396 Concordia.
Allem in Keuntniß geſetzt war und mir dieſes zeigen wollte. So nahm ich ihre Worte für Wahrheit und ſchloß die Sprecherin in meine Arme. Dabei, fürchte ich, zerdrückte ich wohl etwas ihren Kragen, denn ſie ſchien froh, als ich ſie freiließ, und bemerkte, es wäre wohl an der Zeit, daß ich mich von meinen ſtürmiſchen Angewohnheiten losſagte. Vetter Ulih war Zeuge dieſer Szene, doch ich war zu glücklich und zugleich zu verſchämt, um von ihrem kleinen Seitenhiebe weiter Notiz zu nehmen. Während des Frühſtücks war ich ſo ſchüch⸗ tern wie nie zuvor, und zum erſten Mal in meinem Leben, meine Krankheit ausgenommen, war ich völlig unfähig, etwas zu genießen.
Am anderen Tage wartete meiner eine überraſchende Neuigkeit, ich weiß aber kaum zu ſagen, ob dieſe mich an⸗ genehm oder unangenehm berührte.
Der Vetter Ulih hatte mit meinem Großvater von unſerer Verlobung geſprochen, und Sir Lionel wünſchte, daß Marcia und ich in der folgenden Woche nach Frampton kommen und dort einige Zeit bleiben ſollten.
Mein Vormund ſchien über dieſe Ausſichten hocherfreut und erwartete mit Sicherheit, daß auch ich glücklich ſein würde, meinen Verwandten nun näherzutreten; ich aber ſtand ſchweigſam vor ihm und war meiner Sache nicht gewiß, ob dieſe mir ſo ſpät gezeigte Berückſichtigung mich erfreute oder nicht. Drei Jahre lang waren ſeit dem Tode meiner theuren Mutter verſtrichen, und während dieſer hatten ihre Eltern und Geſchwiſter mich gänzlich der Güte des Vetters über⸗ laſſen und hatten, wenn ſie auch ab und zu nach mir ge⸗ fragt, es nicht der Mühe für werth gehalten, mich kennen zu lernen. So erklärt es ſich wohl, daß jetzt, wo ich nach Frampton befohlen wurde, um ihren Wünſchen nachzukommen, ein gerechter Stolz in meinem Herzen aufwallte. Der Vetter Ulih, dem die Fähigkeit eigen war, meine innerſten Gefühle zu errathen, ſprach zu mir, als ob ich ſie ihm mit Worten dargelegt.
„Der Gedanke an den Beſuch in Frampton will Dir noch nicht recht gefallen, Petronel. Du denkſt wohl, dieſe Einladung hätte ſchon früher erfolgen können, und haſt wohl nicht übel Luſt, ſie abzulehnen?“
„Nein, das nicht, allein ich habe auch keine Freude daran, Freundlichkeiten anzunehmen, die man mir nicht um meiner ſelbſt willen anbietet. Als ich verlaſſen und ſchutzlos in der Welt ſtand, da verlangte Sir Lionel nicht, mich zu ſehen, und nun, da es mir an nichts fehlt, gefällt es ihm, zu ſagen, ich ſollte nach Frampton kommen. Ich hätte die größte Luſt, es nicht zu thun.“
„Du denkſt aber, um meinetwillen kannſt Du es nicht vermeiden?“
„Nein, nein, Vetter Ulih, ſei überzeugt, ich bin nicht zu ſtolz, etwas anzunehmen, was mir Dir zu Gefallen an⸗ geboten wird; ich wünſchte, es wäre nur Deinetwegen und nicht meinetwegen. Habe ich nicht dieſe drei Jahre hindurch Alles von Dir angenommen? Doch mir ſcheint die Ein⸗ ladung jetzt nur deshalb zu erfolgen, weil man in Frampton einſieht, daß ich der Familie keine Ungelegenheiten mehr ver⸗ urſachen werde.“
„Darin irrſt Du, Liebling; Du könnteſt dieſe nie bereiten, ſie waren nur zu befürchten von Jemandem, der jetzt nicht mehr lebt, von Deinem Vater.“
Bei Erwähnung meines Vaters ſchrak ich zuſammen, ich fühlte, daß ich blaß wurde; Vetter Ulih bemerkte meine Aufregung und ſchloß mich in ſeine Arme.
