Jahrgang 
2 (1879)
Seite
400
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Kinder eingenommen war, freute ich mich, ſie herzen und als Verwandte begrüßen zu können.

Dieſe hier iſt Julia, ſagte die Mutter ſtolz,und die neben ihr Adelaide; und das kleine Baby ſoll nach der Großmama Mary genannt werden. Dein Onkel wünſcht zwar ſehr, daß ſie Helene heißen ſoll, es iſt ſein Lieblings⸗ name, ich hoffe aber, ich dringe durch; denn ich denke, es iſt immer richtiger, die alten Familiennamen beizubehalten.

Ich ſeufzte, es berührte mich ſo ſchmerzlich, keine Cecilie zu finden; ich dachte bei mir, ob der liebe Name denn wohl nie wieder in der Familie vorkommen würde.

In der Beſorgniß, daß die Tante meine Gedanken errathen könnte, wandte ich mich zur Seite, und mein Auge fiel auf ein Oelgemälde, das über dem Kamin hing. Es war ein älteres und nur ſehr mittelmäßig ausgeführtes Bild eines jungen Mädchens. Als ich es aufmerkſamer betrachtete, ſchien es mir, nach den großen blauen Augen, nach den blonden Locken und nach dem ſchwermüthigen Ausdruck zu urtheilen, es müſſe ein Vild von meiner Mama ſein. Ich ſchrak zu⸗ ſammen und veränderte die Farbe; die Augen der Tante folgten meinem Blick.

Tante Julia, ſollſt Du dieſes ſein? fragte ich aufgeregt.

Dieſe Frage ſchien ſie unangenehm zu berühren.

O nein; es war dumm von mir, daß ich es Dir nicht vorher ſagte. Als ich Dich hereinführte, um Dir die Kinder zu zeigen, vergaß ich ganz das Bild hier, Mama hätte es fortbringen laſſen müſſen.

Aber weshalb denn? fragte ich ängſtlich.

Nun, weil dieſe Stube zu viel beſucht wird, als daß es hier hängen dürfte; es müßte in einem abgelegenen Zimmer angebracht werden. Petronel, ich will es Dir nur gerade heraus ſagen, dieſes Bild iſt die unglückſelige Veranlaſſung dazu, daß Dein Vater nach Frampton kam. Als das Un⸗ glück eintrat und der Ehrloſe meine arme Schyeſter entführte, hätte es billiger Weiſe ganz vernichtet werden ſollen, die Mutter konnte ſich aber nicht dazu entſchließen, ſo wurde es hier in der Kinderſtube aufgehängt, die bis jetzt noch nicht wieder benutzt iſt und die Papa noch nie wieder betreten hat. Ich vergaß es, als ich Dich bat, hier einzutreten; doch irgend ein Bild von ihr wirſt Du doch auch wohl haben?

O nein, ich habe keines, antwortete ich trübe,ich habe nur eine Erinnerung an ſie; dieſes hier gleicht ihr aber nicht im Entfernteſten, es iſt lange nicht hübſch genug!

Man fand es damals ähnlich, erwiderte ſie gleichgiltig; in dem Augenblicke traten meine beiden Vettern ein und unter⸗ brachen unſer Geſpräch, indem ſie ſtürmiſch ihr Abendbrot forderten. Ich war froh, nach dem Zimmer, das für mich beſtimmt war, entſchlüpfen zu können, es war mir ein wahres Seelenbedürfniß, allein zu ſein und Alles zu überdenken. Ob dieſer Beſuch in Frampton wohlthuend oder betrübend auf mich einwirkte, darüber konnte ich mir noch immer nicht ganz klar werden. Hatte ich auch Frampton bis dahin nie geſehen, ſo erinnerte mich doch Alles dort an meine theure Mutter, jedes Stück in meiner Umgebung ſah ich mir darauf an, ob meine liebe, ſelige Mama es auch wohl ſchon benutzt, Alles erinnerte mich an ſie, jede Verzierung betrachtete ich mir und erwog dabei, ob wohl auch ihr Auge darauf geruht und ſich darüber erfreut haben könnte. Hätte ich thun können, wonach

