Garten, über das dahinterliegende Feld, dem nahen Walde zu.

Nur einzelne kämpfende Gruppen! Dort, ganz vorn, Ville⸗ neuve mit Einem im Gefechte.

Raſch flog er ſeinem Herrn zu Hilfe. Jetzt war er bei ihm, um den jungen Edelmann in ſeine Arme aufzufangen; ein Hieb ſeines Gegners hatte ſeinen Kopf getroffen und ihn ſo hingeſtreckt, im nächſten Augenblicke floh jener auch dem Walde zu, aus dem jetzt Schuß auf Schuß hervorkrachte.

Die Maréächauſſée hielt eine weitere Verfolgung der Räuber für zu gefährlich, und gab dieſelbe auf, umſomehr, blutige Kampf gezeigt hatte, daß die Banditen nicht blos zu ſchießen wußten. Mit Ausnahme des jungen Edelmannes, deſſen Wunde nur leicht war, zählte die Schaarwache zehn Mann Verluſt, von deuen vier todt waren. Dagegen fanden ſich ſieben Leichen ihrer Gegner, unter denen ſich aber nicht die des jungen Gardelieutenants befand, die verſchwunden war. Ob die Räuber Verwundete beſaßen, war nicht er⸗ ſichtlich, da ſie dieſelben fortgeſchafft haben mußten.

Als der Morgen nach dem Kampf ſchon graute, begab ſich der Gärtner zu ſeinem Häuschen, das ſeitwärts, ziemlich ver⸗ ſteckt, bei den Treibhäuſern lag.

Warte, Nanette, murmelte er auf dem Wege dahin in den Bart,das werde ich Dir anſtreichen, Du Nichtsnutz, und Du ſollſt es nicht vergeſſen, ſo lange Du lebſt.

Er öffnete die Thür ſeiner Wohnung, in der ſich die Zofe befinden mußte; dort hatte er ſie in dem hinteren Gemach, welches ohne Fenſter war und ihm zur Schlafſtube diente, ein⸗ geſchloſſen. Er fand ſie dort auch vor, oder vielmehr ſie flog ihm entgegen und hing ſich an ſeinen Hals, ihm von ihrer Angſt liebkoſend erzählend.

Sachte, mein Kind, ſagte er, ſich aus ihren Armen los⸗ machend.Zuvor habe ich ein ernſtes Wort mit Dir zu reden. Setze Dich einmal dort ruhig hin. So! Du weißt doch, was Du gemacht?

Nun, was denn, Monſieur Charles? fragte ſie, einen ſpitzen Ton anſchlagend. 4

Du weißt es nicht? So werde ich Dein Gedächtniß auf⸗ friſchen. Und er langte von einem Haken einen Strick

herab, den er mehrfach zuſammenlegte.

Du willſt mich ſchlagen? ſchrie das Mädchen der Gärtner nickte.Das ſollſt Du Dich unterſtehen, ich werde es Herrn de Villeneuve klagen.

Ruhig, mein Mäuschen, Herr de Villeneuve würde Dich,

da der

als im Einverſtändniß mit den Banditen, der Po f zet über⸗ geben, die Dich aufhängen würde.

Ich im Einverſtändniß mit Banditen Madame wird

Vielleicht ſelbſt in einigen Tagen vor dem Gerichte ſtehen.

Es war ſehr unrecht, daß ich ſie auf Befehl des Herrn hinaus⸗

werfen mußte die Polizei wird ſie indeß ſchon wieder einfangen und von ihr erfahren, wer ihr Liebhaber geweſen. Himmel und Hölle, uns die Räuber auf den Hals zu hetzen.

Aber es iſt ija kein Räuber, es iſt der Lieutenant der Garde, Herr Alexander du Chatelet, verbeſſerte ſie,ein Herr, deſſen Erſcheinen genügen wird, alle Beſchul digungen niederzuſchlagen.

Sein Erſcheinen? erwiderte Charles;ich habe noch nie gehört, daß die Todten wiederkommen, und erlebt habe ich es erſt recht nicht. Ich zweifle aber, wenn ſolch' ein Wunder paſſirte, ſich ein ſolches Ammenmärchen erfüllte, daß ein zweites Wunder ihn von der Gemeinſchaft der Männer weißbrennen würde, denen ich meine Wunde verdanke. Wahrhaftig, wäre nicht zum Glück die Maréchauſſee

Charles, Du biſt in der That verletzt. lieber Junge, unterbrach ihn Nanette.

So? Du bedauerſt mich, verſetzte er,Du, die mit dem Weibsbild, Deiner Herrin, uns das Geſindel auf den Buckel

gehetzt hat? Donner, die Schufte waren echte Mordbrüder, haben ſich mit uns geſchlagen, als ob es ganz ehrbare Leute wären und nicht Diebe, Gauner, die das Licht ſcheuen müſſen.

Aber ich verſtehe von alledem kein Wort. Ich hörte wohl ſchießen und bin in Todesangſt geweſen.

Wir in Todesgefahr. Gott ſei Dank, daß ich ſolch' einen dicken Schädel habe, dem der Streifſchuß nichts auhaben konnte; in wenigen Tagen wird das verharrſcht ſein! Elwas länger wird wohl Herr de Villeneuve laboriren, der auich nur von Glück zu ſagen hat, daß er mit dem Leben davon⸗ gekommen iſt.

Das muß ja eine wahre Schlacht geweſen ſein, bemerkte Nanette.

Und das eine ganz gehörige, erwiderte er,und da ſiehſt Du wohl, daß ich Dir einen Denkzettel geben muß, den Du ſobald nicht wieder vergißt. Sträube Dich alſo nicht, mein Täubchen.

Du willſt mich, Deine zukünftige Frau, ſchlagen? mich, die Unſchuldige?! rief Nanette.

Na, von der Heirat ſcheint es mir noch ziemlich fern zu ſein, entgegnete der Gärtuer;denn ich werde doch nicht eine Räuberdirne ehelichen; ob es aber mit Deiner Unſchuld drei Schritte nur links ſind, das iſt noch die Frage. Das Ganze, was ich für Dich thun kann, iſt, daß ich Dich nicht in die Hände der hohen Polizei fallen laſſe, daß ich meine Kinſtige Braut in La Force nicht ſehe. Aber Deinen Denkzettel

Du willſt Dich alſo von mir trennen, willſt nichts mehr von mir wiſſen, ſagte ſie, indem die Thränen ihr die Wangen herunterliefen,und doch habe ich nur Ja, ſchlage mich, ſchlage mich es iſt doch Alles eins Nein, ſchlage mich nicht mit dem Strick, hänge mich lieber auf. Charles, das habe ich wahrhaftig nicht verdient, daß Du mich verſtoßen willſt. O, wenn das Alles iſt, wie Du meinſt, junge Offizier mich getäuſcht und ſollte es verantworten. O, Gott! ich Unglückſelige!

Ach, Du armer

ſo hat der