Jahrgang 
2 (1879)
Seite
398
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398 Concordia.

dunkle Stoffe tragen ſollen, während Ulih ſtets die feinſten Muſſeline oder Seidenſtoffe verlangte. Auffallende Moden trug ich nie, ich war immer geſchmackvoll angezogen und hatte dadurch in Rockbury ſchon manchen Anlaß zu Schwätzereien gegeben, was die Couſine mir natürlich ſtets klagend vorhielt. Mein Vormund bekümmerte ſich ſelbſt nicht viel darum, es ſchlug dieſes nicht in ſein Departement, und er kannte auch die Moden nicht. Da er jedoch die Wahl ſeiner Schweſter ſchon mehrfach gemißbilligt und ſich ausgebeten, daß ich in dieſem oder jenem Anzug nicht wieder erſcheinen ſollte, war ſie dahin gekommen, ſehr vorſichtig zu verfahren. Demnach wäre wohl anzunehmen geweſen, daß ich zu einem vierzehn⸗ tägigen Ausflug hinlänglich ausgerüſtet war, doch der Vetter war nicht zufrieden; und ich ſelbſt war ſehr erſtaunt über die verſchiedenen Anſchaffungen bei dieſer Gelegenheit und mißbilligte ebenſo wie die Couſine die Verſchwendung, mit der dabei zu Werke gegangen wurde.

Die feinſten indiſchen Muſſelin⸗Roben, beſetzt mit echten Valencienner Spitzen, ſchwere ſeidene Kleider nach der neueſten Mode mit Schleppen, die weit hinter mir herſchleiften und mich meiner Anſicht nach wenigſtens um fünf Jahre älter machten, feine Handſchuhe, Schuhe und Bandſchleifen, kurz Alles, was ſich ein junges Mädchen zu einer eleganten Toi⸗ lette nur wünſchen kann, lag auf meinem Zimmer bereit, um in die Koffer verpackt zu werden. Doch mehr als Alles ent⸗ zückten mich die Schmuckſachen, die mir der Vetter noch dazu ſchenkte, Broſchen und Halsbänder, die er ſelbſt ausgewählt; an jedes einzelne Stück knüpften ſich Erinnerungen an ſeine freundlichen Blicke und Worte, die ſich tief in mein Herz prägten. Was gab ich auf alle Kleider, Umhänge und Coiffüren, die ein Schauer Regen oder ein kurzer Gebrauch werthlos machen konnte? Es war ja gütig von ihm, dieſe für mich anzuſchaffen, ſo gütig, daß der Gedanke daran mir Thränen in die Augen lockte, doch es waren keine Souvenirs an ihn, den ich nie im Leben zu vergeſſen hoffte. Als er mir aber die Smaragden überreichte, weil ſie, wie er ſagte, mir beſonders gut ſtänden, oder die Perlen, weil ſie ſo rein wären wie ich nach ſeiner thörichten Idee, dieſe ſchönen milchweißen Perlen! da war mir zu Muthe, als ſei jedes einzelne Stück ein Theil von ihm, das ohne Worte von ſeiner innigen Liebe ſprach, und der Beſitz machte mich ſo glück⸗ ſelig, daß ich mich oft noch ſpät Abends vor dem Zubette⸗ gehen damit ſchmückte. Was hätte er wohl von mir gedacht, wenn er gewußt hätte, daß ich ſo einfältig war! Endlich kam der Tag, an dem wir in Frampton erſcheinen ſollten. Trotz eines ſehr freundlichen Briefes von meiner Großmama, worin ſie die mir durch den Vetter Ulih überbrachte Einladung noch⸗ mals erneuerte, fürchtete ich mich etwas vor dem erſten Er⸗ ſcheinen in der Familie, die mir ſo uahe ſtand und doch ſo lange fremd geblieben war, und ich machte es ausdrücklich zux Bedingung, daß der Vetter ſelbſt mich dort einführen ſollte. Mit der Couſine Marcia allein wollte ich nicht hingehen. So mußte er ſich halb todt quälen, um nur ſo weit zu kommen, daß er den Abend für Frampton frei bekam. Froh⸗ und heiter traten wir unſere Reiſe an, die Couſine Marcia war nicht ſchlechterer Lauue als gewöhnlich und der Vetter in einer ſo ausgelaſſenen Stimmung, wish ihn nie geſehen. Er lachte ungebunden, worin ich nur zu Fern mit einſtimmte, zeigte mir alle die Herrenſitze, an denen wir vorüberfuhren,

