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Toncordia. 299
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Sache aber nuv noch ſchlimmer, es ſah ſo pomphaft und vor⸗ nehm aus. Der Bediente führte uns nach der Thür einer großen Bibliothek, öffnete dieſe und rief hinein:„Miß Ford, Miß Fleming und Doktor Ford!“ Wie gern hätte ich Kehrt genacht und wäre nach Rockbury zurückgelaufen, hätte ich nur die Ausſicht gehabt, nicht verfolgt und wieder eingefangen zu werden. Doch ich hatte mir die Schreckniſſe der Ein⸗ führung in die Familie meiner Mutter bedeutend übertrieben. Das Zummer ſchien mir bei unſerem Eintritt voll von Menſchen, aber wie aus natürlichem Antriebe ſuchten und fanden meine Augen nur zwei Figuren, einen alten Herrn mit blöden Augen und ſchneeweißen Haaren in einem Lehn⸗ ſeſſel nahe am Fenſter und eine alte lebhafte Dame mit einem großen Strickzeug neben ihm.
Mit ihren freundlichen, dunklen Augen, mit ihrer kleinen und korpulenten Figur war dieſe himmelweit verſchieden von dem Bilde, das ich mir ausgedacht; wäre ich aber auch nur einen Augenblick in Zweifel darüber geweſen, ob ſie meine Großmama war, ſo wäre dieſer Zweifel ſehr ſchnell gehoben worden, denn ſobald der Vetter Ulih mich ihr vorführte, ver⸗ änderte ſich die muntere alte Dame plöbllich, ſprang auf, ſah mich eine Weile ſtarr an und rief dann aus:
„O, Sir Lionel, Sir Lionel, ſehen Sie dahin!“ Und ſchluchzend fiel ſie mir um den Hals.
Nach dem früheren Benehmen meiner Verwandten gegen mich hatte ich einen kalten, förmlichen Empfang in der Familie erwartet. Doch mit vollem Herzen antwortete ich dieſem Aus⸗ bruch ihrer Gefühle, mir kam der Gedanke, daß dieſelben Arme, in denen ich ruhte, einſt meine theure Mutter umſchlungen hatten, und den mehrfachen Winken und Ermahnungen der
Couſine Marcia, nicht närriſch zu fein, zum Trotze ſchmiegte
ich mich innig an meine Großmama und weinte mit ihr. Niemand trat zwiſchen uns, und als ich ſchließlich mein mit Thränen benetztes Geſicht aufrichtete, ſah ich, wie Sir Lionel ſein großes ſeidenes Taſchentuch hinter den Kiſſen ſeines Stuhles verbarg. „Großpapa!“ ſagte ich ſchüchtern und näherte mich ihm; darauf ſtreckte auch er ſeine Hände aus, zog mich zu ſich und küßte mich mehrfach auf die Stirn. Dann umringte mich ein Schwarm von Damen, die mich der Reihe nach umarmten, über deren Perfönlichkeiten ich aber ſo unſicher war, daß ich, nachdem ſie mich freigegeben hatten, keine Ahnung davon hatte, welche von ihnen die Dante Julia, und welche die Tante Mary war, und ob die ſchüchterne junge Dame, die mich nach ihnen umarmte, die Frau vom Onkel Archibald oder vom Onkel Wilfred war. Doch nach einiger Zeit beruhigten wir uns Alle, die Taſchentücher waren über⸗ flüſſig geworden, und man that jetzt von allen Seiten ebenſo freundlich mit mir, wie man mich früher vernachläſſigt hatte. Tante Mary wünſchte, mich im Park umherzuführen, Tante Julia behauptete, ich würde mich nach meiner Stube ſehnen, und⸗wollte mich dahin bringen, während die Großmama verſicherte, ſie hätte noch lange nicht genug von mir, und Niemand ſollte mich entführen. Es wurde ſo viel Weſen um mich gemacht, daß die Couſine Marcia gar nicht zur Geltung kam, und mein Vormund ſagte lachend, wenn ſie mich Alle ſo in Anſpruch nehmen wollten, wäre es wohl das Beſte, wenn er mich wieder mit nach Rockbury nähme. Für mich aber war es wohlthuend und erfreulich: mich beſchlich Rührung,
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als die Augen des Großvaters mich ernſt beſchauten, als ob er mich mit meiner Mutter verglich, und als ich hörte, daß die Großmama mich immer wieder„theure Ciſſy“ nannte, ſich dann lächelnd und ſeufzend verbeſſerte und ihre runde, weiße Hand mit dem Ausdruck der lebhafteſten Theilnahme auf die meine legte.
