Concordia. 401
ſo mag er es thun. Komm', meine Liebe, ich bin zwar ſchon
ein alter Mann, doch heute müſſen wir Beide zuſammen gehen; Ford, führe Du Deine Tante!“ Dann gingen wir in'’s Eßzimmer.
Hier war ein gediegener Luxus entfaltet, und ein ſehr feſtliches Diner wartete unſer. Für öffentliche Geſelligkeit hatten Sir Lionel und Lady Halſtedt in den letzten Jahren nur wenig gethan, doch auf ihr eigenes Haus verſchwendeten ſie viel Geld; täglich faſt war in Frampton Diner. Der große Eßtiſch war bedeckt mit dem ausgeſuchteſten Kryſtall und mit dem feinſten chineſiſchen Porzellan und ſtrotzte voll Silbergeſchirr. Schöne Blumen und Blattpflanzen aus den Treibhäuſern füllten die Ecken und Niſchen des Zimmers aus. Auf Wunſch des Großvaters nahm ich an ſeiner Seite Platz; vor mir ſtand ein hochaufgethürmtes Bouquet, das mir die Ausſicht nach dem unteren Theil des Tiſches faſt gänzlich nahm und mich den Blicken der mir gegenüber Sitzenden, worunter auch die Couſine Marcia war, zum großen Theile entzog. Die Unterhaltung beim Eſſen war eben nicht ſehr animirt, ich fühlte mich den Verwandten gegenüber auch noch zu fremd, um mehr zu wagen, als die an mich gerichteten Fragen zu beantworten. Der Fiſch nach der Suppe war gerade abgetragen, als ich unter der auſwartenden Diener⸗ ſchaft einige Unruhe bemerkte und ſehr bald darauf Jemanden eintreten und an dem unteren Theile der Tafel Platz nehnien
hörte. Ich wußte, daß es ein Herr war, der ſich verſpätet hatte, vernahm auch einige Bemerkungen, die bei ſeinem Er⸗ ſcheinen gemacht wurden, war aber doch zu ſchüchtern, um nach ihm hinzufehen, und meine Augen hafteten einige Zeit auf den Blumen vor mir.
„Bei Gott, er kommt wieder zu ſpät, wie gewöhnlich!“ rief Sir Otho lachend aus.
Der Neueingetretene ſtammelte gegen die Großmama einige Entſchuldigungen, die aber wegen der großen Entfernung ganz unverſtändlich blieben, und beeilte ſich, ſeine Suppe zu ver⸗ zehren. „Wann biſt Du zurückgekommen?“ fragte Tante Julia. „Es iſt ſonderbar, daß wir uns nicht getroffen. Mit welchem Zuge kamſt Du, Ernſt?“
Ihre Frage erregte Neugierde, und Alle ſahen ſie und ihn an.
„Beim Jupiter!“ rief plötzlich der Fremde, wie vom Donner gerührt, aus,„Miß Fleming!“
Beim Tone ſeiner Stimme ſah ich ängſtlich an den uns trennenden Blumen vorbei; an der Tafel meines Großvaters ſaß der Gefährte meines unerlaubten Beſuches im zoologiſchen Garten und meiner mitternächtlichen Wanderung durch Ant⸗ werpen— der junge Engländer, Ernſt Moore!
(Fortſetzung folgt.)
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Der Räuberkönig von Varis. Roman von Wilh. Grothe. (Fortſetzung.)
„Wahrlich, mir kommt meine Lage,“ monologiſirte Ernſt, „wie die eines Ertrinkenden vor, der ſich nur mühſam über dem Waſſer erhält, wie die eines Gehängten, deſſen Strick ſich nur langſam zuzieht. Beſſer, raſch hinüber im wilden Kampfe.“ Er ergriff die Muskete und ſtürzte zum Fenſter. Zwei Kugeln ſchwirrten dicht an ſeinem Kopfe vorüber, aus dem Laufe ſeines Gewehrs blitzte es auf— ein Schrei, er hatte nicht gefehlt. Wäre er nicht zurückgeſprungen, die Salve, welche jetzt abgefeuert wurde, hätte ihn ſicher als Opfer nieder⸗ geſtreckt.
„Hoha!“ ſchrie er;„gefehlt!— ich ſchieße beſſer.“ In jeder Hand ein Piſtol, war er wieder vorgeſtürzt. Da tauchte am Fenſter draußen plötzlich eine Geſtalt auf, die, ehe er ab⸗ zudrücken vermochte, ihn heftig umſchlang, ſodaß er im Augen⸗ blick von ſeinen Waffen keinen Gebrauch machen konnte. Im nächſten Augenblick mußte er aber verloren ſein, ſchon erſtiegen
andere Feinde die zweite Leiter.
Da von der Straße her Schuß auf Schuß und der Ruf: Die Maréchauſſée!“ Die Hilfe nahte, vielleicht die Rettung. Mit Aufbieten aller Kräfte gelingt es dem jungen Edelmanne, ſich der Umſchlingung ſeines Gegners zu entreißen und den Hieb eines ſchon eingedrungenen Räubers mit dem Piſtole abzuwehren. Zugleich iſt Charles mit der Partiſane ihm zur Seite und durchrennt den Angreifer. Wüthend um ſich Hauend, macht er mit ſeiner Waffe das Fenſter frei, indem er Einen über den Schädel ſchlägt, den Anderen, der Ernſt umſchlungen hielt, nöthigt, von der Leiter hinunterzuſpringen.
Dadurch erhält Villeneuve Zeit, ſeine Piſtolen zu gebrauchen; b
aber der Heldenmuth des Gärtners trägt ihm ſelbſt keinen Gewinn ein Schuß von unten ſtreift ſeinen Kopf und wirft ihn ohnmächtig zur Erde.
Jetzt Gefecht im Hauſe, im Garten, und durch das Ge⸗ töſe grelle Pfiffſignale.
„En avant! Nieder mit den Räubern! Gebt es ihnen, den Schuften!“ ruft der Hauptmann der Schaarwache und taumelt in demſelben Augenblicke, von einem Hieb getroffen.
Darum ſind aber die Polizeiſoldaten nicht ohne Führer,
mit gezogenem Schwerte iſt Villeneuve die Leiter der früheren
Angreifer hinuntergeſprungen und ſtellt ſich an die Spitze der Marächauſſée.—
Etwas abſeits von dem Gefecht, im Gebüſch, ſtehen zwei Männer, doch ſo, daß ſie den Kampfplatz überſehen können.
„Dominique, willſt Du das Gefecht noch fortſetzen laſſen?“ fragt der Größere;„ich befürchte, daß wir den Kürzeren ziehen werden und daß, brummt nur eine Sturmglocke, wir nicht mehr durchbrechen werden.“
„Du haſt recht; unſere Jungen haben noch nicht im Feuer zu ſtehen gelernt, ſie weichen.“ Und Dominique ſtampfte den Boden.„Ich muß ihnen zu Hilfe kommen und ſie decken. Ordne Du den Rückzug.“ Mit der Wildheit eines Tigers ſtürzte er ſich auf die ſiegreich vordringende Polizeimannſchaft.
Charles war ohnmächtig zu Boden geſtürzt; aber ſeine Betäubung dauerte nur Minuten. Dann kehrte das Leben ihm zurück und er erhob ſich— das Gefecht hatte ſich aus der Nähe des Landhauſes in den hinteren, mehr buſchartigen 4 5*