machte Witze über deren Beſitzer und erzählte uns die Bon⸗ mots, die über ſie conrſirten. Je näher wir aber unſerem Ziele kamen, deſto einſilbiger wurden wir; ich gedachte unwill⸗ kürlich meiner theuren verſtorbenen Mutter, und der Vetter Ulih wahrſcheinlich auch. Es ſchien mir dieſes ſo natürlich, und ich ergriff ſeine Hand, nicht um ihn aus ſeinen ernſten Gedanken zu reißen, ſondern nur um ihn meiner Sympathie zu verſichern. O, welch' ein vielſagendes, freundliches Lächeln belohnte mich dafür, wie innig drückte ſeine liebe Hand die meine! Blick und Händedruck ſchienen mir die Betheuerung zu geben, daß meine Liebe ihn für Alles, was er mit ihr verloren hatte, entſchädigte. Große Freude machte es mir, ſo raſch bei ihm Verſtändniß und Antwort zu finden, mir war es, als wären wir uns näher denn je gekommen und als ſchwände mehr und mehr jede Verſchiedenheit zwiſchen uns. Es wäre unrecht von mir, wenn ich behaupten wollte, daß die Mittheilung über die Liebe des Vetters zu meiner Mama mein Glück erhöht hätte. Ciferſüchtig auf die theure Entſchlafene, die ſo einſam und verlaſſen auf dem Kirchhofe in Saltpool ruhte, war ich nicht Gott bewahre! Doch ich befürchtete immer, daß der Vetter einen gar großen Unter⸗ ſchied zwiſchen uns finden müßte; ſie war ſo lieblich und

zart geweſen; ich konnte es noch aus den eingefallenen, leiden⸗

den Zügen, die mir ſo treu im Gedächtniß ſtanden, heraus⸗ leſen; in den meinigen lag ein zu fremder Ausdruck, um etwas Anderes ſein zu können als ein dürftiges Ebenbild von ihr. In ihrem Benehmen hatte ſie etwas ſo Vornehmes und Gemeſſenes, ihre Sprache war ſo milde, und bei Anderen berührte jedes laute Sprechen und unfeine Ausſprache ſie un⸗ angenehm. Wenn ich das Letztere nun auch von mir nicht ſagen zu können hoffte, ſo wußte ich doch ſehr wohl, daß ich in meiner Lebhaftigkeit oft etwas laut wurde und auch mehr herausplauderte, als ich wollte. Hatte Vetter Ulih meine ſelige Mama ſo geliebt, daß er ſie ſich zur Lebensgefährtin wünſchte, ſo erſtaunte es mich, daß nun ſein Auge auf mich gefallen war, und oft hatte ich den ſehnlichen Wunſch, ihr mehr zu gleichen. Eines Tages, entſinne ich mich, überkam mich dieſer Gedanke ſo lebhaft, daß ich meine Arme um ſeinen Hals ſchlang und ihn bat, mir zu ſagen, ob es der Fall wäre und ob er mich nur liebte, weil ich ihn an ſie erinnerte. Da antwortete er mir ſo lieb, ſo leiſe und doch ſo feſt:

Petronel, ich liebte ſie, weil ich Dich nie geſehen; jetzt iſt

mir ihr Andenken lieb, weil ſie mir ein Vermächtniß hinter⸗ ließ, das mir theurer iſt, wie ſie es je war.

So war es reine Sympathie, die mich meine Hand in die ſeine legen hieß, als wir uns Frampton näherten; er gab ſie nicht eher frei, bis wir unter dem Portale hielten. Die Be⸗

ſitzung, auf der meine arme Mama geboren war und aus der ſie mit dem Manne ihrer Wahl geflohen, war ſchön.

Sobald wir durch den Thorweg paſſirten, erklang eine Glocke, und zwei Diener erſchienen, um uns beim Ausſteigen behilf⸗ lich zu ſein. Als wir nebeneinander durch die Hausflur gingen, griff ich wieder ängſtlich nach der Hand des Vetters, doch lächelnd entzog er ſie mir.

Mademoiſelle, ſagte er ſchelmiſch,wollen Sie ſich ge⸗

fälligſt der würdevollen Stellung erinnern, in der ſie hier

auftreten! 1 3 Ich bin aber ſo furchtſam, flüſterte ich ihm zu. Darauf Ke er meinen Arm in den ſeinigen; das machte mens

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