„Waren die Ungelegenheiten, welche meine Mutter ihrer Familie bereitete, denn ſo arg?“ fragte ich leiſe.
„Ja, die Verheiratung ihrer Tochter mit einem Manne ohne Namen und ohne Charakter hat ihnen unnennbaren Kummer verurſacht. Es iſt ſchmerzlich für Dich, liebes Kind, ſo etwas zu hören, doch es iſt das Beſte, wenn ich offen gegen Dich bin, ſo ſchwer es mir auch wird, zumal da der Urheber alles Kummers nicht mehr unter den Lebenden weilt.“
„Bedenke aber, wenn er noch lebte,“ ſtammelte ich ängſt⸗ lich,„und wenn er käme und ſeine Anſprüche auf mich geltend machte?“
Ich fand es ſelbſt unrecht von mir, daß ich dieſes ſagte, ich war aber ſo aufgeregt, daß ich nicht wußte, was ich ſagte.
„Liebe Petronel, es liegt auch nicht der geringſte Grund
vor, um dieſes anzunehmen, darüber beruhige Dich. Wäre
Sir Lionel davon ſo überzeugt geweſen wie ich, ſo hätte er mit dem Wunſch, Dich kennen zu lernen und bei ſich in Frampton zu ſehen, nicht ſo lange zurückgehalten. Ich denke mir, er war der Anſicht, das Eins ohne das Andere nicht anging, und fürchtete wohl, daß Dein Vater, ſobald er von Deinem Aufenthalt in Frampton hören würde, hervortreten könnte, um Dein Vermögen in Anſpruch zu nehmen. So wird die Sache ſich wohl verhalten, und wenn ſich auch die Selbſtſucht Deines Großvaters nicht wegleugnen läßt, ſo iſt ſie doch nicht derart, daß ſie eine Ablehnung von Deiner Seite rechtfertigen könnte, nun er Dir die Hand bietet. Jetzt hält Sir Lionel Deine Zukunft für geſichert.“ Bei dieſen Worten ergriff Vetter Ulih die Finger meiner linken Hand und ſpielte damit.„Er glaubt, daß er Dir nun ſeine natürliche Liebe zeigen kann, ohne Gefahr zu laufen, daß Jemand zwiſchen Euch tritt; willſt Du mir zu Liebe handeln, ſo verſuche es, ihm auf halbem Wege entgegenzukommen, und benimm Dich ſo gegen ihn, daß er es nicht bemerkt, daß Du wegen ſeines früheren Auftretens Dir gegenüber gegen ihn eingenommen geweſen biſt.“
„Doch, Vetter Ulih, wenn jemals der Fall eintreten ſollte, daß mein Vater wiederkäme— würdeſt Du Dich dann meiner nicht ſchämen und es nicht bereuen, mit mir verlobt zu ſein?“
„Petronel, wie kannſt Du mich nur um ſo etwas fragen? Es liegt auch nicht der allergeringſte Grund vor, an die Möglichkeit, die Du andeuteſt, zu glauben. Schlage Dir alle Gedanken daran aus dem Sinn, ſie quälen und ängſtigen Dich nur und ſind ganz grundlos. Dein armer Vater iſt heimgegangen, darauf deutet Alles hin, wenn wir auch nichts Näheres erfahren haben. Du biſt eine Waiſe wie ich.“
Vor Scham unfähig, mein Geſicht zu ihm aufzurichten, ſchmiegte ich mich an ihn und wünſchte innerlich, er möchte deſſen, daß er nie durch meinen Vater betrübt werden könnte, nicht allzu ſicher ſein. O, wie ſehnte ich mich danach, ihm
mein Herz ausſchütten zu können; doch die Erinnerung an⸗
mein Gelöbniß und an die Drohungen, durch welche dieſes mir abgepreßt war, verſcheuchte dieſen Wunſch, ich barg
lmeinen Kopf an ſeiner Bruſt und ſchwieg.
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