Jahrgang 
2 (1879)
Seite
397
Einzelbild herunterladen

Toncordia. 297

Ein Druck meiner ünken Hand, die ich meinem Vormund gelaſſen, erweckte mich aus meiner Träumerei, ich fühlte etwas Hartes an meinem vierten Finger. Als ich hinſah, erblickte ich einen Ring daran einen Ring mit Brillanten, ſo ſchön wie ich nie gehofft, ihn je zu beſitzen, die großen, reinen Edelſteine funkelten in tauſend Regenbogenfarben und ſetzten die Hand, die ſie ſchmückten, gewaltig in Schatten.

O, Vetter Ulih, wie ſchön! Welch' köſtliche Diamanten, ſie ſind zu ſchön für mich! Soll ich ſie wirklich haben?

Wenn Du willſt, ja, Liebling!

Aber was ſoll ich Dir denn dafür wiedergeben!

Halt' treu an mir! Das iſt Alles, was ich verlauge, antwortete er mit bewegter Stimme. Ich ſah ein, daß ich ihn beunruhigt, und verſuchte, es wieder gut zu machen.

Vetter Ulih, ich gehe mit Dir nach Frampton und will dort gegen Alle freundlich ſein; ſei darüber ohne Sorgen!

Dann biſt Du mein gutes Kind, antwortete er lächelnd; ich wußte wohl, daß Du ſchließlich die Sache von der rich⸗ tigen Seite anſehen würdeſt. So muß es auch ſein, denn bald wirſt Du hier in der Rockburyer Geſellſchaft einen Ehrenplatz einnehmen, und da möchte ich doch nicht, daß man von Dir ſagte, Du ſtändeſt nicht auf gutem Fuße mit Deinen Verwandten.

Bei der Andeutung an das, was mir bevorſtand, erröthete ich. Es war ſonderbar, ſo ſehr ich ihn auch liebte und ſo glücklich ich auch über unſere Verlobung war, ſo dachte ich doch nie darüber hinaus und wäre ganz zufrieden geweſen, wenn Alles ſo geblieben wäre, wie es war. Mein höchſtes Glück war es, ihm verlobt zu ſein, als Beweis ſeines Beſitzes ſeinen Ring tragen zu dürfen, ab und zu an ſeinem Herzen zu ruhen, die Verſicherungen ſeiner Liebe zu hören und jeder⸗ zeit zu ihm kommen zu können mehr verlangte ich gar nicht. Ich wußte wohl, daß ich ihm demnächſt angetraut werden würde und dann den Titel Mrs. Ford bekäme ein Titel, der mich hoch entzückte daß ich dann da, wo nun die Brillanten erglänzten, einen anderen Ring tragen würde; doch bei dieſen Gedanken weilte ich nie lange, und jedesmal, wenn er nur ein Wort darüber fallen ließ, wurde ich ſo verwirrt und bewegt, daß er, um mich zu ſchonen, ſelten davon ſprach. Jetzt weiß ich, woher meine Schüchtern⸗ heit kam; nur das war der Grund, daß ich ihn ſo ſehr liebte!

Mir genügte es ſchon, wenn er mich ſeinen Schatz und jeinen Liebling nannte, und wenn ich raſch auf ſeinen Ruf herbeieilen, ihm bei ſeiner Rückkehr die Thür öffnen und mich dahinter verſtecken durfte; es war dieſes noch ein Nachklang meiner glücklichen Kindheit. Wie viel beglückter war ich aber durch das Gefühl, ein Recht dazu zu haben, mit ihm tändeln und Alles, was ich wollte, thun zu dürfen, ohne ihn zu kränken. Freilich, der Gedanke, ſeine Frau zu werden, war himmelweit davon verſchieden, darin lag etwas ſo ſehr Feier⸗ liches, davor fürchtete ich mich faſt; ich kam mir ſelbſt ſo unwürdig vor, dieſe hohe Stellung einzunehmen.