nein Herz verlangte, ſo hätte ich das ganze Haus durehſtreift

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und mir alle Räume angeſehen, in denen ſie gelebt, hätte das Bett geſucht, auf dem ſie geruht, und meinen Kopf daraufgelegt; hätte mir die verſchiedenen Gegenſtände zu⸗ ſammengeſucht, die ſie in Gebrauch gehabt, und mir von den alten Dienſtboten Vieles aus ihrer glücklichen Jugendzeit vor⸗ erzählen laſſen. Doch ich ſah ein, daran war nicht zu denken, Tante Julia hatte mir vorhin ja geſagt, daß ſchon meine Aehnlichkeit mit meiner ſeligen Mama hinreichen könnte, den Frieden ihrer Eltern zu trüben; ſo mußte ich allen Ernſtes darauf bedacht ſein, jede weitere Gelegenheit hierzu zu ver⸗ meiden.

Für die Wärme, mit der meine Verwandten mich auf⸗ genommen hatten, dankte ich ihnen in meinem Herzen und wunderte mich ſelbſt darüber, daß ich mich ſo närriſch vor dem erſten Zuſammentreffen gefürchtet hatte; das Eine aber ſchien mir ziemlich ausgemacht, von dem Leben und Sterben meiner Mutter zu ſprechen, war nicht erlaubt, und lange dachte ich darüber nach, ob es auch von mir nicht unrecht wäre, wenn ich mich darin fügte.

Lange Zeit zum Nachdenken hatte ich nicht. Die Jungfer, die mir beim Umkleiden behilflich ſein ſollte, harrte meiner ſchon, und ich mußte ihre Dienſte annehmen. Ich wußte, daß es dem Vetter lieb ſein würde, wenn ich zum erſten Mittagseſſen, bei dem ich den Herren der Familie vorgeſtellt werden ſollte, mit beſonderer Sorgfalt gekleidet erſchien. Mit Rückſicht darauf wählte ich das neue blauſeidene Kleid und legte den Perlenſchmuck an, und hatte nun auch, als ich wieder hinunter nach der Bibliothek ging, die Genugthuung, daß ich ſo gut ausſah, wie es immerhin nur möglich war. Auf der Treppe kam ich mit dem Großpapa zuſammen, der, auf ſeinen Stock geſtützt, langſam die Stufen herunterſchlich. Ich bot ihm meinen Arm, er nahm ihn an, und wie wir Beide in die Bibliothek traten, ſah ich das Geſicht des Vetters vor Stolz und Genugthuung erglänzen, ich glaube, nichts freute ihn ſo ſehr, als mich ſo bald in Frampton heimiſch zu ſehen. Neben ihm ſtanden noch zwei Herren; der eine war mein Onkel Archibald, deſſen ich mich nur noch ſchwach erinnerte, denn ſeit unſerem erſten Begegnen in Rockbury hatten wir uns nicht wieder geſehen, der andere war Lord Otho Vivian, der Gatte der Tante Julia. Mein Onkel ſchien erfreut und überraſcht zu ſein, mich wiederzuſehen, und ſpäter, als er mit ſeiner Frau ſprach, hörte ich, daß er den Namen meiner Mama nannte und ſich über meine Aehnlichkeit mit ihr äußerte. Lord Otho war ſchon ein älterer Herr, er trug eine Perrücke und hatte ein Glas in's Auge gedrückt. Jeden Satz ſeiner Rede fing er mitBei Gott an; ich mochte ihn nicht, er ſah mich ſo lange und ſo unbeſcheiden an, und ich wurde ganz unruhig darüber, daß ſein Glas jeder meiner Bewegungen folgte. Ich hielt mich, ſo nahe es ging, an den Vetter Ulih und freute mich, als endlich die Damen alle im Salon waren und wir zu Tiſch gingen.

Als der Diener meldete, daß das Eſſen ſervirt ſei, ſah der Großpapa umher und fragte ſeine Tochter, ob die Geſell⸗ ſchaft verſammelt ſei.

Ihr Vetter? wandte Tante Mary ſich fragend zum Lord Otho.

Um den wollen wir uns nicht kümmern, ſagte der Groß⸗

papa etwas mürriſch,er iſt noch zu jung, als daß wir mit

dem Eſſen auf ihn warteten; wenn er ohne uns leben kann,

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