Die Schweſtern meiner Mama konnten es nicht unterlaſſen, ſich gegenſeitig Bemerkungen über meine auffallende Aehnlich⸗ keit mit ihr in'’s Ohr zu flüſtern; mir entgingen dieſe nicht, ſie waren aber aus Rückſicht für den Vetter und für mich zu zartfühlend, um den Namen der Mama laut zu nennen.
Mir machte es große Freude, und ich dachte, ſie müßten
das Gefühl haben, als ob die liebe, verlorene Schweſter
wieder zwiſchen ſie träte. Ich nahm mir vor, mich ſo zu benehmen, daß es ihnen erleichtert würde, die trüben Erinner⸗ ungen, welche ſich an ſie knüpften, zu vergeſſen. Dieſes er⸗ ſchien mir wie eine heilige Verpflichtung, die mir auferlegt war, wie ein neuer Lebenszweck, und ſpornte mich an, das herzliche Entgegenkommen meiner Verwandten auf's Wärmſte zu erwidern.
Doch es war ſchon ziemlich ſpät geweſen, als wir nach Frampton kamen, und nachdem wir noch ein Stündchen in
der Bibliothek verplaudert, war es die höchſte Zeit für uns,
zum Eſſen Toilette zu machen. Während Vetter Ulih mit ſtrahlenden Augen und mit den Anzeichen der aufrichtigſten Freude den verſchiedenen Ausdrücken über meine Erſcheinung gelauſcht, hatte Marcia in ziemlich ſchlechter Laune auf dem Sopha Platz genommen, und ſie war die Erſte, die daran erinnerte, daß es Zeit zum Aufbruch ſei. Darauf erklärte Tante Mary ſich bereit, ſie nach ihrer Stube zu bringen,
und Tante Julia nahm mich in Beſchlag. Ich war meiner
Sache noch nicht gewiß, welcher von den Beiden ich den Vorzug zuerkannte; Mary Halſtedt glich offenbar am meiſten meiner alten Großmama, während Lady Otho viel Aehnlich⸗ keit mit meiner theuren Mutter hatte, wenngleich ſie bei Weitem nicht ſo hübſch war; und mein Herz trieb mich ge⸗ waltſam, mich an ihren Arm zu hängen und es ihr zu ſagen. Als wir die breite Treppe hinaufgegangen waren und über den langen Korridor ſchritten, legte ſie liebreich ihren Arnn um meine Taille; da konnte ich nicht länger zurückhalten und rief aus:
„O, Dante Julia, wenn Mama doch hier wäre!“
„Still, liebes Kind,“ ſagte ſie ſchnell,„nenne ihren Namen nicht,„wenn Du den Papa nicht verdrießen willſt; er er⸗ wähnt ihrer nie, und ich weiß jetzt noch nicht, wie er ſich darin finden wird, Dich täglich um ſich zu ſehen.“
„Aber Du haſt doch auch viel Aehnlichkeit mit ihr,“ flüſterte ich,„und erinnerſt mich ſehr an ſie.“
„Ja, das wurde früher ſchon oft gefunden. Die arme Ciſſy! Es iſt eine traurige Erinnerung.— Doch nun tritt hier herein, Du mußt die Bekanntſchaft Deiner Vettern und Couſinen machen. Ich habe fünf Kinder; iſt das nicht eine große Familie?“
Darauf gab ſie der Kinderfrau den Auftrag, Ronald und Otho heraufzuholen.
Dann führte ſie mich in ein geräumiges Zimmer; dort ſaßen zwei kleine Mädchen auf hohen Stühlen am Tiſch und nahmen ihr Abendbrot, das jüngſte ſpielte auf der Fußdecke. Es waren herrliche Kinder, und da ich von jeher ſehr für
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