Ich glaube, er hielt mich damals auch noch für ein Kind, ich entſinne mich noch, daß ich jedesmal, wenn ſeine Unter⸗ haltung ernſter wurde, ängſtlich wurde und von ihm eilte. Er wollte, indem er mich zu ſeiner Höhe hinaufzog, mich were ihm gleich machen, er wollte, daß ich reden und handeln

aber wie ſeine Frau; ich aber konnte mich ſchwer an den

8

-,

Gedanken gewöhnen, auf derſelben Stufe mit ihm zu ſtehen hatte ich ihn doch bisher als ſo hoch über mir ſtehend be⸗ trachtet. So lange ich noch mit ihm verkehrte wie ein Kind mit ſeinem Vater, ging Alles gut, bald aber forderte er mehr von mir, und da betrübte und enttäuſchte ich ihn mitunter.

Biſt Du auch deſſen gewiß, daß Du mich liebſt? fragte er mich mit gefalteter Stirn,weißt Du auch, was es be⸗ deutet, wenn Du gelobſt, mit Einem nur Dein ganzes Leben hinzubringen?

O, Vetter Ulih, was habe ich gethan, daß Du an mir zweifeln kannſt? wollte ich ihm ſchon zurufen und ihn dabei mit einem Blick voll treuer Liebe anſehen, der jeden Zweifel hätte vernichten müſſen, doch bei dem Gedanken, daß er dann mir Mancherlei ſagen würde, was auf unſere Zukunft hin⸗ deutete und worin ſeine Hoffnungen ausgedrückt waren, wurde ich unruhig und zitterte; es ſchien mir, als leitete er mich zu raſch nach einer Stellung, für die ich noch nicht geeignet war. So ſchwieg ich denn, entzog mich ihm und zeigte ihm dadurch, daß ich noch nicht im Stande war, ihn anders als auf meine alte kindliche Weiſe zu lieben. Mehr als einmal hörte ich ihn dann tief ſeufzen und murmeln:

Petronel, Du weißt noch nichts von Liebe, Du biſt noch ein Kind! So ſehr mich auch ſeine Klagen betrübten, ſo wußte ich doch kein Mittel, wie ich ihnen abhelfen ſollte. Ich war ſo glücklich, ſo ſtolz in dem Beſitz ſeiner Liebe, doch ich war noch zu jung, um völlig ſchon deren Größe und Tiefe würdigen zu können; ich ſpielte mit der Liebe des Vetters, wie ein Kind die ſchönſten Juwelen als Spielzeug behandelt, ohne deren hohen Werth zu kennen; ich war zufrieden in der Ueberzeugung, ſie ganz wieder in dem Maße wie früher zu beſitzen, und dachte nicht weiter an die Zukunft. Der Mann liebt in anderer Art wie die Jungfrau, und ich fürchte, daß er oft ſelbſt mitten in ſeinen Berufsbeſchäftigungen mit Schrecken daran gedacht hat, daß Die, der er ſich verlobt, noch ein albernes, unerfahrenes und dabei ein widerſpenſtiges Kind ſei.

9. Kapitel. Jortſetzung.

Ich glaube kaum, daß die Ausſicht auf den Beſuch in Frampton bei der Couſine Marcia mehr Anklang fand als bei mir; ſie hatte zwar ſtets mit dem Onkel und den übrigen Verwandten dort auf ſehr freundſchaftlichem Fuße gelebt, auf längere Zeit ging ſie aber überhaupt nur ungern aus dem Hauſe; ſie bildete ſich ein, daß in ihrer Abweſenheit der ganze Haushalt zurückginge, obgleich alle Domeſtiken darin ſchon beinahe eben ſo lange gewirthſchaftet wie ſie, und mir zu Gefallen fortzugehen, hielt ſie für ſehr überflüſſig. Sie klagte und ſeufzte unaufhörlich, namentlich über Ulih's ſchlechte Beköſtigung, bis dieſer endlich ärgerlich wurde und ſie fragte, wie er denn hätte fertig werden ſollen, wenn ſie nie exiſtirt hätte. Ein Umſtand war es aber beſonders, der ihre Laune gründlich verdorben hatte. Ihr Bruder hatte nämlich den Wunſch ausgeſprochen, meine Toilette vor der Reiſe noch ver⸗ beſſert zu ſehen. Schon von Anfang an, ſeit der Vetter Ulih mich adoptirt,batte dieſes Kapitel ſchon mehrfach Ver⸗ anlaſſung zu Konflikten zwiſchen den Geſchwiſtern gegeben, ich hatte zwar nicht viel davon gehört, merkte es aber deutlich; Marcia's Wünſchen nach hätte ich nur Linſey⸗woolſey oder

mõõÿ